Da ist Bewegung im Spiel

Beitragsbild: Das Buchcover auf einem Foto der #BlackLivesMatter-Proteste, die im Buch natürlich auch thematisiert werden.

„Aktivismus“ – ein Begriff der gern mindestens halbwegs negativ konnotiert unterwegs ist, irgendwie Radikalität im aggressiven Sinne und auch Gewalt zu beinhalten scheint, außerdem haftet ihm was Aktionistisches an, gesponnene Utopien inklusive und nicht zuletzt, scheint es zwischen linkem, alternativem und/oder krass wokem Aktivismus so gar keine Schnittstelle mit bürgerlichem Leben zu geben. Und was zur Hölle soll dann Bitteschön konstruktiver Aktivismus überhaupt sein?

Aktivismus ist nicht Aktionismus

Der Inklusionsaktivist Raúl Aguayo-Krauthausen und Politikwissenschaftler Benjamin Schwarz schaffen in ihrem gemeinsamen, in der Edition Körber erschienenen Buch Wie kann ich was bewegen? Die Kraft des konstruktiven Aktivismus einiges an Vorurteilen oder schlicht zu kurz gegriffenen Ansichten weg. Dazu reden sie mit diversen Aktivist:innen, die auf ganz unterschiedlichen Feldern unterwegs sind, wie unter anderem der Klimaaktivistin und Autorin Luisa Neubauer, der Seenotretterin und Autorin Carola Rackete, dem Ex-Grünen-Politiker und Finanzaktivisten Gerhard Schick, der Aktivistin und Neu-Grünen-Politikerin Kathrin Henneberger, der Publizistin und feministischen Aktivistin Anne Wizorek der Expertin für Rassismuskritik und Autorin (exit Racism) Tupoka Ogette, dem Demokratieaktivisten Shai Hoffmann oder dem Sozialaktivisten Ali Can.

Auch Greta Thunberg wird im Buch eine wesentliche Rolle zuteil

Diese Gespräche sind jedoch nicht wie in manch einem Gesprächsband aneinander gepappt, sondern sind in Themenbereichen immer wieder Bestandteil ebendieser. Nach einem Vorwort geht es in die ausführliche Einleitung „Aktivismus“, es folgen die Bereiche „Aktion“, „Begegnung“, „Macht“, „Ohnmacht“, „Bewegung“, „Petitionen“ und „Konstruktiver Aktivismus“, die im Grunde schon recht selbstbeschreibend und in sich noch einmal leicht aufgesplittert sind. 

Wie kann ich was bewegen? setzt dabei Gesprächsteile und Beispiele aus dem Leben der Aktivist:innen und anderweitig passende Momente nebeneinander, was das Buch sehr plastisch aber auch fakten- und nicht nur ansichtsbasiert sein lässt.

Lob und Tadel…

Womit wir schon bei einem der großen Vorteile wären, denn auch wenn sich der Band klar an ein tendenziell linkes, vielleicht noch linksliberales, Klientel wendet, ist er an vielen, vielen Stellen doch recht differenziert, vermeidet Pathos und zumeist das Bashing einzelner Parteien oder Bevölkerungsgruppen. Etwas allerdings, das sich erst bei längerer Lektüre eröffnet. Insbesondere in den Teilen „Aktivismus“ und „Aktion“ finden sich manch scheinbar lose stehende Sätze, bei denen mensch sich eine Einordnung wünscht. Diese folgt gern auch einmal hundert Seiten später. Das ist nicht schlimm, mag anfangs aber zu manchem Augenrollen führen. 

In der Tat bleibt jedwede Einordnung von Ende Gelände allerdings aus, dabei gäbe es hier einiges Kritische zu sagen, gerade in puncto ziviler Ungehorsam, der zuweilen nötig und vor allem nicht verboten ist, und demgegenüber klaren Rechtsbrüchen und räumlich übergriffigen Momenten, die auch jene treffen können, die nicht zu den „großen Bösen“ gehören. Ähnlich verhält es sich mit Extinction Rebellion, zu denen sich zumindest kritische Fragen stellen ließen.

Ähnlich wird länger eine kritische oder zumindest hinterfragende Einordnung des Unternehmers (Einhorn), Autors (Unfuck the Economy) und Aktivisten Waldemar Zeiler vermisst. Diese gibt es, sehr ausgewogen und zugänglich, ab circa Seite 229 unter dem Stichwort „Olympia“, zuvor geht es um die Tamponsteuer; hier werden konstruktiver – und effektiver – Aktivismus und politischer Opportunismus wunderbar pointiert und doch nicht auf eine Pointe hinauslaufend dargestellt.

Wie wichtig Widerstand sein kann, beschreibt Raúl Krauthausen auch anhand dieses Beispiels im Buch. Ebenso die Wichtigkeit von Hashtags wie #NichtMeinGesetz, #aufschrei, #FridaysForFuture und Co.

Etwas einfach machen die Autoren es sich allerdings, wenn es darum geht, die Nebeneinkünfte von Politiker:innen mal wieder als eines Hauptübel unserer Demokratie und Hauptursachen für politische Bewegungslosigkeit auszumachen. Sicherlich läuft da manches verquer – um das zu wissen, brauchten viele nicht einmal das entsetzliche Drama um Maskendeals und Aserbaidschan. Doch dass nahezu jedes Mal darauf verzichtet wird, die unterschiedlichen Herkünfte von Nebeneinkünften zumindest zu erwähnen (bspw. Höfe, die seit Generationen in Familien sind, Kanzleien, in denen Partner:innen auch ohne alle möglichen Mandate Einkommen haben) und darauf hinzuweisen, dass bei diesen nie die Kosten gegengerechnet werden, ist verkürzt und sorgt nicht unbedingt für Aufklärung.

…es hält sich die Waage

Dennoch geht es so natürlich auch schnell um den Einfluss von Lobbyist:innen, derer es in Berlin laut dem Buch rund 6 000 gebe (vgl. S. 125), auf Politiker:innen. Hier wird im großen Kapitel „Macht“ auf viele Schwierigkeiten, Fallstricke und ungute Einfallstore, in die es sich so reinstolpert, hingewiesen. Ebenso wird das Wirksamkeitsgefälle zwischen professioneller Lobby und kleineren aktivistischen Gruppen eindrücklich dargestellt und auch der Konflikt, den manch eine:r mit einer so professionellen Lobby-Organisation wie Greenpeace hat.

Hier geht es dann auch um die große Frage: Sollen wir mit den bösen Unternehmen am Tisch sitzen? Diese stellt übrigens auch der Film Bis zum letzten Tropfen, der am 16. März im Rahmen des #UnserWasser-Events im Ersten läuft, unsere Besprechung folgt. Natürlich wird diese Frage in Wie kann ich was bewegen? nicht abschließend beantwortet. Das ist sicherlich auch nicht das Ziel von Krauthausen, Schwarz und ihren Gesprächspartner:innen. Dafür werden Argumente für verschiedene Seiten geliefert, es wird kommentiert und abgewogen, letztlich ist dies aber eine Frage, die sich die Leser:innen nur selbst beantworten können und können sollten.

So verhält es sich auch mit der Fragestellung, ob gute Ideen des Aktivismus, die womöglich Gutes bewirken und einiges an Aufwand erfordern, nicht auch profitabel sein dürfen. Hier sind wir dann wieder bei Einhorn, aber wohl ist es auch eine Frage, die den Co-Autoren Schwarz als Geschäftsführenden Gesellschafter der part GmbH umtreiben dürfte. Es ist eine große Frage, die nicht selten auch dafür sorgen wird, dass sich in „linken Bubbles […] eine große Zerfaserung“ sehen lässt oder auch, wie „Leute sich wirklich zerfleischen und dabei wertvolle Zeit verlieren für die gemeinsamen Ziele, die sei eigentlich haben“, wie es die Autorin und Radikalisierungsexpertin Dana Buchzik* beschreibt (vgl. S. 249).

Kreativ vs. lösungsorientiert?

Damit steht für die Leser:innen auch hier die Frage des Möglichen und Machbaren im Aktivismus im Raum und ab wann er dann wirklich konstruktiv ist. Ein gegenseitiges Zerfleischen und einander nicht über den Weg trauen ist es wohl nicht. Auch dass einige der Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit mit ihren „kreativen Protestformen“ immer auf das „Erregen von Aufmerksamkeit beschränkt“ blieben und so etwas „wichtig, aber selten lösungsorientiert“ seien (vgl. S. 263), ist richtig. Was ist also dann konstruktiv und also auch lösungsorientiert?

Beispielsweise Carola Rackete, die 53 Menschen aus Seenot rettete, Tupoka Ogette mit ihrer Bildungsarbeit und ihren Workshops, Ali Can mit der Hotline für besorgte Bürger und #MeTwo und natürlich auch Shai Hoffmann mit seinen Bus-Projekten, die für Dialog und Öffnung sorgen. Dialog ist überhaupt wichtig, auch wenn die beiden Autoren deutlich machen: „Nein, wir müssen nicht mit allen Menschen reden“ (vgl. S. 104, kursiver Text ist vom Originaltext übernommen). Dem ist nur zuzustimmen. Dennoch würde etwas mehr Dialogbereitschaft und weniger scheinbarer Absolutismus auch guttun, siehe Dana Buchzik oben.

Es scheint, das überraschte mich ein wenig, jedoch ein großes Verständnis bei den meisten der Gesprächspartner:innen von Raúl Krauthausen und Benjamin Schwarz für die Zwänge, vielen Aufgaben und realpolitischen Notwendigkeiten von Politiker:innen zu geben. Der Stress, denen diese ausgesetzt sind, wird anerkannt. Womöglich auch, weil natürlich auch Aktivist:innen von Burnout betroffen sein können, es zuhauf sind, wird hier ebenso eindrücklich wie erschreckend beschrieben. Gleichsam gibt es nützliche und praktikable Hinweise und Tipps, wie mit diesen umzugehen ist.

Interessenabwägung ist notwendig

Dass Wie kann ich etwas bewegen? bei der Betrachtung realpolitischer Fragen dennoch wenig auf den Nutzen von Realpolitik im demokratischen Prozess eingeht, ist bedauerlich, obwohl dies zwischen den Zeilen quasi gegeben ist. Etwa, wenn es darum geht, dass Dialog mehr Leute mitnähme, es vielen Aktivist:innen aber nicht schnell genug gehe. Das Anliegen einer Gruppe von Aktivist:innen ist für jene außerhalb dieser Gruppe, einer gewissen Community und Bubble aber auch erstmal ein Partikularinteresse (der Klimaschutz sollte hier eindeutig eine Ausnahme darstellen). Hier fällt Politiker:innen, und im gewissen Rahmen auch politischen Stiftungen und in manchen Fällen der Judikative, die Aufgabe zu, zu vermitteln und auch eben jene mitzunehmen, die sich erstmal nicht angesprochen und womöglich gar ausgegrenzt fühlen. Dass nicht jede:r gewählte Volksvertreter:in (!) oder jede:r ernannte Richter:in dieser entsprechend nachkommt, ist wahr, aber auch nicht allgemeingültig.

Apropos Klima (auf dem im Buch auch der Fokus liegt) und Wirksamkeit und eben konstruktiver Aktivismus: Es ist das Bundesverfassungsgericht, das zeigt, wie viel es bringen kann, sich aktiv in Prozesse einzumischen. Stichwort: „in Teilen verfassungswidriges Klimaschutzgesetz“. Aktivist:innen hatten dagegen geklagt, wurden unter anderem von Greenpeace und Germanwatch unterstützt und am 29. April 2021 schließlich verlierst Torsten Schröder in der tagesschau: „Mit dieser wegweisenden Entscheidung hat das Bundesverfassungsgericht die Politik aufgefordert, mehr für den Klimaschutz zu tun. Durch das Gesetz werden demnach vor allem die Freiheitsrechte der jungen Generation verletzt.“ (vgl. S. 268 f.)

Apfelwein und Schwimmflügel

So findet sich in meinen vier Seiten Notizen, die hier natürlich nicht allesamt eingebracht werden können, auch der Gedanke, dass sich Aktivist:innen eben doch mehr in die Parlamente einbringen sollten. Schließt euch zusammen; gründet eigene kleine Lobbyorganisationen, es werden sich Möglichkeiten für Hausausweise finden lassen; sammelt Geld, um es organisieren zu können, dass Gesetzesentwürfe geschrieben und an Ausschüsse und Abgeordnete weitergegeben werden; verschickt f*cking Obstkörbe, Apfelwein und Schwimmflügel. 

Von diesem fehlenden, sehr praktischen Hinweis einmal abgesehen ist Wie kann ich was bewegen? ein Buch, das sich sowohl als umfangreicher Ratgeber, wie sich Aktivismus gestalten lässt und was vermieden werden sollte, als auch als ein zumeist differenzierter, kritischer und teils streitbarer Debattenbeitrag lesen lässt. Vor allem mag der Titel dazu führen, auch einmal die eine oder andere eigene Sichtweise zu hinterfragen und mit manchen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Raúl Aguayo-Krauthausen, Benjamin Schwarz: Wie kann ich was bewegen? Die Kraft des konstruktiven Aktivismus; 1. Auflage, Oktober 2021; Klappenbroschur; 312 Seiten; ISBN: 978-3-89684-291-6; Edition Körber; 18,00 €; auch als eBook erhältlich

* das Buch Warum wir Familie und Freunde an radikale Ideologien verlieren – und wie wir sie zurückholen können von Dana Buchzik werden wir zeitnah besprechen.

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