Meine Tochter, „die Idiotin“

Nicht nur in einem religiösen Kontext ist die Geschichte des verlorenen Sohnes, der, nicht selten reumütig, heimkehrt ein beliebtes Narrativ. Aktuell beschäftigt sich Literatur scheinbar mit kaum etwas so gern, wie mit Familiengeschichten in verschiedenen Kontexten, auch da ist Heimkehr gern ein Thema. So wie im neuen und ersten ins Deutsche übersetzten (von Ki-Hyang Lee), gerade erschienen Roman der koreanischen Schriftstellerin Kim Hye-jin Die Tochter. Heimkehr ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Heimspiel.

Alles nicht so leicht

Denn leicht ist in dieser Geschichte, die aus der Perspektive der verwitweten Mutter erzählt wird, nichts. Ihre Tochter, Green genannt, zieht aus Geldnot gemeinsam mit ihrer Freundin Rain wieder bei der Mutter ein. Diese, als Altenpflegerin selber finanziell, physisch und psychisch belastet, ist alles andere als begeistert. Vor allem auch, da sie die Verbindung der beiden Frauen, wie auch die sexuelle Identität ihrer Tochter und deren „bedeutungslose Existenz“ ablehnt. Die Tochter, eine gesellschaftlich engagierte und einigermaßen idealistische Frau, hingegen versteht nicht, dass ihre Mutter ihr nie zuhört.

So ist das neue Zusammenleben geprägt von unangenehmer Stille, Konflikten, vielen nicht gestellten Fragen, die wir als Leser:innen durch den Einblick in die Gedanken der Mutter zwar vermittelt bekommen, aber natürlich nicht beantworten können. Dass die Mutter darüber hinaus im Allgemeinen mit einer sich verändernden Welt, einer wenig emphatischen Umgebung im Pflegeheim und der Sorge ums Altern beschäftigt ist, erschwert den drei Frauen den Umgang miteinander zusätzlich.

Diese Geschichte, im Ansatz ein interessantes Gesellschaftsporträt, Kritik an einer auf ökonomische Effizienz getrimmten Welt, Studie einer Frau, die nicht recht von ihrer homofeindlichen Einstellung lassen kann und eben eine Erzählung von drei im Kern und Kopf eigenständigen Frauen, klingt vielschichtig und wird vom Verlag Hanser Berlin als „queer, radikal, visionär“ beschrieben. 

Nichts Neues an der Familienfront

Doch leider ist die Geschichte als psychologisierte Studie zu plakativ, als Gesellschaftsporträt zu oberflächlich, als Charakterdrama zwischen Mutter-Tochter-Partnerin zu desinteressiert an den Details der drei. Bleibt im Grunde ein Einblick in den Kopf einer vergleichsweise unzufriedenen Person und ihre Homphobie, die an mancher Stelle in der Tat so hart wie bezeichnend und aus ihrer Mentalität kommend gar nachvollziehbar beschrieben ist.

Dies ist in der Tat neben kleinen, nicht uninteressanten Einschüben der größte Lichtblick von Die Tochter, die mit zunehmender Seitenzahl immer beliebiger und redundanter wird. Mit 170 Seiten hat die Erzählung noch genau die richtige Länge, um nicht frustriert abgebrochen zu werden. Denn wo es an echten Einblicken in die Perspektiven der drei Handelnden fehlt, spart Kim Hye-jin nicht mit Baseballschlägerdidaktik.

Dazu „murmelt“ die Mutter immer etwas und es brechen wechselnd ein „Wortschwall“ oder nur „Wortfetzen“ „zusammenhanglos“ aus ihr heraus, während sie sich fragt, wieso ihre Tochter ihr das alles antut. Sätze, die bedeutungsschwanger und finster sein sollen, wie: „Ein Kampf [das Leben, Anm. d. Red.], der erst mit der absoluten Niederlage endet“ oder die hundertste Variation der Feststellung mit implizierter Frage, dass ihr ihre Tochter so fremd sei, „wie einem jemand nur fremd sein kann“, verstärken nur den Eindruck, das alles sei schon allzuoft erzählt worden. Vom Regen, immer dann, wenn es dramatisch werden soll, mal ganz zu schweigen.

Plump ist nicht nüchtern

Dabei scheint Autorin Kim Hye-jin, in Südkorea immerhin mit dem renommierten Daesan Literaturpreis prämiert, in Die Tochter einiges zu sagen zu haben, dabei aber nicht über die Konzeptphase hinauszukommen. Zu viel davon bleibt so lang an der Oberfläche, dass es sich nach und nach wie ein ranzig werdender Fettfilm auf einer abgestandenen Suppe anfühlt und frustriert. Vor allem, da die Innenansichten der Mutter keine Reflexion, sondern nur dauerhafte Wiedergabe des immer Gleichen sind. Ein Hoffnungsschimmer zum, immerhin passend, einigermaßen unversöhnlichen Ende kommt da so unglaubwürdig wie der zwölfte Twist in schlechteren Krimis. 

Von „großer Sensibilität und sanfter Wucht“, wie es im Klappentext heißt, ist nichts zu spüren. Stattdessen ist die Sprache, die wohl nüchtern und reduziert sein soll, plump bis ordinär. Womit nicht Worte wie „furzen“ gemeint sind, sondern nahezu das gesamte Sprachkonstrukt von Die Tochter. Sachlich, und lakonisch, auch mal derb, das ist beispielsweise Monika Helfer, die erzählt auch sonderbare Familiengeschichten

Eine Bekannte meinte, das Buch sei „underwhelming“ (und noch einiges anderes), das trifft es recht gut. Beim Lesen stellte ich mir mehrmals die Frage: Wem würde ich Die Tochter in die Hand drücken und sagen: „Hier, lies das mal, das könnte was für dich sein.“ Mir ist beim besten Willen niemand eingefallen.

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Kim Hye-jin: Die Tochter; Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee; Januar 2022; Gebunden mit Schutzumschlag; 176 Seiten, ISBN: 978-3-446-27232-3; Hanser Berlin; 20,00 €; auch als eBook erhältlich

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