Eine Kulturgeschichte der Klänge

Beitragsbild: Das Buchcover auf einem Bild, das einen Teil der Äolischen Inseln in Italien zeigt, die wir im Buch besuchen.

Unsere Augen können wir schließen, unsere Körper allerdings lassen sich nicht verschließen – wir können sie nicht letztgültig vor den Auswirkungen des Schalls abschirmen. So schreiben es Michaela Vieser und Isaac Yuen sinngemäß im Vorwort ihres kürzlich im Knesebeck Verlag erschienen Bandes Atlas der ungewöhnlichen Klänge, der weder im Titel noch in der zwar stimmigen, möglicherweise aber dennoch etwas ominös klingenden Aussage zum Schall zu viel verspricht. Denn ungewöhnlich geht es hier in der Tat zu – und ganz wunderbar ebenso.

Nature Writing = Kitsch?

Beide sind im und aus dem Bereich des Nature Writing bewandert und bekannt sowie Writer der Jan-Michalski-Stiftung gewesen. Ob Essays, Kurzgeschichten, Dokumentarfilme, Radiofeatures, Blogs oder Bücher – es gibt Weniges, wo die Schreibenden, Neugierigen und wohl recht Natur-Lebenshungrigen noch nicht ihre Spuren hinterlassen hätten. Und nach der Lektüre dieses Atlas, der zugegeben meine erste Nature-Writing-Erfahrung ausmacht, denk ich mir so: Gut so.

„Nature Writing“, das klang irgendwie immer nach viel Kitsch und wenig Fakt. Style over Substance. Dabei ist die Welt des Nature Writing natürlich weit. Wenn sicherlich auch nicht so scheinbar unendlich wie die der Meere und Ozeane. Zu diesen, den erforschten und erfassten wie auch den noch im wahrlich Dunklen liegenden Bereichen derselben („nur ein Fünftel des weltweiten Meeresbodens ist mit modernen Sonargeräten kartiert worden“, somit wüssten wir „mehr über die Oberfläche des Mars als über die Ozeane“), erfahren wir so manches in dieser Reise zu den akustischen Wundern unserer Erde, wie das Buch weiter heißt.

Ein Buch, zwei Arten es zu lesen

Dabei kann das Buch auf zwei Arten gelesen werden. Eine wäre sich die vorangestellte Karte zu nehmen und einmal um den Globus zu reisen. Eine andere – die meiner Meinung nach empfehlenswertere – „seiner Struktur zu folgen, die chronologisch aufgebaut ist, von den ersten Wellen, die im Universum aufgeworfen wurden, bis zu den Übertragungen, die unsere Spezies in die ferne Zukunft ausgesandt hat.“

Der Vorteil dieser Herangehensweise, bei der zuerst auf Tauben geschossen und dann der Urknall vernommen und zuletzt die Goldene Schallplatte mit Tönen, Begrüßungen und Musik (nicht die der Beatles, da wollte EMI mal das Mehrfache des Gesamtprojektbudgets haben) mit der Voyager 1 in ferne Weiten geschickt wird, ist, dass die Leser*innen so ganz, ganz vielen überraschenden Momenten und verschiedensten Orten begegnen.

Denn mitnichten tritt ein Klangphänomen nur an einem Ort auf, von Ausnahmen einmal abgesehen. Diese sind aber entweder quasi personalisiert, so wie die Arbeiten Jacob Kirkegaards, der mit dem Opus Mors den ersten und einzigen entomologischen Bericht zur Gerichtsmedizin vorgelegt hat und damit eine „Meditation des Lebens begeht“ (und auch wenn das aus einem anderen Kapitel kommt, gilt: Vergänglichkeit ist nicht gleich Leblosigkeit), wie Vieser und Yuen schreiben. Oder aufgrund von Bauwerken oder singulärer Ereignisse beziehungsweise spezieller Gegebenheiten örtlich gebunden, wie etwa das Taos-Brummen in New Mexico, USA, oder die Pyramide von Merkinė in Litauen, die Povilas Zekas erbaut hat, weil eine Erscheinung es ihm auftrug.

Spannende Begegnungen an faszinierenden Orten

Ja, auch auf solche Phänome wird eingegangen in diesem Buch. Ebenso jenen Diskrepanzen „zwischen der visuellen und akustischen Welt“, die „dank“ mancher Verschwörungsmystiker auch zu Diskrepanzen zwischen Realität und Fantasie führen können, wie Vieser und Yuen passend süffisant anmerken. Da ergibt es Sinn, dass wir hier auch Horror-Mastermind Dario Argento begegnen. Daneben unter anderem Robert Schumann, Friedrich Nietzsche, Ralph Waldo Emerson und David Thoreau, James Joyce, Fridtjof Nansen, Odysseus im Zusammenhang mit der Äolsharfe sowieso, Theodor Fontane, Brian Eno, Eselspinguinen, Go-Away-Vögeln und Narwalen, Marco Polo, Charles Darwin, Platon, Pablo Neruda und Ovids Metamorphosen, um nur einige zu nennen. Wenn auch allesamt Männer. Dafür gehört eines der besten, interessantesten und bewegendsten der insgesamt 36 Kapitel den Frauen.

Dabei geht es um das „ungezähmte Ritual“ des in Westirland entstandenen (und in der Welt verlorengegangenen) Keenings. Das sind „in Wehklagen und Seufzer gefasst[e]“ Erinnerungen an einen verlorenen geliebten Menschen, erstmalig (v)erfasst 1773 von einer Frau während der Aufbahrung ihres ermordeten Mannes. Danach wurde diese „Klangspirale hinab in die Tiefen der Trauer“ weitergegeben, weitergetragen und akustisch erweitert.

Der Klang der Welt…

Spannend und wie erwähnt überraschend ist die Mischung, mit der Michaela Vieser und Isaac Yuen uns hier um die Welt führen. Von Tier(un)geräuschen, mit denen mensch kaum rechnen mag (wie jenen des Schwarzen Trommlers, dessen „Balzgesänge im Bereich von 100 bis 500 Hz“ liegen oder der Pottwal, der mit bis zu 236 Dezibel das lauteste Tier der Welt ist) über Flüstergalerien in der Grand Central Station, New York, oder dem Kukulcán-Tempel in Mexiko zu singendem Sand im Death Valley, Kalifornien, oder im Südsinai, Ägpyten.

Wir vernehmen die Klänge von Eis („>>Der Eisdruck war enorm, und der Lärm war nicht dazu geeignet, das Gemüt zu beruhigen. Ich kenne kein Geräusch an Land, das sich damit vergleichen ließe<<“, zitieren die zwei aus dem Tagebuch des Polarforschers George W. DeLong, das man seiner aus dem Schnee ragenden Hand entnommen hatte), erfahren, was es mit Gagaku auf sich hat, lassen Landschaften vibrieren und lesen über das Summen der Bergwiesen des Altai-Gebirges, begegnen Zikaden und wenden uns der Golden Gate Bridge zu, zwischendurch lauschen wir „bizarre[n] Vogelstimmen auf allen sieben Kontinenten“, stellen uns auf den Echostein in Buckow und behandeln im Kontrast dazu die Sicht-Ton-Verzögerung von Atom- und Wasserstoffbombe und gönnen uns, wie nach einem Fallout („Nuklearer Fallout ist lautlos und fällt leicht wie Schnee.“), einen Moment absoluter Stille.

…und wie wir ihn vernichten

Was Vieser und Yuen in ihrem ungewöhnlichen Atlas hervorragend miteinander verknüpfen, sind Sätze, auf die manch Buchpreis-Nominierte*r und/oder -Prämierte*r neidisch werden dürfte mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten zum Forschungsstand, Einlassungen zu politischen Gegebenheiten, vielen, vielen Gedanken zu Leben und Tod, Bestehen und Vergänglichkeit, feinen und sehr spitzen Spitzen sowie sanften Ermahnungen an uns als menschliche Wesen, die, machen wir uns mal nichts vor, am Ende doch irgendwie nur Gast auf diesem Ball sind, den wir Erde nennen. Ein Gast, der sich nicht besonders gut verhält dazu.

„Im Anthropozän hat die Menschheit ungewollt neue Klanglandschaften geschaffen und andere ausgelöscht. Wo einst Stille herrschte, haben wir Lärm und Chaos eingeführt, was einst Rhythmus, Melodie und Harmonie war, haben wir vernichtet. Die Verluste spüren wir auch in unseren Körpern.“

Etwas, das der Atlas der ungewöhnlichen Klänge nicht erschließt, ist der Klang von Feuer. Unbestritten ist, dass es klingt. Wie, das kann gerade bzw. konnte bis vor Kurzem auf Rhodos und Korfu in Griechenland, nahe Split in Kroatien, in Süditalien, Portugal oder an der Westspitze von Ameland und mittlerweile in Eemshaven, Niederlande, auf dem brennenden Frachter „Fremantle Highway“ wahrgenommen werden. All dies ist, auf die eine oder andere, direkte oder indirekte Art, menschengemacht. All das macht was mit uns. Kann das mal in unseren Köpfen ankommen?

Sonst war es das bald mit der Wahrnehmungsmöglichkeit von Klangwundern – ob sie sich nun durch das Lesen ergeben, was mit diesem Buch von Michael Vieser und Isaac Yuen ganz hervorragend gelingt, oder wir ihnen selber lauschen wollen. Dabei können wir jene kleine Weisheit der beiden Nature Writer mitnehmen:

„Ein interessanter Klang muss nicht verstanden werden, um ihn genießen zu können; ein waches Ohr und ein empfänglicher Geist genügen.“

AS

Der Atlas der ungewöhnlichen Klänge ist in der Kategorie „Unterhaltung“ als Wissensbuch des Jahres 2023 nominiert. Der Preis wird in diesem Jahr bereits zum 30. Mal vom Magazin bild der wissenschaft verliehen. Bis zum 14. August 2023 könnt auch ihr hier abstimmen. Eine Übersicht aller Nominierten sowie zur Jury und weitere Infos findet ihr auf dem feinen Sachbuch-Blog Elementares Lesen von Petra Wiemann; das Ergebnis wird im Dezember-Heft von bild der wissenschaft sowie auf wissenschaft.de bekannt gegeben.

Michaela Vieser, Isaac Yuen: Atlas der ungewöhnlichen Klänge. Eine Reise zu den akustischen Wundern der Erde; April 2023; gebunden; 192 Seiten; ISBN 978-3-95728-662-8; Knesebeck Verlag; 22,00 €

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