Von Macht, Begehren und mangelndem Empowerment

Von kata_____lovic

Als ich von Vladimir hörte, war mir sofort klar, einen Roman mit einer starken Erzählstimme einer Frau Ende 50, die begehrt, möchte ich unbedingt lesen. Es hungert mich nach empowernden Frauenfiguren jenseits der 30er und 40er, die mit ihrem Körper und ihrer Sexualität positiv leben. Zu oft las ich von älteren Frauen, deren Begehren nicht ungestraft davon kam, zuletzt bei Das Leben keiner Frau von Caroline Rosales oder bei Blütenschatten von Annalena McAfee.

Liebes leben auf dem Campus

Vladimir, das Debüt der amerikanischen Theaterregisseurin und Schauspiellehrerin Julia May Jonas, das in der Übersetzung von Eva Bonné im März im Karl Blessing Verlag erschienen ist, thematisiert das Älterwerden, das Begehren, die Geschlechterrollen heterosexueller Beziehungen und die #MeToo Debatte. Von außen betrachtet ist die Geschichte schnell erzählt. Die namenlose Protagonistin ist 58 Jahre alt. Sie ist ebenso erfolgreich wie ihr Mann. Wie er ist sie Professorin für Literatur an einem mittelprächtigen College. Sie haben eine wohlgeratene erwachsene Tochter, leben nebeneinander her auf dem Campus, bis der Mann suspendiert wird.

Sieben ehemalige Studentinnen beschuldigen ihn, seine Machtposition ausgenutzt und sexuelle Beziehungen mit ihnen unterhalten zu haben. Die Lage scheint klar, die Protagonistin ist entweder auch Opfer oder Komplizin, die Studierenden und Kolleg:innen drängen sie, Haltung zu beziehen: Wie steht sie zu der Sache, wie geht sie damit um?

Ü 50 = kein sexuelles Leben mehr?!

Wir haben es mit einer klugen und starken Protagonistin zu tun. In ihrer Welt jedoch gehören Macht und Begehren zusammen, Machtmissbrauch bei Volljährigkeit ergibt für sie keinen Sinn. Manchmal zweifelt sie leise. Sie hadert mit vielem, dem Altern, der Frage von Beziehungen, der Weiblichkeit, dem Begehren und fühlt sich letztlich nicht viel anders als ihr Mann. Sie wäre selbst gerne ein lustgesteuerter alter (Weißer) Mann. Nur die Rollen, die ihr als Frau zugewiesen werden und die sie sich selbst zuweist, verändern ihre Möglichkeiten und den Kontext.

Sie und ihr Mann hatten schon früh in der Ehe ein Arrangement getroffen. Sie gestanden einander zu, ihrem Begehren nachzugehen. Die Protagonistin hörte allerdings in ihren 40ern auf, sexuell aktiv zu sein. Zu stark war sie beschäftigt mit einer Enttäuschung und den einnehmenden Gedanken, für die Männer nicht mehr attraktiv und jung genug zu sein. Ja, so scheint es auch in unseren Zeiten zu gelten, wollen wir der Literatur Glauben schenken.

Irgendwann in den 40ern ist ein vermeintlicher Wendepunkt im Leben sexuell positiver Frauen. Wähnen sie sich plötzlich auf einem schmalen Grat zwischen Unsichtbarkeit, Attraktivität, Würde oder Lächerlichkeit. Body Positivity und Sexual Positivity scheint nichts für Frauen ab 50 zu sein, nicht im literarischen Mainstream, leider. Als Vladimir die Bühne betritt, ein strahlend schöner und kluger Juniorprofessor in seinen 40ern, verknallt die Protagonistin sich sofort. Sie flieht sich in sexuell aufgeladene Phantasien, in denen sie wieder jung ist, ihn verführt, alles um sich herum vergisst.

Unterhaltsam, aber überfrachtet

Die innere Beschäftigung mit Vladimir innerviert sie, lenkt sie ab, inspiriert sie zum Schreiben, erwächst zu einer Obsession. Und er ist ihr durchaus zugetan. Sie mag keine Sympathieträgerin sein, spröde, streitbar ihre Gedanken. Die klischeehafte Darstellung des schönen Russen Vladimir Vladinski sei angemerkt. Ihre bewussten Gedanken zu ihrer Lage als alternde Frau inspirieren indes sehr und regen an, über eigene Bilder und ja auch Ängste vor dem Altern nachzudenken.

Der Roman funktioniert in weiten Teilen gut. Leider überfrachtet die Autorin die Geschichte, indem sie versucht in Nebensträngen zu viele Diskurse und Debatten unterzubringen. Ihre Tochter ist lesbisch und pflegt im Grunde genommen einen sehr konservativen Lebensstil. Weil ihre Partnerin ein Kind haben möchte, gerät sie in eine Krise. Die Autorin scheint aufzeigen zu wollen, dass die Frage des Begehrens, der Treue und wie langfristige Beziehungen glücklich funktionieren können, auch unabhängig von sexueller Orientierung eine Rolle spielen. Eine banale Botschaft eigentlich.

Zu viel Riss für echtes Empowerment

Bei der Schwarzen Studentin bleibe ich skeptisch zurück. Diese weist die Protagonistin mit dem Argument zurück, #MeToo sei eine Weiße Debatte, da der Professor nur mit Weißen Studentinnen Verhältnisse einging. Das erscheint mir nicht plausibel, zur gleichen Zeit betont die Autorin die Attraktivität der Schwarzen Studentin. Klar mag sich der Kontext verändern, wenn eine Schwarze Studentin betroffen ist. Interessanter wäre die Frage, wie es einer Figur ergeht, die nicht klassisch schön oder attraktiv ist und sich von dem Begehren ausgeschlossen fühlt.

Vladimir ist ein gut geschriebener, spannungsaufbauender Unterhaltungsroman. Auf seinem Höhepunkt kippt er mitunter ins Slapstickhafte und es wird dick aufgetragen. Zum Schluss scheint es der Autorin ein Bedürfnis gewesen zu sein, alles, wirklich alles auszuerzählen und meine Begeisterung mit dem Hintern wieder einzureißen, schade. Ich empfehle Vladimir trotzdem, denn es gibt zu wenig Literatur mit starken begehrenden älteren Frauen. Aber ich suche weiter nach empowernder sexuell positiver Literatur, mit der sich Frauen ab den 50ern identifizieren können.

kata_____lovic ist Psychotherapeutin und so wie hier mit vielen klugen Einschätzungen auf bookstagram unterwegs.

Vladimir von Julia May Jonas

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Julia May Jonas: Vladimir; Aus dem Englischen von Eva Bonné; März 2022; Hardcover, gebunden, mit Schutzumschlag; 352 Seiten; ISBN: 978-3-89667-731-0; Blessing; 24,00 €; auch als eBook erhältlich

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