Das gefährlichste Buch der Welt

„Dieses hier ist das gefährlichste Buch der Welt. Denn es gibt die Erlaubnis zu töten, zu zerstören und zu unterwerfen. Ich kenne kein zweites Buch, aus dem so viel dickflüssiges Opferblut hervorsprudelt wie aus diesem! […] Mit diesem Buch wurden sowohl der Faschismus, der Antisemitismus, die Rassentrennung, die Unterdrückung von Frauen und Kindern als auch die Sklaverei gerechtfertigt“.

Na Mensch — wer hätte nun nicht einmal Lust in dieses so verführerische, mächtige und das Böse in den Menschen erweckende Buch zu schauen?! Kein Problem! Nicht wenige dürften es zu Hause haben, im Internet ist es ansonsten frei zugänglich und seltsamerweise auch nach wie vor in nicht wenigen Hotelzimmer-Nachttischen zu finden. Die Rede ist von der Bibel, hier insbesondere dem Alten Testament „mit seiner blutrünstigen Grausamkeit“, wie es der evangelisch-lutherische Pastor Mikael Fredriksson aus der Gemeinde West-Pori in seiner Andacht zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf den queeren Nachtclub Venus formuliert. 

Krimi als gesellschaftskritisches Thrillerdrama

Diese kräftigen Worte — und so einige mehr — finden wir im stimmungsvollen Krimi beziehungsweise gesellschaftskritischen Thrillerdrama Was wir verbergen von Arttu Tuominen, der 2020 in Finnland erschienen ist und im Oktober 2022 in der Übersetzung von Anke Michler-Janhunen im Lübbe Verlag veröffentlicht wurde. Was wir verbergen ist nach Was wir verschweigen der zweite Teil um das Porier Kommissarsduo Jari Paloviita und Henrik Oksman, lässt sich als abgeschlossener Fall aber ganz hervorragend eigenständig lesen. 

So habe auch ich es gemacht. Natürlich angelockt durch die verlagsseitige Beschreibung auf der Homepage: „Auf einen Nachtclub, den queere Partyleute gerne besuchen, wird ein Anschlag verübt. Ein Fanatiker, der sich in einem Bekennervideo als ‚Abgesandter‘ bezeichnet, hat Handgranaten in den Nachtclub geworfen. Fünf Menschen werden getötet und viele schwer verletzt. Kommissar Henrik Oksman von der Kripo in Pori übernimmt die Ermittlungen. Oksman war kurz vor dem Anschlag jedoch auch in dem Club – wovon niemand etwas wissen darf.“ (Beim Klappentext hat sich übrigens ein recht breiter Fehlerteufel eingeschlichen: Dort ist von einem „Helsinkier Nachtclub“ die Rede. Zwar schaltet sich früh das Zentrale Kriminalamt aus der Hauptstadt ein, die liegt aber doch um die 250 Kilometer von der Hafen- und Industriestadt Pori entfernt.)

Kein Queerbaiting

Nun ist es so, dass mensch sich freuen kann und ich mich persönlich freue, wenn queere Themen und Personen mehr Präsenz erfahren — vor allem im Mainstream-Unterhaltungsbereich, zu dem Spannungsbücher und -filme, wie beispielsweise der Tatort oder Polizeiruf 110, eben gehören. Allerdings kann das auch arg nach hinten losgehen oder schlimmer noch: Es ist gar nicht einmal gut gemeint, sondern es wird Gay- respektive Queerbaiting betrieben und/oder die LGBTIQ*-Community dient nur als Vehikel, um eine substanzlose 08/15-Erzählung herunterzuleiern. (Eine Gefahr, gerade bei einem so heiklen Thema wie einem Anschlag auf einen Club, vor allem mit Blick auf die grausame Attacke auf den Pulse-Club in Orlando, Florida, am 12. Juni 2016 oder dem jüngsten Anschlag im November 2022 auf einen queeren Club in Colorado Springs zu Beginn des International Transgender Day of Remembrance).

Weder das eine noch das andere kann über Arttu Tuominens Was wir verbergen gesagt werden. Ganz im Gegenteil geht der 1981 geborene Autor so offen, sensibel und konsequent mit dem Thema Queerness und allem was dazu gehört um. Dabei trägt er in seinem trotz allem kurzweiligen Pageturner (ich vermeide das Wort an sich, aber hier passt es nun einmal wie kein zweites) gesellschaftliche Debatten aus, die natürlich Finnland im Fokus haben, aber den Blick auch auf Europa und die Welt ausweiten und mit nur wenigen Anpassungen auch auf Deutschland passen.

Das Missverstehenwollen des Gegenübers

Wenn es etwa um eine angestaute und von extremistischen Gruppen und Parteien angefachte Wut der Bevölkerung geht, die sich immer wieder verschiedene Ventile sucht. Wenn es um den allgemein zu verzeichnenden Rechtsruck vor allem in Demokratien geht. Wenn es um eine große Angst vor Veränderung geht, der sowohl Xenophobie als auch Homofeindlichkeit inhärent sind. Wenn es um die latente Homophobie beim Militär geht. Wenn es um die Kraft von Hass und Fundamentalismus geht. Wenn es um das Missverstehenwollen des Gegenübers geht, was sich bis in das engste, persönliche Umfeld ziehen kann.

Es finden sich diverse Momente in Was wir verbergen, die gut und gern auch als Titel und Thema einer Phoenix Runde taugen würden (es kommen noch Diebstahl von Munition beim Militär, Populismus, Fake News, Covid-19, Extremismus(-bekämpfung), … hinzu). Hier nur eben gepaart mit Mordermittlungen und der einen oder anderen persönlichen Erkenntnis der Beteiligten, die sich natürlich nicht in Paloviita und Oksman erschöpfen, sondern auf ein kleines Team samt neuer Leitung in Gestalt von Susanne Manner und diverser fallbezogener Nebenfiguren ausdehnen. 

Das schafft eine durchaus spannende Gesamtkomposition und Tuominen weiß auch so gut wie immer, wann er ein Gespräch beenden und den Schauplatz wechseln sollte; ebenso halten sich Dialog und Aktion eine solide Waage. Kaum etwas wird zerredet, die kleinen Debatten klingen zumeist organisch. Genauso wenig artet die Geschichte zu einem unsinnigen Actionthriller aus, in dem am Ende erstmal einmal halb Pori brennen muss. Auch wenn es reichlich Feuer geben wird.

Radikalisierter Alltag

Der Autor Arttu Tuominen // Foto: Mikko Rasila

Dies wiederum ist bei einem Thriller, der mit Splittergranaten beginnt, kaum anders zu erwarten. Wobei das Buch ganz streng genommen damit beginnt, wie Oksman sich für die Nacht im Venus bereit macht, derweil im Hintergrund eine recht typische Fernsehdebatte über Homosexualität und Gott läuft, dabei sein wahres Ich freilegt, in dem er sich Make-Up auf- und ein rotes Kleid anlegt. Er entgeht dem Anschlag im Club nur, da er mit dem bekannten finnischen Designer Kristian Ramberg den Club verlässt, um in ein Hotelzimmer zu wechseln.

Eine Entscheidung, die ihm zwar das Leben rettet, es auf der anderen Seite aber wieder um einiges schwieriger macht. Oder ist er es, der es sich so schwierig macht? Zwischendurch möchten wir Oksman schütteln (was gefährlich werden könnte) und ihm sagen: „Komm, mach, trau Dich!“ Dann wiederum sehen wir die Welt, in der er lebt und agiert, und möchten ihn in den Arm schließen und sagen: „Es ist gut, es wird gut. Es muss nichts zerspringen.“ 

So nimmt uns Was wir verbergen nicht nur in Hinblick auf die Spannung an der Oberfläche, sondern dank genau gezeichneter Charaktere und eines an ihnen interessierten Autors auch auf eine emotionale Weise gefangen und erlaubt es uns dabei nicht, allzu einseitig zu denken. Da das Buch und so wie wohl auch Arttu Tuominen genau in der Einseitigkeit und im Rückzug auf eine radikalisierte Dafür-oder-Dagegen-Haltung wesentliche Probleme der Gesellschaft ausmachen, ist damit viel getan.

AS

PS: Dass das veraltete Wort „Transvestit“ immer wieder auftaucht, irritiert etwas. Weniger im Umgang der Polizist*innen miteinander, das mag realistisch sein. Wenn dann aber ein schwuler Designer von „Transvestit“ spricht, ist es kurz ein wenig seltsam… Allerdings ist auch nicht eindeutig, ob Oksman sich gern als Drag Queen aufmacht oder tatsächlich nicht im Reinen mit sich als als Mann gelesener Person ist. Beide Möglichkeiten werden angedeutet und hoffentlich im weiteren Verlauf austariert. 

PPS: Die Rassisten sind hier richtig rassistisch; das auch in der Übersetzung so zu belassen, ist mutig und wichtig. 

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Arttu Tuominen: Was wir verbergen; Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen; Oktober 2022; 366 Seiten; Paperback, mit Farbschnitt; ISBN 978-3-7857-2811-6; Lübbe Belletristik; 16,99 €

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