Liebe ist kompliziert

Lieben wir heute anders als früher? Und wird in anderen Erdteilen anders geliebt als in Deutschland und Europa? Vermutlich und bei KATAPULT gibt es ein spannendes, humorvolles Buch hierzu (unsere Besprechung folgt). Zumindest für China und Asien ist aber auch ohne jenes Buch festzuhalten, dass sich Liebe und Liebesleben in einigen Punkten unterscheiden.

Ein Bild hiervon liefert der Roman Liebe im neuen Jahrtausend der chinesischen Autorin Can Xue, das im Herbst 2021 im Verlag Matthes & Seitz erschienen ist. Es erzählt so manche Geschichte über Liebe und Liebelei, hält sich dabei aber eigentlich ganz traditionell. Wer erwartet, auf chinesische Dating-Apps, Blind Dates oder besondere Fetische zu stoßen, dürfte eher nicht auf seine oder ihre Kosten kommen.

Wei Bo und „seine“ Frauen

Hauptschauplatz der Geschichte ist eine namentlich nicht genau benannte Stadt, vermutlich eine Kleinstadt, in China. Wie die Stadt selbst ist aber auch die weitere Handlung eher ein kleiner Mikrokosmos, in dessen Mitte der 48-jährige Wei Bo, Arbeiter in einer Seifenfabrik, steht. Um Wei Bo herum entdecken wir ein Geflecht aus Liebschaften, Begehren, Verlangen und auch ein wenig Verrat.

Wei Bo ist verheiratet mit Xiao Yuan. Er betrügt sie unter anderem mit der Witwe Niu Cuilan, sie beginnt auf einer Reise eine Affäre mit Doktor Liu aus der Stadt Chao – einer Stadt mit „Pfirsischbäumen“-, in das sie geht, als ihr Gatte ins Gefängnis gehen muss. Niu Cuilan hingegen ist erst einmal ratlos als sich Wei Bo überstürzt von ihr verabschiedet, geht selbst kurz aufs Land zu ihrer Familie und sucht so manchen Hintergrund – auch und primär persönlicher Natur – zu eruieren.

Kennengelernt haben sich Niu Cuilan und Wei Bo in einem Wellnesshotel, das auch ganz besondere Dienstleistungen anbietet. Auch die Frauen Ah Si und Long Sixiang sind dort „bedienstet“, auch sie konnten Wei Bo in der Vergangenheit bereits näherkommen. Weitere Nebenfiguren wie der Antiquitätenhändler Herr You oder der Polizist Xiao He runden das Personengeflecht um Wei Bo ab.

Ein Geflecht aus Beziehungen

Das klingt alles relativ komplex und das ist es auch. Vermutlich gab es bereits im letzten Jahrtausend so manches etwas wirre Beziehungsgeflecht – in China wie auch anderswo – aber Can Xue treibt es in ihrem Roman quasi auf die Spitze. In elf Kapiteln handelt sie einzelne Handlungsstränge ab, die jeweils eine gewisse Person oder Beziehung um Wei Bo im Zentrum haben. Gleichzeitig sind diese Stränge alles andere als disjunkt voneinander, im Gegenteil, sie greifen zunehmend ineinander, wenn Personen und Beziehungen in verschiedenen Kapiteln erst angedeutet, um später (oder zuvor) genauer illustriert zu werden.

Ein solches ineinander gewobenes Konzept verfolgt beispielsweise Daniel Kehlmanns Roman Ruhm und dort funktioniert das fantastisch – auch wegen der verschiedenen Erzählebenen. Bei Can Xue und Liebe im neuen Jahrtausend ist das nicht so einfach. Das mag vielleicht daran liegen, dass so manche Eigenheit der jahrtausendealten chinesischen Kultur hierzulande nicht so bekannt oder üblich ist. Karin Betz, die den Roman aus dem Chinesischen übersetzt hat, leistet zwar große Arbeit, aber es ist doch ein recht komplexes Geflecht, mit dem Can Xue uns konfrontiert.

Oftmals war es dem Rezensenten nicht ganz nachvollziehbar, wieso Figur X nun so agiert, wieso sie an diesen und jenen Ort fährt oder einen bestimmten Gedanken fasst. Viele Punkte sind in Liebe im neuen Jahrtausend eher angedeutet, was auch dem uns geläufigen Verständnis chinesischer Kultur entspricht: höflich, nicht immer direkt, vieles wird durch die Blume gesagt, nicht zuletzt, um die staatliche Überwachung nicht aufmerksam zu machen. Besonders das Nachwort von Eileen Myles (aus dem Englischen übersetzt von Milena Adam) liefert jedoch noch einmal wichtige, einordnende Hinweise.

Frauen und der Subtext

Auffallend ist besonders, dass, obwohl mit Wei Bo ein Mann im Zentrum des Erzähluniversums steht, es die Frauen sind, an deren jeweiliger Geschichte sich Liebe im neuen Jahrtausend entlanghangelt und aus deren Perspektive die meisten Kapitel erzählt werden. Das Weibliche wird ohnehin vielfach betont, das Schicksal der Frauen, für die die Beschäftigung im Wellnesshotel tatsächlich ein Aufstieg zu sein scheint, weg von einem elenderen Leben – die meisten arbeiteten zuvor unter schwersten Bedingungen in einer Baumwollfabrik.

Und so verstecken sich, wie bereits erwähnt, vor allem im Subtext manche Botschaften wie beispielsweise zu den harten Arbeits- und Lebensbedingungen in China. Gerade das macht das Buch zwar sehr relevant, aber, wie gesagt, diesen Subtext muss man erst einmal herauslesen und erkennen können. Und das dürfte vermutlich nicht jeder Leserin oder jedem Leser an jeder Stelle gelingen.

So bleibt am Ende festzuhalten, dass Can Xues Liebe im neuen Jahrtausend zwar ein komplexes Buch ist, das vermutlich manche ein wenig ratlos zurücklassen dürfte – den Rezensenten an manchen Stellen eingeschlossen – es aber gleichzeitig spannende und eindrückliche Perspektiven in die heutige Gesellschaft Chinas liefert. Von der im Klappentext prominent beschworenen „Welt ständiger erotischer Verfügbarkeit“ sollte man sich aber nicht in die Irre führen lassen: Liebe im neuen Jahrtausend handelt zwar von menschlichem und sexuellem Begehren, deckt aber dabei nicht alle Begehrlichkeiten ab. Ein Buch, das mensch mit Bedacht und viel Aufmerksamkeit lesen sollte, auf keinen Fall „mal schnell zwischendurch“, denn leichte Lektüre ist es nicht.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Can Xue: Liebe im neuen Jahrtausend (OT: 新世纪爱情故事); 1. Auflage, Oktober 2021; 398 Seiten; Übersetzung aus dem Chinesischen von Karin Betz; mit einem Nachwort von Eileen Myles; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, mit Lesebändchen; ISBN: 978-3-7518-0031-0; Matthes & Seitz Berlin; 26,00 €; auch als eBook erhältlich

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