„Wir müssen lügen – ein Leben lang…“

Rex Gildo und die Lüge seines Lebens, darum geht es scheinbar vorrangig in Rosa von Praunheims morgen im Kino startenden Film Rex Gildo – Der letzte Tanz. Mit der Lüge des Lebens sind nicht die überweißen Zähne oder das überschwarze Toupet gemeint (wenn beides auch nicht ohne Augenzwinkern thematisiert wird), sondern natürlich die niemals offiziell bestätigte Homosexualität des schauspielernden Schlagersängers, dessen Name noch heute bei manchen entweder wohlig-nostalgische Gefühle oder Scham hervorruft. Manches Mal wohl beides.

„…so wie die Katholische Kirche es uns vorlebt.“

Dass wir uns auf Gildos Schwulsein und somit die Beziehung zu seinem Entdecker, Manager und Partner Fred Miekley (Ben Becker) fokussieren werden, wird schon zu Beginn des Filmes klar, als drei herrlich überzeichnete (oder womöglich gar nicht so überzeichnete?) ältere Damen am Münchener Grab ihres Idols zusammenkommen, um ihm nicht nur zuzuprosten, sondern auch diese Gerüchte um seine Homosexualität als Schmäh abzutun. Denn: „Rex war ein richtiger Mann!“ Na, Hossa! 

Rex Gildo (Kilian Berger) und Fred Miekley (Ben Becker) // © missingFILMs

Doch nicht nur für das heterosexuelle Dreigestirn ewig verblendeten Fandoms war Rex Gildo ein Idol, das hier in jungen Jahren fabelhaft von Kilian Berger porträtiert wird, der zurecht für Förderpreis Neues Deutsches Kino beim Filmfest München nominiert war, sondern auch für den Regisseur selbst: 

„Rex Gildo war das Idol meiner Jugend Ende der 50er-Jahre. Er sah blendend aus, konnte sehr gut tanzen und singen. Er verkaufte 40 Millionen Schallplatten und wirkte in über dreißig Filmen mit. […] Es gab viele Gerüchte um die heimliche Homosexualität von Rex Gildo. Seine Karriere begann, als der § 175 Homosexuelle kriminalisierte. Erst 1969 wurde das Gesetz gegen Schwule liberalisiert, aber die Vorurteile der Gesellschaft hielten sich noch sehr lange.“

Rosa von Praunheim im Presseheft zum Film

„Wir müssen wohl sehr überzeugend gewesen sein.“

Von Beginn an trägt Rex Gildo – Der letzte Tanz unverkennbar die Handschrift des umtriebigen von Praunheim, der übrigens in diesem November seinen 80. Geburtstag begeht. Präsentiert wird uns die Lebens- und Teil-Leidensgeschichte des 1936 als Ludwig Franz Hirtreiter in Straubing geborenen „Fiesta Mexicana“-Sängers im halbdokumentarischen Stil. So gibt es neben reichlich Spielszenen – bei denen in einem wunderbaren Moment auch die Inszenierung offenbart wird – vor wortwörtlich malerischer Kulisse in denen die erwähnten Berger und Becker glänzen, als älterer Gildo aber auch Kai Schumann (der junge Magnus Hirschfeld in RvPs Der Einstein des Sex) und als Gitte Hænning und Conny Froboess Sidsel Hindhebe sowie Katrin Katz Köbbert zu erfreuen wissen, viele Interviews und einige dokumentarische Szenen.

Rex Gildo (Kilian Berger) und Gitte Hænning (Sidsel Hindhebe) // © missingFILMs

In diesen Interviews begegnen wir unter anderem auch den Spiel- und Gesangspartnerinnen Rex Gildos, Gitte Hænning und Conny Froboess (wobei es sich bei Froboess um ältere Gesprächsaufnahmen handelt), aber auch Cindy Berger, Vera Tschechowa, Urgroßnichte Anton Tschechows, oder der Journalistin Gudrun Gloth. Spannend ist, dass keine der Interviewten etwas in die Richtung wie: „Rex? Schwul? Woher?“ sagt. Eher ist der Tenor: Ja, das war von Anfang an klar. Am charmantesten formuliert das Tschechowa, die überhaupt zu den angenehmsten und erkenntnisreichsten Gesprächspartnerinnen des Films zählt und angibt, Miekley nicht gemocht zu haben. Rex Gildo habe sich in dessen Anwesenheit verändert, habe Fred Miekley doch etwas Erzieherisches an sich gehabt.

„Wieso muss ich denn etwas lernen? Ich bin doch ein Naturtalent.“

Dies mag für den jungen Rex Gildo jedoch in puncto Karriereaufbau nicht verkehrt gewesen sein. Und eine Beziehung und Liebe, die 37 Jahre hält, dürfte schon etwas Substanzielles an sich haben. Wenn sie eben auch im Heimlichen stattfinden muss. Zeitlebens wurde Gildo als der flirtende Frauenschwarm inszeniert, inszenierte sich auch selbst so. Willigte später in die arrangierte Ehe mit seiner Cousine Marion ein. 

Gudrun Gloth, die ihn von 1958 bis zu seinem Tod kannte, gibt an, dass er auf Nachfrage immer behauptet habe, er sei nicht schwul und Fred lief im Umfeld als der Onkel; auch als Rex, Marion und er gemeinsam in einem Haus lebten. Rosa von Praunheim vermengt hier gekonnt die brodelnde Gerüchteküche, die mögliche Gefühls- und Gedankenwelt des Sängers, die Ansichten der Weggefährt*innen und eine zeitgeschichtliche Einordnung, die selbstredend auch immer wieder autobiographische Momente von Praunheims einbezieht.

So unter anderem die Anmerkung, dass er von einem seiner Mitbewohner in seiner Studenten-WG bedroht worden sei, dass dieser ihn aufgrund des § 175 anzeigen würde. Mensch stelle sich vor, Gildo hätte sich im Jahre 1962, als er mit „Speedy Gonzales“ seinen ersten Nummer-Eins-Hit hatte, als Homosexueller geoutet… Es dauerte noch beinahe zehn Jahre bis zum bahnbrechenden Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, auf den Rosa in Rex Gildo – Der letzte Tanz ebenfalls rekurriert.

„Ist Ihre Ehe so unecht wie Ihre Haare und Zähne?“

Schließlich springt der Film ein wenig nach vorn. Wir sehen Rex Gildos Verlust von Fred Miekley, der laut Gudrun Gloth „Schutz und Schirm“ für den Sänger war, etwas, das ihn verändert und seine ohnehin strauchelnde Karriere weiter abwärts purzeln, den Alkohol– und Tablettenkonsum hingegen exponentiell wachsen lässt. Immer häufiger werden Gagen-Rückforderungen von Kaufhaus-, Möbelhaus- und Autohausbetreibern laut, die dem ehemals glänzenden Star vorwerfen, berauscht statt berauschend aufgetreten zu sein.

Rex Gildo (Kai Schumann) beginnt den Halt zu verlieren // © missingFILMs

Diese Entwicklungen stellt Rosa von Praunheim nicht beschönigend dar, karikiert aber auch nichts; gibt Rex Gildo und das Drama seines Lebens nicht der Lächerlichkeit preis, verzichtet auf anklagende Untertöne dem 1999 durch einen Fenstersturz zu Tode Gekommenen gegenüber. Unter Anklage steht hier eine lange repressive Gesellschaft, die selbst da noch lieber wegsah und nun mehr und mehr hinter vorgehaltener Hand aburteilte, als sich eine vermeintliche Liberalisierung eines unzeitgemäßen und unmenschlichen Bildes von Sexualität und so genannter Sexualmoral beziehungsweise Sexualethik abzeichnete (wir erinnern uns: Die Vergewaltigung in der Ehe wurde erst am 1. Juli 1997 zur Straftat, dies mit noch immerhin 138 Gegenstimmen und 35 Enthaltungen bei der Abstimmung zum Gesetz im Bundestag).

„Das geht die Leute gar nichts an“

Somit ist, wenig überraschend, Rex Gildo – Der letzte Tanz weit mehr als eine Filmbiografie oder ein Fanservice – der für die Kategorie oben erwähnter Fans ohnehin kaum tragbar sein dürfte:

„Ich bin sicher, dass einige Rex Gildo Fans gegen den Film protestieren werden, das haben sie schon angedeutet. Darauf freue ich mich.“

Rosa von Praunheim, 2022

Viel eher ist es das Dokument eines Zeitabschnitts deutscher Sexual- und LGBT-Geschichte, abgebildet entlang einer unterhaltsam und stringent erzählten Biografie, die nicht nur für Gildo-Freund*innen sehenswert ist, sondern auch für jene die „Fiesta Mexicana“ und „Du, wenn ich je deine Liebe verlier’“ sonst nur aus Absturzkneipen kennen mögen. Unser Herausgeber kann dies bestätigen, der im Vorfeld meinte, Rex Gildo und so seien ja alles nicht so seins und schließlich einigermaßen beeindruckt von Rosa von Praunheims neuestem Streich zurückblieb.

AS

Rex Gildo – Der letzte Tanz startet am 29. September in unseren Kinos.

Rex Gildo – Der letzte Tanz; Deutschland 2022; Buch: Nicolas Woche, Rosa von Praunheim; Regie: Rosa von Praunheim; Kamera: Lorenz Haarmann; Musik: Rex Gildo, Andreas Wolter; Darsteller*innen und Mitwirkenden: Kilian Berger, Kai Schumann, Ben Becker, Florian Korty, Sidsel Hindhede, Katrin Katz Köbbert, Walter Kreye, Monika Hansen, Eva-Maria Kurz, Ludwig Brix, Gitte Hænning, Conny Froboess, Vera Tschechowa, Cindy Berger, Bernhard Brink, Gudrun Gloth, Annegret Biehn; Laufzeit ca. 90 Minuten; FSK: 12

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