Ein Roman, wie ein kitschiger Lebenshilfe-Ratgeber

Naomi Fontaine, Jahrgang 1987, ist gerade quasi der heiße Scheiß der frankokanadischen First-Nations-Literatur. Ihr erster Roman war extrem erfolgreich, wurde gar verfilmt. Ihr zweiter, kleiner Roman, 2017 unter dem Titel Manikanetish in Kanada erschienen, dort auf der Shortlist des kanadischen Literaturpreises zu finden gewesen, liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Sonja Finck unter dem Titel Die kleine Schule der großen Hoffnung im C. Bertelsmann Verlag vor.

Rückkehr aus Opportunismus

Das autofiktionale Buch ist dabei in knapper, wenn auch oft verkitschter, Sprache beinahe in einem thematischen Tagebuchstill gehalten und erzählt davon, wie die in Uashat geborene, später nach Québec-Stadt gegangene Yammie nach ihrem Studium der Pädagogik nach Uashat zurückkehrt, um in der Sekundarschule des Reservats Französisch zu unterrichten, auch weil sie fürchtet in Québec keine adäquate Anstellung zu finden. Das tut sie gegen den Wunsch ihres Freundes Nicolas, aber ob sie sich ein Leben wünscht, wie er sich das vorstellt, weiß sie ohnehin nicht. Gemeinsam mit ihren Schüler*innen begibt sie sich auf eine Reise, die auch sie verändern, bei der sie sich selbst finden wird, wie sie schreibt. 

Nach einem der Erzählung vorangestellten Zitat von An-Antane Kapesh, das dem vorliegenden Buch vermutlich einen gewissen intellektuellen Unterbau geben soll, folgt eine einigermaßen stimmige Einleitung und fortan geht es recht unkontrolliert bergab. Der erste Teil des Buches – „Das Unbekannte“ – vermag noch durch manch interessante Betrachtung der wiedergekehrten, im Grunde aber fremden Yammie zu interessieren. Die weiteren zwei Abschnitte – „Das Leben ist ein Kampf“ und „Die Dinge, die ich nicht ändern kann“ – verlieren dann jedoch erzählerisch jeden Reiz, wirken an mancher Stelle eher wie Lebenshilfe-Ratgeber. 

Kitschige Oberflächlichkeit

Sprachlich ist das Buch auf dem Niveau von Nicholas Sparks, etwas weniger Kitsch, dafür mehr unzusammenhängende Sprünge. Es ist definitiv sehr gut lesbar und mag für manche ein angenehmer Schmöker an einem Herbstnachmittag mit Tee und Decke sein. Der inhaltliche Mehrwert dieser Möchtegern-Erzählung vom Leben in einem Innu-Reservat, den damit verbundenen Unwägbarkeiten, dem Kampf nicht nur gegenüber der weißen Gesellschaft Kanadas und dem Hin- und Hergerissensein zwischen Herkunft und Zukunft bleibt gering.

Naomi Fontaine bewegt sich ausschließlich an der Oberfläche, alles wird nur angerissen. Tiefe gibt es hier scheinbar nur in den gern genutzten Weingläsern. Dabei finden sich Momente, in denen geneigte Leser*innen sich wünschen dürften, mehr zu erfahren. Stattdessen wird im Stakkato eine vermeintlich lebensverändernde Erfahrung nach der anderen gemacht; folgt eine Charakterschablone auf die nächste, was auch den Schüler*innen nicht gerecht werden dürfte. Zwar gibt es da auch ein, zwei Ausnahmen, diese werden aber in ihrer Auflösung sprachlich so hingestolpert, dass sich nur entsetzt weiterblättern lässt.

Selbstfindung eines Egos

In der französischsprachigen Presse Kanadas wird dem Roman unter anderem „Poesie“ und „Einfühlungsvermögen“ attestiert, er wurde als „empathisches Manifest“ und „großer Wurf“ bezeichnet. Der Rezensent fragt sich, woran es liegen mag, dass er bei all diesen Worten nur den Kopf schütteln kann. Ob „Poesie“ in Kanada womöglich anders definiert wird als hierzulande? Empathie empfindet Naomi Fontaine vor allem für sich selbst, ist ihr großes Thema im Buch doch unbedingt gemocht werden zu wollen. Als das dann geschafft ist, bricht sie ihre Zelte für die nächste Selbstfindung prompt wieder ab. Mensch, toll.

Auch erfahren wir nicht viel über das Leben im Reservat. Es gibt Passagen, da klingt dies an, auch gibt es manch nette Beschreibung von Natur und dem Gefühl in dieser. Im Großen und Ganzen geht es aber darum, dass sich Yammie erst nicht zugehörig fühlt, dann so halb, dann voll. Zwischendurch ärgert sie sich, dass sie nicht energisch genug gewesen sein mag, dann lobt sie sich dafür, dass sie ein ganz toller Mensch sei und so mitfühlen könne. Das ist bisweilen unerträglich zu lesen. Ebenso ist es bezeichnend, dass wir im Nachwort der Übersetzerin Sonja Finck mehr Input zur Umgebung in der Die kleine Schule der großen Hoffnung spielt und den Innus bekommen, als auf den 130 Seiten zuvor.

Der Autor dieser Zeilen bricht für gewöhnlich keine Bücher ab, so auch dieses nicht. Er ist sich aber sicher, dass, hätte der Roman zweihundert Seiten mehr, er es nicht durchgehalten hätte. Somit bleibt vor allem ein sehr schönes Cover, ein informatives Nachwort und die Freude, dass grundsätzlich auch vermehrt in der Literatur auf die Innu-Kultur, beziehungsweise allgemein First-Nations Kanadas aufmerksam gemacht wird. Sicherlich gibt es aber bessere Bücher dazu, beispielsweise von Joséphine Bacon oder Paul Seesequasis (dessen Sachbuch Unter der Mitternachtssone wir dieser Tage besprechen).

Schade!

AS

Die kleine Schule der grossen Hoffnung von Naomi Fontaine

PS: Kanada ist in diesem diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Im Zuge dessen werden wir noch ein, zwei weitere Bücher kanadischer Autor*innen oder auch zur Hilfestellung in Kanada besprechen. 

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Naomi Fontaine: Die kleine Schule der großen Hoffnung; Aus dem Französischen von Sonja Finck; 1. Auflage, Oktober 2021; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; 144 Seiten; ISBN: 978-3-570-10382-1; C. Bertelsmann; 16,00 €

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