Toxische Weiblichkeit

Vor nunmehr anderthalb Jahren veröffentlichten wir einen Beitrag mit der Überschrift „Männer sind Schweine – Frauen aber auch“, für den es in den sozialen Netzwerken teilweise ordentlich was auf den Dez gab. Mutmaßlich vorrangig von Personen, die den Beitrag nicht gelesen hatten, denn wir alle wissen: Überschriften schaffen wahrgenommene Realitäten. Die Autorin des darin besprochenen Buches wie auch manch andere Leser*innen (vor allem jene von Beitrag und Buch) zeigten sich hingegen erfreut und meinten, das treffe das Buch halt recht gut.

„Deine Eleganz macht mich unbeholfen“

Ein ganzes Stück weit weniger grausam als besagtes Buch, dafür aber kein bisschen weniger psychologisch und inhaltlich wertvoll und ausgefeilt, fällt das Langfilmdebüt der 1985 geborenen finnischen Regisseurin Aino Suni Heartbeast aus, in dessen Zentrum die Stiefschwestern Elina (fan-fucking-tastisch: Elsi Sloan) und Sofia (eindrücklich: Carmen Kassovitz) stehen, zwischen denen sich eine eher delikate Obsession entwickelt. Der Film wird vom deutschen Verleih Port au Prince Pictures am kommenden Montag, dem 5. Dezember, für ein einmaliges Event ins Kino gebracht (mehr dazu am Textende).

Elina (Elsi Sloan) // Foto: © Port au Prince Pictures / Kerttu Hakkarainen

Elina ist 15, eher in sich gekehrt, darf aber als aufstrebende Rapperin mit solidem Freundeskreis in ihrer Heimat Finnland gelten. Da passt es ihr so gar nicht, dass Mutter Audrey (Camille Dalmais) mit ihr zu ihrem neuen Mann Karim (Adel Bencherif) nach Südfrankreich an die Côte d’Azur zieht. Dort darf sie sich in einem sehr großen Haus ein eher mittelgroßes Zimmer mit ihrer Stiefschwester Sofia, 17, teilen, die eine vielversprechende Balletttänzerin ist. Allerdings ist sie wie die anderen Rich Kids ganz Gossip Girl– oder Élite-Style auch ein Partygirl und mag ihr MDMA. 

Dabei nimmt sie Elina durchaus an die Hand und führt sie in ihre Welt ein, immer bemüht darum, die Oberhand zu behalten. Elina, die sich prompt zu Sofia hingezogen fühlt und ihr direkt einen Love-Song rappt, lässt sich nur zu gern mitführen, denkt aber nicht daran, nur irgendeine Person im gar nicht mal fabelhaften Leben der aufbrausenden Sofia zu sein. 

„Ich tu dir weh, …“

In Heartbeast mischt Aino Suni gekonnt eine recht klassisch anmutende Coming-of-Age-Geschichte mit psychologischem Thriller und so manchem Sozialkommentar, etwa wenn die Eltern primär als Problemerweiterer denn als Problemlöser erscheinen. Wenn Jugendliche oder junge Erwachsene, hier eben zwei junge Frauen (wobei es immer mal wieder angedeutet wird, dass Elina ins nicht-binäre Spektrum fallen könnte) mit ihrem Selbst und ihren Problemen vor allem auf sich gestellt sind, geschieht es eben, dass sie ganz eigene Bewältigungsmechanismen entwickeln und mal in diesen auf- und mal untergehen. 

Sofia (Carmen Kassovitz) und Elina (Elsi Sloan) // Foto: © Port au Prince Pictures / Kerttu Hakkarainen

Statt das Suni, die auch das Buch zu diesem in pulsierenden Bildern von Kerttu Hakkarainen gepackten Film schrieb, eine geschwätzige Psychoanalysesitzung samt Familienaufstellung macht, scheint es beinahe, als ließe sie ihre Figuren einfach laufen und sich in ihrer auf gegenseitiger Abhängigkeit beruhenden Beziehung immer wieder wie von selbst aneinander reiben oder voneinander wegstoßen. 

„…doch nur zu deinem Besten“

Dies läuft über einhundert kurzweilige Minuten natürlich nicht ohne Brutalität und Grausamkeiten ab, es ist ein Psycho-, ein Machtspiel, das schlussendlich kaum Gewinner:innen kennen kann und doch nicht in einem Shakespear’schen Blutbad endet. Wenn Heartbeast, der übrigens auch voller dunklem und feinsinnigem Humor ist, auch immer mal damit kokettiert, dass der Ausgang ungewiss ist, was in der Tat so ist. Allerdings ist der Film zu klug, um am Ende wie eine Atombombe hochzugehen

Elina (Elsi Sloan) und Sofia (Carmen Kassovitz) // Foto: © Port au Prince Pictures / Kerttu Hakkarainen

Auch sind die Figuren zu komplex, sind nicht schwarz-weiß-gut-böse, um ein „Basta!“ wahrscheinlich oder nötig erscheinen zu lassen. Elinas subtile Düsternis ist so faszinierend wie es Sofias manisches Wollen-Nichtwollen ist. Dass in diesem Komplex ein kurzzeitiger Loverboy und die beste Freundin Karoline (passt: Lucille Guillaume) nur stören, verwundert dabei kaum. „Eine giftige und doch süchtig machende Beziehung, in der sich Machtverhältnisse dynamisch verschieben und verändern“, nennt Regisseurin Aino Suni das im Presseheft und treffender lässt es sich nicht beschreiben.

„Kein Like wird uns retten“

Dass diese Erzählung so funktioniert und unsere Sympathien und Antipathien gleichwertig verteilt sind, liegt natürlich vor allem am besagten Drehbuch. Und an der Leidenschaft, die bei Sofia über das Ballett und bei Elina, die während einer Open-Mic-Night eine MC kennenlernt, die ihr prompt einen Gig auf einem kleinen Festival in Nizza anbietet (und von der 25-jährigen Rapperin Chilla gespielt wird, die den Song, den Elina alias Alien peformt, geschrieben und im Oktober 2022 das hörenswerte Album EGO veröffentlicht hat), über den Rap vermittelt wird. 

Sofia im Ballettunterricht (Carmen Kassovitz) // Foto: © Port au Prince Pictures / Kerttu Hakkarainen

So gibt es in dieser wahrlich europäischen Produktion – Finnland, Frankreich und Deutschland sind am Start – also nicht nur die Obsession der beiden Frauen füreinander, sondern auch jene für eine Zukunft außerhalb des emotionalen Begehrens. Wie gegenseitig ausgeprägt dieses ist, das müssen die Zuschauer*innen selbst entscheiden. Wer Opfer ist und wer womöglich Opferbereitschaft zeigt, ebenso. Am Ende steht vor allem eines fest: Aus einer Abhängigkeit zu finden, ist nahezu unmöglich. 

AS

PS: Die Musik im Film ist fantastisch, dazu gehört auch der Score von JB Dunckel, der uns unter anderem zuletzt in François Ozons Sommer 85 mit seinen Klängen zu verzaubern wusste.

PPS: Dass Elina und Sofia irgendwann mal nebenher erwähnen, dass sie derzeit sehr viele True-Crime-Dokumentationen auf Netflix schauen würden, ist ein feines Gimmick und passt hervorragend zu den beiden – wie auch die verknüpfte Frage an Karoline, wie sie sich denn umbringen würde. Der Film hat wie gesagt Humor.

Elina (Mitte, Elsi Sloan) mit Sofia (rechts, Carmen Kassovitz) und ihrer Freundin Caroline (links, Lucille Guillaume) // Foto: © Port au Prince Pictures / Kerttu Hakkarainen

PPPS: Stalin-Plakat und Völkermord, das wurde langsam alt, meint der perverse Theaterstücke schreibende, in Hamburg lebende Vater Elinas. Ach, Holodomor…

PPPPS: Zur französischen Ko-Produktion die zu großen Teilen in Frankreich spielt gab es übrigens Französische Zwiebelsuppe.  

Heartbeast wird im Rahmen eines exklusiven Kino-Special von Port au Prince Pictures am 5. Dezember in folgenden Städten im Kino zu sehen sein: Aachen, Aschaffenburg, Balingen, Berlin, Bochum, Düsseldorf, Essen, Fritzlar, Görlitz, Halle, Hamburg, Heppenheim, Jena, Magdeburg, München, Münster, Nürnberg, Pforzheim, Potsdam, Rostock, Schweinfurt, Stuttgart, Ulm, Villingen-Schwenningen und Weimar.

Ab dem 16. Dezember 2022 steht Heartbeast auf der Film-Website zum Ausleihen zur Verfügung und ist ebenso via Amazon Prime verfügbar.

Heartbeast; Finnland, Frankreich, Deutschland, 2022; Buch und Regie: Aino Suni; Kamera: Kerttu Hakkarainen; Musik: Jean-Benoît Dunckel; Darsteller*innen: Elsi Sloan, Carmen Kassovitz, Lucille Guillaume, Camille Dalmais, Adel Bencherif, Chilla; Laufzeit ca. 101 Minuten; Sprache: Finnisch, Französisch, Englisch mit deutschen Untertiteln; Eine Produktion von Adastra Films, Made, Oma Inge Film; unterstützt durch die Finnish Film Foundation, die MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, die Région Provonce-Alpes-Côte d’Azur und dem Département des Alpes- Maritimes in Zusammenarbeit mit dem CNC und dem YLE 

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