Das Kind beim Namen nennen

„Verantwortungsgemeinschaft“ – dieser wunderschöne Begriff aus dem Koalitionsvertrag der Ampelparteien dürfte uns noch eine Weile begleiten und für manch hitzige Debatte sorgen. Gut so, denn das Institut der Ehe hat sich zwar bewährt und wurde dennoch durch die „Ehe für alle“ 2017 endlich auch für Homosexuelle geöffnet. Auch wenn Putins Krieg gegen die Ukraine die Prioritäten deutlich verschoben hat, die Kindergrundsicherung und das Selbstbestimmungsgesetz deutlich länger auf sich warten lassen, aber eine „Zeitenwende“ zumindest rhetorisch angekündigt wurde.

Aber zurück zum Thema: Denn obwohl sich zunehmend vielfältige und verschiedene Beziehungsformen herausbilden, in denen Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, ist doch die Ehe das traditionelle Modell des Zusammenlebens, das mit Rechten und Pflichten einhergeht. Egal, ob eine Ehe aus Liebe oder doch eher aus Vernunft eingegangen wird, sie bringt eine Reihe von Veränderungen für die Partnerinnen und Partner mit sich, aber auch für andere, beispielsweise Kinder aus früheren Beziehungen.

Willkommen auf der Adoptivgeschwistervaterfamilienfinca // © Constantin Film Verleih / Jürgen Olczyk

Häufig ist das ein gemeinsamer Ehename. Dieser wird in der Komödie Der Nachname von Regisseur Sönke Wortmann zum Anstoß einer deutlich umfassenderen Familiengeschichte. Bereits im Jahr 2018 inszenierte Wortmann die humorvolle und dabei dennoch tiefgründige Komödie Der Vorname, in der die Debatte um den Vornamen „Adolf“ für einen kommenden Sprössling die Familie Berger/Böttcher/König spaltet und noch viel tiefere Gräben freilegt. Der Nachname ist nun die überwiegend sehr gelungene Fortsetzung und startet am 20. Oktober 2022 in den deutschen Kinos.

Was ein Name auslösen kann

Drei Jahre nach dem Drama um Adolf, Cajus und Antigone starten wir den Nachnamen auf Lanzarote. Die Familienälteste Dorothea (Iris Berben – gerade auch wolkenhaft fabulös in Triangle of Sadness) und ihr Adoptivsohn/neuer Partner René (Justus von Dohnányi) haben ihre Kinder/Adoptivgeschwister Elisabeth (Caroline Peters) und Thomas (Florian David Fitz) samt deren Partner/in Stephan (Christoph Maria Herbst) und Anna (Janina Uhse) Gott sei Dank ohne Kinder eingeladen, um eine Ankündigung zu machen. Nur doof, dass die Fluggesellschaft Stephans Handgepäck nicht eingeladen hat – der Ton und die Stimmung für den familiären Kurzurlaub scheint damit gesetzt.

Koffer weg und kein Netz… // © Constantin Film Verleih / Jürgen Olczyk

Denn natürlich lässt die Enthüllung von Dorothea und René nicht alle mit Freude zurück. Im Gegenteil, ähnlich wie im vorhergehenden Film ist diese Debatte erst der Auslöser für eine Reihe weiterer Debatten. Sie zeigt, wie viele verschiedene Konflikte in der Familie unter der Oberfläche brodeln, lange Zeit aber, wie der Vulkan Cumbre Vieja auf der Nachbarinsel La Palma letztes Jahr, nicht ausbrechen.

Post und Päckchen

Dabei hat jedes Mitglied der Familie doch sein oder ihr Päckchen zu tragen – und die tragen häufig ein ähnliches Label wie das Nummernschild des spanischen Postboten. Es geht um eine sicher geglaubte Beförderung und berufliche Karriere, eine Affäre mit dem Kollegen als vermeintliche Chance, die Beziehung zu retten, Erektionsstörungen (im Saal lachten hier übrigens – heterosexuelle? – Männer dieses etwas zu laute „Ohohoho, der Arme“-Lachen) oder die Frage nach tatsächlicher oder gesellschaftlich erwarteter Männlichkeit. Viele Probleme lassen sich im Alltag überdecken, aber in Der Nachname dient die Bekanntmachung von Dorothea und René als Katalysator, um die Bruchstellen sichtbar zu machen. Die Familienmitglieder finden sich in teils erstaunlichen Allianzen zusammen und Dorotheas Haschkekse tun ihr Übriges.

Mit viel Witz, einigem Augenzwinkern und doch ein wenig Ernst erzählt das Team um Regisseur Wortmann und Autor Claudius Pläging erneut eine böse Satire über typisch deutsche Probleme, Perspektiven und Persönlichkeiten. Das eine oder andere „Päckchen“ der Hauptfiguren dürfte auch manchen von uns bekannt sein. Der Wiederekennungsfaktor ist somit teils nicht unbedingt gering.

Sinnieren statt Flanell, äh flanieren – auch für Fußfetischist*innen // © Constantin Film Verleih / Jürgen Olczyk

All diese Probleme und Wehwehchen garnieren die Macherinnen und Macher immer wieder mit einer gehörigen Portion Witz und Humor. Wie bereits in Der Vorname gibt es dabei manche Statements und Verhaltensweisen, die uns laut zum Lachen bringen, bei anderen reicht es zumindest für ein Schmunzeln und an manchen Stellen zündet der Humor nicht unbedingt (das Timing saß im Vornamen an vielen Stellen besser). Das dürfte aber auch eine individuelle Komponente der Zuschauerinnen und Zuschauer sein, denn bekanntermaßen findet ja jeder und jede etwas anderes lustig.

Manches Eis is etwas dünner – trägt aber doch zumeist

Mit einigen Witzen wagen sich die Gagschreiberinnen und -schreiber deutlich aus der Komfortzone. Vor allem Thomas führt das hin und wieder aufs gesellschaftliche Glatteis, wenn ein eher antiquiertes oder dezent misogynes Frauenbild der Figur zutage tritt. Und dennoch schaffen es die Macherinnen und Macher sehr gut, eben solche Haltungen als das zu entlarven, was sie sind, nämlich bestenfalls unbedacht und ignorant, schlechtestenfalls… naja…

Frühsport verbindet (?) // © Constantin Film Verleih / Jürgen Olczyk

Hier kommt die Antwort meist prompt, aber nicht laut und mit erhobenem Zeigefinger, sondern ruhig, sachlich, erklärend und einordnend oder einfach passend garstig. Und selbst Themen wie Leihmutterschaft oder ein lesbischer Nebenhandlungsstrang werden ohne große Kalauer in die Handlung eingewoben – und bieten viel Potential für eine weitere Fortsetzung, beispielsweise Der Zweitname.

Eine Verantwortungsgemeinschaft glaubhaft verkörpert

Eine solche Story lebt aber natürlich immer auch von ihren Darstellerinnen und Darstellern. Hier ist es ein Glücksfall, dass Wortmann und sein Team wieder auf das bewährte Team aus Der Vorname zurückgreifen können. Christoph Maria Herbst und Florian David Fitz spielen herrlich bissige Männer, die in ihren traditionellen gesellschaftlichen Rollen und Erwartungen verhaftet sind,diese aber längst nicht mehr erfüllen oder zu erfüllen brauchen, können aber gleichzeitig glaubhaft diese Erwartungen als gesellschaftliche Zwänge verkörpern.

Bitte, was?! // © Constantin Film Verleih / Jürgen Olczyk

Umgekehrt gilt das für die als Anna sehr selbstbewusste Janina Uhse und die in ihrer Rolle als Frau und Mutter nicht mehr zufriedene Elisabeth aka Caroline Peters. Justus von Dohnányi steht als René auch dieses Mal wieder herrlich zwischen allen Stühlen, aber versucht sich doch glaubhaft und charmant gleichzeitig von seinen Adoptivgeschwistern zu emanzipieren und sich neben seiner Ziehmutter/Partnerin Dorothea auf neue Weise zu behaupten.

Die Matriarchin

Die wohl schwierigste Rolle hat Iris Berben als ebenjene Dorothea, die einerseits „den Laden zusammenhalten“ muss, in ihren späten Jahren aber auch nicht mehr zu viel Rücksicht auf ihre Kinder nehmen will und soll. Es passt wirklich sehr gut, dass sie den vielleicht größten Konflikt hineinbringt, indem sie den größten „Verrat“ an ihrer Familie begeht, am Ende aber in einem grandiosen Plädoyer die Gelegenheit hat, die Bruchlinien in der Familie zu kitten.

Showdown am Strand // © Constantin Film Verleih / Jürgen Olczyk

Der Nachname ist somit die überwiegend gelungene Fortsetzung von Sönke Wortmanns Film Der Vorname. Erneut behandelt er eine Reihe von Themen und Friktionen im gesellschaftlichen Zusammenleben, geht diese aber mit einer gesunden Mischung aus Humor und Tiefgang an. Im menschlichen Zusammenleben muss sich jeder und jede immer wieder neu auf das Gegenüber einstellen und einlassen und vielleicht auch manchmal ein wenig an sich selbst arbeiten. Dies arbeitet Der Nachname ein weiteres Mal exemplarisch an der Verantwortungsgemeinschaft der Bergers/Böttchers/Königs gut heraus und bietet daher neben viel Witz auch gute Unterhaltung und den einen oder anderen Gedankenanstoß für das Publikum.

HMS

Der Nachname startet am heutigen Donnerstag in den Kinos

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