Ressentiments mit klarem Blick vermessen

Das Thema Rassismus bekam in den letzten Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit als noch vor… sagen wir zehn Jahren (dies auch dank der Internationalen Wochen gegen Rassismus, die noch bis zum 24. März stattfinden). Black Lives Matter, Migration und einer zunehmenden Verrohung der Sprache (danke, liebe AfD) sei unter anderem dank. Allerdings ist die Debatte häufig auf die Diskriminierung von Menschen dunkler Hautfarbe fokussiert – auch nicht ganz grundlos, denn Anfeindungen gegen People of Colour sind auch im globalen Diskurs wohl mit die häufigsten Formen einer vermeintlich „rassenbasierten“ Diskriminierung.

Das Spiel mit Ressentiments

Donald Trump jedoch ist das Paradebeispiel für einen Vertreter einer anderen Form von Rassismus, die deutlich weniger thematisiert wird: anti-asiatischer Rassismus. Wir alle erinnern uns an seine unsäglichen Äußerungen zum „China Virus“, das Corona eindeutig auf China als Urheber der Pandemie münzt.

Das Fatale: Ganz falsch ist es ja nicht, was er da sagt. In der Tat trat das Virus erstmals in Wuhan in Erscheinung und die Regierung in Beijing hat sich alle Mühe gegeben, das möglichst zu verschleiern, zu verschleppen und die internationale Aufarbeitung zu behindern – bis heute. Aber – und das ist der wesentliche Unterschied – es waren eben die Funktionäre in Beijing, die dies zu verantworten haben und deulich besser und früher hätten reagieren können. Trump jedoch setzt das Verhalten der Partei- und Staatsführung gleich mit einem ganzen Volk, ja einer Ethnie, was natürlich Quatsch ist und Ressentiments schürt. Auch hierzulande, wenn auch nicht im selben Umfang wie in den USA.

Dankbares Werkzeug für Populismus

Rassismus ist also ein dankbares Werkzeug für Populisten und manchmal dennoch leicht zu durchschauen. Schwieriger ist das bei einer Art positivem Rassismus, bei der das vermeintliche „Anderssein“ gelobt wird. Das wiederum ist Rassismus, „der ja gar nicht böse gemeint ist“, was oft sogar stimmen mag. Und dennoch verletzt auch diese Form des Rassismus, denn er zementiert die scheinbare „Andersartigkeit“ der Betroffenen.

Diese Form des Rassismus nimmt eine wichtige Rolle in Hami Nguyens Buch Das Ende der Unsichtbarkeit – Warum wir über anti-asiatischen Rassismus sprechen müssen ein, das 2023 bei Ullstein erschienen ist. Hami Nguyens Eltern stammen ursprünglich aus Vietnam, aber sie lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland und muss sich hier jeden Tag mit ihrer vermeintlichen „Andersartigkeit“ konfrontieren lassen.

Ein Erfahrungsbericht

Das heißt, dass es mit ihrem Buch einen sehr persönlichen und emphatischen Erfahrungsbericht gibt. Sie spricht also mitnichten für „alle astiatisch gelesenen Personen“, die in Deutschland leben, worauf sie immer wieder hinweist. Das Ende der Unsichtbarkeit ist an der Stelle vor allem eine individuelle Geschichte, aber es scheint plausibel, dass ihre Erfahrungen auf viele Menschen „mit asiatischen Wurzeln“ zutreffen.

Sie berichtet von ihrer Kindheit und wie es war, als Kind mit „asiatischem Aussehen“ in Deutschland aufzuwachsen. Bis sie zur Schule ging, wo sie erst so richtig mit anderen „deutschen“ Kindern in Kontakt kam, war die Welt für sie auch in Ordnung, denn vieles erschien ihr einfach „normal“. Erst im Vergleich mit einer Mehrheitsgesellschaft, die an sich selbst gewisse Maßstäbe anlegt, wurde ihr offenbar, dass sie vermeintlich anders sei, weil sie anders aussehe.

„Fleißige Vorzeigeminderheit“?

Als „Asiatin“ – viele von uns differenzieren hier auch nicht weiter, auch wenn natürlich nicht alle asiatisch gelesenen Menschen von dort stammen müssen (und schon gar nicht alle aus China kommen) – galt sie jedoch immer wieder als „fleißig“ und „Vorzeigeminderheit“. Das habe ihr viel Lob, aber auch Erwartungen eingebracht, so Nguyen. Erwartungen, die sie manchmal uniwissentlich unter Druck setzten und somit Stress in ihr verursachten.

Das ist nicht schön und dessen sollten wir uns alle gewahr sein. Klar, Asiatinnen und Asiaten alle über einen Kamm zu scheren, beim „Thai-Restaurant“ einmal „die Nummer 69“ zu bestellen oder beim Urlaub in Thailand gleich an Sextourismus zu denken und asiatische Frauen zu fetischisieren ist recht offenkundig rassistisch, aber der Rassismus gegen Asiatinnen und Asiaten kommt eben oft deutlich moderater und schöner verpackt daher, als der gegenüber dunkelhäutigen Menschen.

Vietnames*innen in Deutschland

Gerade Vietnamesinnen und Vietnamesen haben in Deutschland eine lange Geschichte: Die Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter in der DDR haben zu deren vermeintlichen Wohlstand beigetragen, wurden jedoch als Opfer der Wende zahlreich erst beschäftigungslos und dann abgeschoben. Dazwischen gab es noch ein paar fremdenfeindliche Ausschreitungen (Rostock-Lichtenhagen dürfte vielen ein Begriff sein).

Vielen von uns ist das nicht bewusst, aber gerade Menschen aus oder mit Wurzeln in Vietnam hatten und haben es oft nicht leicht in unserer Gesellschaft. Im Gegenteil, sie werden (genau wie viele andere auch) diskriminiert und daran gehindert, sich hier ein Leben aufzubauen, was Nguyen in ihrem Erfahrungsbericht sehr gut nachvollziehbar darlegt.

Kinder können kleine Monster sein

Auf dies und mehr geht die Autorin in Das Ende der Unsichtbarkeit ein. Und ganz offen gesagt: So viel mehr gibt es auch nicht zu sagen. Hami Nguyen lässt uns Leserinnen und Leser an ihren Erfahrungen teilhaben und das bestürzt zumindest mich teils sehr. Hier schreibt ein weißer Mann eher jungen Alters und natürlich kann ich nicht nachempfinden, wie es sich für eine asiatisch gelesene Person anfühlen muss, in der weißen und westeuropäischen Mehrheitsgesellschaft zu leben und großzuwerden.

Gerade die Kindheitserinnerungen Nguyens sind jedoch sehr eindrücklich und teils bestürzend. Kinder können kleine Monster sein und da können die Helikopter- oder Nicht-Helikoptereltern der Republik noch so sehr auf die Barrikaden gehen. Bildung und Aufklärung gegen Rassismus müssen also bereits bei den Kleinsten beginnen – und die Eltern dafür sensibilisiert werden.

Kein Generalanspruch

Das alles klappt bei Nguyen sehr gut. Sie schildert uns ihre Erlebnisse, erhebt keinen Generalanspruch, aber macht dennoch klar, dass es vielen Menschen wie ihr ergehen dürfte. Das kommt auch daher, dass sie klarmacht, dass es sich an vielen Stellen um systemische Probleme handelt, im deutschen Aufenthaltsrecht etwa.

Den Fauxpas, dass sie allzu sehr in einer allgemeinen Kritik am System oder dem Kapitalismus abgleitet, umschifft sie dabei meist recht geschickt. In vielen Veröffentlichungen zum Thema Rassismus geschieht dies leider ohne Differenzierung, aber bei Hami Nguyen ist das kein wesentliches Problem.

Beenden wir die Unsichtbarkeit

An vielen Punkten jedoch kann jede und jeder von uns etwas tun. Am wichtigsten ist es dabei, eine gewisse Sensibilität für die Problematik zu entwickeln. Anti-asiatischer Rassismus ist an vielen Stellen kein Problem, das als solches wahrgenommen wird. Im Gegenteil, vieles wird als „gut gemeint“ aufgefasst, ist aber am Ende doch im Kern bevormundend und paternalistisch. Hier sind wir alle gefragt und die Lektüre von Das Ende der Unsichtbarkeit ist ein erster und wesentlicher Schritt hierzu.

Hami Nguyen zeigt uns in ihrem Buch sehr deutlich auf, wie anti-asiatischer Rassismus wirkt, wie präsent er in unserem Alltag hierzulande leider ist und wie wenig Beachtung er gleichzeitig findet. Ihr Buch ist ein wesentlicher Schritt zu mehr Aufmerksamkeit für die Problematik und sollte daher größtmögliche Verbreitung finden.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Hami Nguyen: Das Ende der Unsichtbarkeit- Warum wir über anti-asiatischen Rassismus sprechen müssen; Oktober 2023; 272 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN 978-3-5502-0257-5; Ullstein Hardcover; 22,00 €

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