Kann Begehren Sünde sein?

Ja, ich will. Sehr viel einfacher als mit dem bekannten Hochzeitsversprechen lässt sich Lust wohl kaum ausdrücken. Doch gerade körperliches Begehren – sprechen wir salopp einmal von „Bock“ – beginnt in der Regel deutlich früher, zumindest in unserer täglichen Realität. Dass Männer dabei stets „Bock“ haben, ist ein gängiges Klischee – vielfach auch nicht ganz zu Unrecht.

Alle haben Lust

Was dabei aber oft unterschlagen wird, ist gerade der weibliche Teil der Lust. Für Frauen war und ist es noch heute oft frivol, „Bock“ zu haben und sich mit anderen einzulassen. Dabei ist Lust ein Gefühl, das Frauen genauso verspüren und in ihrem Alltag ausleben wollen und sollten. Mit der Lust im Allgemeinen und vor allem der weiblichen befasst sich die Journalistin und Autorin Henriette Hell in ihrem knapp 100 Seiten zählenden Buch Lust – Fuckability, Orgasm-Gap und #metoo, das im Hirzel Verlag erschienen ist.

Der Name dieses kurzen Pamphlets ist von der ersten Seite an Programm: Hell beschäftigt sich mit wesentlichen Fragen zu diesem ach so sündigen und dennoch in unser aller Alltag präsentem Thema. Was ist Lust? Woher kommt sie? Warum verspüren wir sie? Wieso ist unseren Vorfahren vielfach eingefallen, dass und wie wir sie zu zügeln hätten? Wieso leiden unter den Konsequenzen dieser Entscheidungen jeden Tag Milliarden Menschen auf diesem Planeten? Und wie leiden sie?

Suche nach Befriedigung

Das bedeutet, dass sich die Autorin mit einer Reihe von Thematiken befasst: Warum homoerotische Lust zum Beispiel in vielen Ländern der Welt lange verboten war oder noch ist und Menschen deshalb verfolgt werden. Oder eben auch, warum Frauen ihre Lust in einer durch Männer dominierten globalen Gesellschaft oft nicht oder nur unter Erschwernissen ausleben können.

Zum Ausleben dieser Lust gehört beispielsweise die aktive Suche nach Befriedigung. Männer, die sich eine Frau aufreißen beispielsweise, gelten als „normal“. Je mehr Frauen sie kriegen, desto toller hechten sie. Frauen wiederum werden umgehend als „Schlampe“ abgestempelt, geben sie sich allzu häufig und offen ihrem körperlichen Begehren hin (etwas, das sich auch ganz hervorragend in der soziologisch hochinteressanten RTL+Reality-Sendung Are You The One? beobachten lässt). Von nicht-heterosexuellen Formen der Lust – ein überaus erschreckendes Beispiel aus Tansania untermauert Hells Argumentation an dieser Stelle – brauchen wir gar nicht zu sprechen, das ist ohnehin vielfach mehr als verpönt und gefährlich.

Verzerrte Wahrnehmung

Von Eva im Paradies über Monica Lewinsky, den Kardashians und koreanische „Sternchen“ und viele weitere bekannte Beispiele legt Hell schonungslos offen, wie bereits im öffentlichen Diskurs gerade die weibliche Lust verteufelt wird. Frauen werden vielfach zu sexualisierten Objekten stilisiert, die dem Mann zur Befriedigung seiner Lust dienen. Sie selbst finden a) ihre eigene Lust und das legitime Recht darauf oft nicht entsprechend artikuliert und gehen b) in der Regel als Verliererinnen aus diesem Diskurs heraus (Stichwort: „Schlampe“).

Dass Hell mit ihrem kurzen Büchlein auf diese fehlerhafte Darstellung in der weltweiten Öffentlichkeit hinweist, ist gut und wichtig und richtig. Hier schreibt zwar ein homosexueller Mann, aber in der Tat ist die cis-heteronormative männliche Realität ein Alltag, unter dem viele von uns leiden. Wieso sollten gerade Frauen, um die es in diesem Buch ja hauptsächlich geht, also anders empfinden (in diese Mutmaßung fließen natürlich auch Gespräche mit Freundinnen ein)?

Heißer Ritt auf der Intimrasierklinge

Nein, dass Hell hier in einem heißen Ritt auf der Intimrasierklinge auf ein Missverhältnis nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung aufmerksam macht, ist mehr als berechtigt und notwendig. Dass sie dabei auch auf eine Reihe von Punkten eingeht, die von vielen eher als Randaspekte einer testosterongeschwängerten Gesellschaft empfunden werden mögen, ist aber umso besser.

Wie übersexualisiert Werbung teilweise ist, ist vielen beispielsweise vielleicht bereits klar, seit Brian Kinney vor 20 Jahren in Queer as Folk die Produkte eines Homohassers in der lokalen Schwulenszene vermarktete. Oder welche Gefahr Incels für Frauen und Gesellschaft darstellen. Selbst wenn sich der Kieler Tatort-Ermittler Klaus Borowski bereits vor fast zwei Jahren dieser Thematik mehr schlecht als recht angenommen hat, ist das Problem bei vielen Menschen bis heute nicht durchgedrungen. Missstände einer sexualisierten Gesellschaft, die gerne Doppelstandards hochhält oder in der Sex immer und überall verfügbar sein muss, prangert Hell in diesem wichtigen Büchlein offen und gekonnt an und gerade die weibliche Lust erfährt hier eine vielfach unbeachtete Aufmerksamkeit.

Breite vor Tiefgang

Das birgt aber auch Risiken: Erstens wagt sie einen sehr weiten Rundumschlag. Auf gerade einmal 98 Seiten jagt uns die Autorin von der Antike über die katholische Sexualmoral bis hin zu Dickpics, Dating-Apps und #metoo. Das ist gut, das ist schön, das ist umfassend. Aber das ist leider vielfach auch einfach nur schlaglichtartig und kann am Ende gar nicht so sehr in die Tiefe gehen.

Wie bei einem guten Stelldichein sollte mensch sich für manche Dinge eben doch Zeit und Raum nehmen und das geht in einem solchen Rundumschlag auf weniger als 100 Seiten nur bedingt. Obwohl ihre Argumentation gut, nachvollziehbar und stringent verläuft, gibt Henriette Hell hier also der Breite vielfach den Vorzug vor dem Tiefgang. Für ein solches Pamphlet, das erst einmal ein Thema in die Öffentlichkeit hebt, muss das aber nicht unbedingt ein Nachteil sein, im Gegenteil.

Wer ist die Zielgruppe?

Fast wichtiger aber ist die Frage nach der Zielgruppe. So wichtig es ist, dass die behandelte Problematik eine breite Öffentlichkeit findet, steht zu befürchten, dass dies durch Lust eher nicht erreicht wird. Titel, Untertitel, Aufmachung, Klappentext, Inhaltsverzeichnis und bereits die ersten Zeilen machen sehr deutlich, wohin die Autorin mit ihrem berechtigten Anliegen und diesem Buch möchte.

Gleichzeitig wage ich zu bezweifeln, dass gerade die Menschen, die dieser Lektüre am meisten bedürften – breitbeinige (oder auch als Incels lebende), heterosexuelle Cis-Männer mit Testosteronüberschuss – dieses Buch überhaupt in die Hand nehmen würden oder sich ernsthaft mit den Problemen, die Henriette Hell beschreibt, auseinandersetzen wollen. Dafür ist mit der männlichen Eitelkeit wohl in den allermeisten Fällen ein zu großer Egofaktor vieler paarungswilliger Kerle berührt.

Wie Kaugummi

So steht leider zu befürchten, dass Lust von Henriette Hell hauptsächlich die Personen erreicht, die sich der in diesem Buch vor allem in der Breite aufgeworfenen Problematik ohnehin bereits bewusst sind. Das Buch droht also wie alter Kaugummi in der eigenen Bubble festzukleben. Das ist schade, denn es liest sich gut und schnell weg, regt sehr zum Nachdenken an und sollte gerade in einer post-pandemischen Zeit eine große Verbreitung erfahren.

So wie vor 100 Jahren die Menschen nach den Entbehrungen des Ersten Weltkriegs Nachholbedarf hatten und diesen in den Roaring Twenties ihrem Hedonismus und ihrer Lust freien Lauf ließen, ist auch angesichts der aktuellen Lage die Prognose nicht gewagt, dass die Menschen im Jahr 2023 ihrer Lust nachgeben, wo sie können und wollen. Wäre es nicht schön, wenn das auch unter Berücksichtigung der lustbasierten Bedürfnisse bisher marginalisierter Gruppen geschehen könnte? Denn „Bock“ haben alle.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Henriette Hell: Lust. Fuckability, Orgasm Gap und #metoo (Band 4 der Todsünden-Reihe); September 2022; 98 Seiten, 5 farb. Abbildungen; kartoniert; ISBN 978-3-7776-3041-0; 15,00 €

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert