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Stell dir vor es ist Weihnachten und du musst hin. Und nicht nur das, zusätzlich gehst du hin, um eine schwere Nachricht in für dich in mehrerlei Hinsicht schwierigen Zeiten zu überbringen. Und erstmal der ganze Stress: Mutter überschüttet dich mit überbordender Liebe, Vater ist der stille grummelige Typ, der kaum sagen kann, wie sehr du ihm gefehlt hast, der junge Bruder macht erstmal dicht und über allem steht die heilige und dich und deinesgleichen ins Fegefeuer predigende Kirch. Willkommen, im christlichen Speckgürtel von Dallas im Jahr 1985.

Coming Out for Christmas?

Der Mittzwanziger Adrian Lester (Cory Michael Smith) kehrt nach drei ausgelassenen Weihnachtsfesten im Jahr 1985 aus seiner Wahlheimat New York in den Bibelgürtel von Texas zurück. Der Werbeagent ist allerdings nicht nur zurückgekehrt, weil es mal wieder an der Zeit wäre und er sehen wollte, wie sich sein jüngerer Bruder Andrew (Aidan Langford) durch die Pubertät schlägt, sondern auch, um seiner Familie zu sagen, dass er schwul ist. Was gar nicht so einfach ist, denn Mutter Eileen (Virginia Madsen) ist so sehr mit Liebe ausschütten und Haushalt führen beschäftigt, dass er sie kaum in ein Gespräch verwickelt bekommt, Vater Dale (Michael Chicklis) ein konservativer Vietnamveteran, ist ohnehin nicht der kommunikative Typ, außer vielleicht nach ein paar Bierchen und sein Bruder Andrew ist neben Schmollen auch damit beschäftigt, die zu Hause verbotene, weltliche Musik von Madonna und Co. zu hören und zu verstecken. Doch irgendwie sollte Adrian es fertig bringen, mit seinen christlich-evangelikalen Eltern zu sprechen, denn es ist nicht nur sein erster Besuch nach längerer Zeit, es könnte gleichsam sein letzter sein. 

Kirchenbesuch ist Pflicht. // © Salzgeber

1985 von Yen Tan, der den Schwarz-Weiß-Film inszenierte und auf Grundlage eines Kurzfilms von ihm auch das Drehbuch schrieb, versetzt uns nicht nur glaubwürdig in die Zeit, sondern schafft es, durch eine ruhige, beinahe schwelgerische Erzählweise die tragische und einigermaßen niedergeschlagene Grundstimmung des Films etwas abzufedern. Vor allem vermitteln das Drehbuch Tans wie auch kleine, fein arrangierte Gesten die unzweifelhaft vorhandene Liebe in der Familie, wenn auch nach damals gerade in dieser Gegend gängigen Rollenbildern. Sehr deutlich treten all diese Komponenten zutage, wenn Mutter Eileen ihrem Sohn Adrian nach durchzechter Nacht im Badezimmer zur Seite steht, oder vielmehr sitzt.

Nur ein Tanz unter alten Freunden? // © Salzgeber

Die grobkörnigen von Hutch im 16-mm-Format abgedrehten Bilder und die ruhig-getragene Klaviermusik von Curtis Heath tun ein Übriges, um in 1985 das Gefühl der melancholischen Erzählung einer unheimlichen, aber nicht gänzlich aussichtslosen Zeit zu vervollständigen. In Worte gefasst wird die vermeintliche Hoffnungslosigkeit und die Trauer Adrians im Angesicht der grassierenden Aids-Pandemie zwar nur an wenigen Stellen, wie zum Beispiel in einer Unterhaltung mit seiner Ex-Flamme und irgendwie sehr guten Freundin Carly (Jamie Chung), doch der queere Cory Michael Smith bringt es ganz wunderbar fertig, der in ihm schwelenden Angst, Unruhe und Bedrücktheit auch ohne Worte Ausdruck zu verleihen.

Mütter wissen sowas

Wie überhaupt alle der beteiligten Schauspieler:innen eine ausgezeichnete Leistung bringen. Virginia Madsen als doch gar nicht so typische Heimchen-am-Herd-Mutter, Chiklis als um Worte verlegener und gerade dadurch in seiner Liebe ein wenig verzweifelter Vater und nicht zuletzt Adrian Langford, als junger Spross, der nicht nur ebenfalls schwul sein könnte, sondern auch einen zusätzlichen emotionalen Haltepunkt für Adrian aber auch uns Zuschauende darstellt (und zumindest beim Rezensenten für einen soliden Tränenfluss sorgte).

Du bist nicht allein. // © Salzgeber

Der Film von Yen Tan, in Deutschland im Verleih von Salzgeber, beschwört darüber hinaus nicht nur die Vergangenheit herauf (auf ganz andere Art im Übrigen, als das britische It’s a Sin es angeht), sondern erinnert darüber hinaus daran, dass nicht dem cis-heteronormativen-Bild entsprechende Liebes- und Lebensweisen auch gut dreißig Jahre später noch immer verpönt, verhasst und verurteilt sein können. Insbesondere natürlich in den sehr bibelfesten Gegenden der USA, wie Teilen von Texas oder Florida, wo die Evangelikalen enormen Einfluss haben.

1985 ist eine einfühlsam erzählte Geschichte, deren bedrückende Prämisse von der von Liebe erfüllten Darstellung aufgefangen wird und ihr so einen zwar traurigen, aber kraftgebenden Charakter verleiht. Außerdem: Eine Mutter weiß es.

AS

1985; USA 2018; Regie & Drehbuch: Yen Tan; Musik: Curtis Heath; Kamera: Hutch; Darsteller: Cory Michael Smith, Virginia Madsen, Michael Chiklis, Aidan Langford, Jamie Chung, Ryan Piers Williams; Laufzeit: ca. 85 Minuten; FSK: 0; Edition Salzgeber; erhältlich auf DVD (ca. 13,00 €), als VoD und Digital-Kauf (diverse Anbieter)

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Hier seht ihr noch den Trailer:

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