Das Kind in den Brunnen werfen

Die damalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry machte vor einigen Jahren den Vorschlag, den Begriff des „Völkischen“ wieder positiv zu besetzen. Den demokratischen Nutzen für den „Volkskörper“ konnte sie bis heute nicht deutlich machen – wie so häufig bei Initiativen der AfD. Und dennoch ist die Frage, welche Begriffe gesellschaftlich akzeptiert oder politisch korrekt sind eine, mit der wir uns seit einigen Jahren intensiver auseinandersetzen.

Wie darfst du heißen?

Auf äußerst humorvolle Weise tut dies der Film Der Vorname von Regisseur Sönke Wortmann aus dem Jahr 2018, basierend auf dem gleichnamigen französischen Theaterstück und Film von Alexandre De La Patellière und Matthieu Delaporte. Ein als gemütliches Familienessen im Hause Berger-Böttcher geplanter Abend endet im Fiasko. Die ihr Curry mühselig zubereitende Elisabeth (Caroline Peters) und ihr Mann, der renommierte Literaturwissenschaftler Stephan (Christoph Maria Herbst), erwarten Elisabeths Bruder Thomas (Florian David Fitz), seine später hinzustoßende Frau Anna (Janina Uhse) sowie ihren Ziehbruder René (Justus von Dohnányi) zum gemeinsamen Essen. Auch ihre Mutter Dorothea (Iris Berben) meldet sich regelmäßig telefonisch.

Auch Dorothea (Iris Berben) hat vor ihren Kindern ein Geheimnis, bleibt aber entspannt // © ARD Degeto/2018 Constantin Film

Alles sieht nach einem „normalen“ Familienabend aus, bis Thomas die vermeintliche Katze aus dem Sack lässt: Ihr Sohn – Anna ist schwanger – soll den melodischen Namen Adolf tragen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Stephan jedenfalls zeigt seine ganze (typisch deutsche) Borniertheit, denn dieser Name (den er eher „Addolph“ ausspricht) geht – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – nicht, hieß nicht schon der wohl größte Diktator Deutschlands so. Thomas hingegen hat die Attitüde seines Schwagers schon lange satt und schafft es, Stephans Argumente nach und nach auszumanövrieren.

Familiäres Gemetzel

Während Elisabeth weiter für ein nettes Abendessen ackert – ganz à la fleißige Hausfrau –, sitzt René eher zwischen den Stühlen und verhält sich in der Diskussion vermittelnd bis passiv. Und als sich die Gemüter am Ende ein wenig beruhigt haben, löst Annas Auftritt eine neue Debatte aus, die schließlich noch weiter führen soll als die reine Diskussion um den Namen des Kindes.

Zwischen Thomas (Florian David Fitz) und seiner Frau Anna (Janina Uhse) gibt es nun auch etwas zu klären // © ARD Degeto/2018 Constantin Film

Regisseur Sönke Wortmann, die Drehbuchautoren Claudius Pläging und Alexander Dydyna und ihre Teams haben mit Der Vorname eine der wohl witzigsten und dennoch lehrreichsten Komödien geschrieben, die das deutsche Kino in den letzten Jahren gesehen haben dürfte. Ganz im Stile von Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels ist eine kleine Nebensächlichkeit Auslöser für eine Debatte, die – so viel sei verraten – an den Grundfesten der Familie Berger-Böttcher rüttelt.

Auftritt: Cajus und Antigone

Die Frage, ob der Name Adolf für ein Neugeborenes in Deutschland adäquat ist, ob das Kind für sein gesamtes Leben gebrandmarkt ist, welche Namen gesellschaftlich akzeptabel sind – Cajus und Antigone sind es offenbar – ist durchaus stellenswert. Aber welche Namen fallen denn zusätzlich in diese Kategorie? Wo ziehen wir eine Linie? Und wer entscheidet hierüber? Hierzulande gab es auch manche Friedrichs, Wilhelms und Ottos, die nicht gerade wenig Blut an ihren Fingern kleben haben.

Bei jedem Gang kommt etwas oder jemand anderes auf den Tisch! Thomas (Florian David Fitz, li.) ist jetzt sauer. René (Justus von Dohnányi) und Elisabeth (Caroline Peters, re.) lachen sich dagegen schlapp // © ARD Degeto/2018 Constantin Film

Diese Debatte arbeiten die Macherinnen und Macher mit Witz und Humor, aber auch einer gesunden Prise Ernsthaftigkeit auf und bringen uns zwischen den zahlreichen Lachern auch mal zum Reflektieren manch eigener Position. Ins Klamaukige driften die Figuren und die Witze dabei manchmal in der Tat ein wenig ab, aber das kennen wir ja von so manchem Münsteraner Tatort und ist ja auch der Sinn einer Komödie.

Eine Charakterstudie

Noch interessanter ist aber die Charakterstudie, die Der Vorname für uns Zuschauerinnen und Zuschauer bietet. Stephan, das Prachtexemplar eines bornierten Vorzeigedeutschen mit Socken in den Sandalen und der geizigerweise die Etiketten des teuren, geschenkten Weins abdampft, um sie auf billige Flaschen zu kleben, ist der Archetyp des engstirnigen Bildungsbürgertums. Seine Frau Elisabeth hingegen geht als die warmherzige, kümmernde Mutti durch, die vielleicht ein wenig verpeilt ist, es jedoch allen recht machen will und dafür am Ende keinen Dank bekommt, sondern höchstens gefragt wird, wieso denn das Essen 37 Sekunden zu lange im Ofen war.

Stephan (Christoph Maria Herbst, l.), Elisabeth (Caroline Peters) und René (Justus von Dohnányi, re.) stellen Thomas (Florian David Fitz) zur Rede // © ARD Degeto/2018 Constantin Film

Thomas gibt in vielerlei Hinsicht die Antipode zum engstirnigen Stephan: tolerant, weltgewandt, erfolgreich und eloquent. Im Lauf des Abends zeigt sich aber auch bei ihm, dass in ihm viel mehr Stephan als Che Guevara steckt und er auch nicht so viel besser als sein Schwager ist und in puncto Arroganz nehmen sie sich ohnehin beide nichts. Anna wiederum scheint die eigentlich Besonnene zu sein, die aber dennoch vielfach unterschätzt wird – ähnlich wie Elisabeth – und keine Scheu hat, ihre eigene Position zu vertreten.

Ja? Oder nein? Oder vielleicht? Oder ein bisschen?

René letztlich sitzt, wie erwähnt, ein wenig zwischen allen Stühlen, ist irgendwie Teil der Familie, irgendwie auch nicht, wie es eben gerade passt (was auch dazu passt, dass er im Film nahezu immer am Rand platziert wird). Ein wenig flamboyant, gehen alle mindestens subtil davon aus, dass er schwul sei; doch das Geheimnis um seine Liebschaft geht sogar noch viel tiefer. Auch in der bereits abgedrehten und für Oktober 2022 angekündigten Fortsetzung Der Nachname soll dies eine bedeutende Rolle einnehmen. Familie kann eben vieles sein.

René (Justus von Dohnányi) ist ein Konzertmusiker // © ARD Degeto/2018 Constantin Film

Deutschland, was darf mensch im Jahr 2018 (oder 2022) und was gehört sich nicht? Der Vorname von Sönke Wortmann stellt diese Frage, zeigt auf, welche Traditionen und Vorlieben, welche Manieren und geistigen Manierismen und welche Tabus wir noch haben und welche einer aufgeklärten Gesellschaft im 21. Jahrhundert würdig sind. Das macht der Film aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern vor allem mit einem Stakkato an feingeistigem Witz, das sogar beim zweiten Mal gucken noch funktioniert und an keiner Stelle ins Geschmacklose abgleitet.

HMS

Der Vorname wird am heutigen Montagabend um 20:15 Uhr im Rahmen des Sommerkinos im Ersten ausgestrahlt (Wdh. in der Nacht auf Dienstag um 2:30 Uhr) und ist anschließend für sieben Tage in der ARD-Mediathek verfügbar.

Der Vorname; Deutschland 2018; Regie: Sönke Wortmann; Buch: Claudius Pläging, Alexander Dydyna (basierend auf dem gleichnamigen französischen Theaterstück und Film von Alexandre De La Patellière und Matthieu Delaporte); Kamera: Jo Heim; Musik: Helmut Zerlett; Darsteller*innen: Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben, Serkan Kaya; Laufzeit ca. 91 Minuten; FSK: 6

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