Schatten unter der Mitternachtssonne

Beitragsbild, v. l. n. r.: Zwei Inuit-Frauen mit ihren Babies in ihren Amauti-Parkas, Kuujjuaq Quebec // © Library and Archives Canada/National Film Board of Canada fonds/e010955827; Buchcover

Der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit ist hierzulande – endlich – zu einem immer größeren Thema geworden. Erst kürzlich hat sich Deutschland mit Nigeria über die Rückgabe der Benin-Bronzen geeinigt, mit Namibia stockt die Ratifizierung des gemeinsamen Abkommens. Allerdings steht die Thematik hierzulande nicht exklusiv auf der Tagesordnung, auch viele andere Länder und Staaten müssen sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen.

„First Nations“ in Kanada

Sehr intensiv geschieht dies zuletzt in Kanada, wo die so genannten „First Nations“ um ihre Rechte und Entschädigungen kämpfen. Hierzulande wird die Debatte bisher kaum beachtet, aber sie ist gut und wichtig und gerade in dieser Zeit – Kanada war Gastland der Frankfurter Buchmesse 2021 – ist es mehr als angemessen, sich der Thematik zumindest ein wenig anzunehmen.

Ein Mädchen-Baseballteam der Tlingit im Jahr 1941, Nisutlin River (gehört zum Flusssystem des Yukon), Foto: George Johnston // © Yukon Archives, George Johnston fonds, 82/428, #33

Einen sehr eindrücklichen und anschaulichen Einblick in die Problematik gibt der kanadische First Nation-Autor Paul Seesequasis in seinem Buch Unter der Mitternachtssonne – Porträts indigener Gemeinschaften in Kanada, das in der Übersetzung von Leon Mengden bei btb erschienen ist. Ursprünglich handelte es sich hierbei um ein Projekt in den sozialen Medien, das schlussendlich aber zu der Printdokumentation geführt hat.

Seesequasis hatte eine Reihe von Fotografien indigener Bewohnerinnen und Bewohner Kanadas überwiegend aus den 1940er- bis in die 1970er-Jahren gesammelt und über soziale Medien verbreitet. Diese wurden dort geteilt, von Nachfahrinnen und Nachfahren wiedererkannt und Seesequasis konnte auf diese Art und Weise eine Reihe von individuellen Geschichten zusammenstellen. Unter der Mitternachtssonne stellt damit eine Auswahl aus einer viel größeren Sammlung von Bildern und dazugehörigen Geschichten dar, die das Leben der First Nations wie auch den Umgang durch die Kolonialherren mit der indigenen Bevölkerung illustriert.

Die Erinnerung am Leben halten

Von Ost nach West handelt Seesequasis alle Regionen von Cape Dorset im Nordwesten über das zentrale Saskatchewan bis in die Yukon Territories im Osten, viele verschiedene Stämme und deren regionale Besonderheiten ab. Einige waren beispielsweise stark durch den Bau von Pipelines betroffen, andere vom gerade einmal wenige Jahre andauernden Goldrausch am Klondike (vielen Leserinnen und Lesern bestimmt bekannt aus den Lustigen Taschenbüchern, hier ließe sich natürlich trefflich um die ein oder andere Darstellungsform streiten).

Die Kinder Bernice Taneton, Goldie Modeste, Patricia Takazo, Paul Kodakin, Lucy Ann Kenny, Anne Marie Bezha, Carolina Kenny, Steven Taneton, Leonard Kenny // © NWT Archives/René Fumoleau fonds/N-1995-002: 0702

Aber es gab auch landesweite Überschneidungen. So lernen wir beispielsweise etwas über die „nummerierten Verträge“, einer Reihe von elf Abkommen, die primär den Interessen der Kolonialherren dienten. Oder auch das Schicksal vieler Kinder in den Residential Schools, die dazu dienen sollten, die Kinder indigener Bevölkerungsgruppen schon früh ihren Eltern zu entziehen und so mittel- bis langfristig die Entvölkerung der Stammesgebiete voranzutreiben. Bildung, das lernen wir nicht nur in Naomi Fontaines mittelprächtigem Roman Die kleine Schule der großen Hoffnung, ist ein großes und wichtiges Thema in Kanada, das eben aufgrund der Geschichte des Staates in seiner gesellschaftlichen Bedeutung weit über Lehrpläne und Faktenwissen hinausgeht.

Individualität und kollektive Erinnerungen

Paul Seesequasis // © Red Works Photography

Bei den Geschichten, die Seesequasis bereithält, handelt es sich wie erwähnt um individuelle Erlebnisse und Erfahrungsberichte. Es geht um die Rolle manch herausgehobener indigener Person bei wichtigen Weichenstellungen, aber auch von Menschen „wie du und ich“. Auf diese Weise verknüpft er sehr wunderbar die eine oder andere historische Begebenheit einerseits mit dem alltäglichen Leben der First Nations andererseits.

Nomadentum, Bisonjagd, Schneehüttenbau – alles nicht per se spektakulär, aber gerade darin zeigen sich die Besonderheiten des Lebens und der Bedürfnisse der First Nations, die uns eher unbekannt und wenig vertraut sein dürften. Gepaart mit den beeindruckenden bildlichen Zeugnissen ergibt sich somit ein wertvolles Zeugnis indigener Kultur, das so manche Bibliothek bereichern dürfte und sollte.

Streitpunkt Aufmachung

Ein kleines Manko gibt es allerdings: den Einband. Unter der Mitternachtssonne wird mit einem Softcover mit Klappenbroschur vertrieben (ist aber wegen des relativ dicken Papiers dennoch relativ schwer). Das wird dem Band nur bedingt gerecht, ein Hardcover hätte dem Buch noch deutlich mehr Wertigkeit gegeben (und läge auch besser in der Hand als der stattdessen gewählte Einband). Gleichzeitig ist auch klar, dass ein Hardcover den Preis vermutlich noch einmal ein wenig nach oben korrigiert hätte, von nun 25 auf vielleicht 30 oder eher 35 Euro.

Great Bear Indian Reserve, Rev. Bernard Brown // © Canadian Museum of History

Allerdings dürfte der geringere Preis den Band auch einer größeren potentiellen Leserschaft zugänglich machen, was, wie angedeutet, natürlich wünschenswert ist. Es bleibt am Ende also ein Trade-off zwischen diesen Argumenten, wir hätten eigentlich das Hardcover bevorzugt, aber an den starken Inhalten ändert das auch nichts.

Insofern bleibt festzuhalten, dass Unter der Mitternachtssonne eine überaus beeindruckende Veröffentlichung aus Bild und Text ist, die uns gut und anschaulich über das Leben und die Probleme der First Nations in Kanada informiert, eine Lücke in unserer meist recht deutsch- oder eurozentristischen Perspektive auf die Welt füllt und allen nur empfohlen sei, die sich mit Postkolonialismus sowie dem Leben und den Rechten indigener Völker auseinandersetzen (wollen). Kanada ist außerdem ein sehr spannender Staat, der nicht nur im Anbau und der Forschung zu Linsen sondern allgemein in seiner Geschichte, Kultur und Politik sehr viel Interessantes zu bieten hat.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Paul Seesequasis: Unter der Mitternachtssonne- Porträts indigener Gemeinschaften in Kanada; 1. Auflage, Oktober 2020; Aus dem kanadischen Englisch von Leon Mengden; 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen; Format: 21,5 x 28,0 cm; Paperback, Flexoklappenbroschur; ISBN: 978-3-442-75889-0; btb; 25,00 €

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