Eine Schwuppe macht noch keinen Regenbogen

…oder:

Wie queerfriendly ist der Fußball wirklich? Ein Kommentar.

OUT! Es ist soweit. Nach etwas über 20 Jahren hat sich ENDLICH wieder ein Fußballer aus einer ersten Liga getraut. Josh Cavallo von Adelaide United hat sich in seiner aktiven Laufbahn als schwul geoutet. Er spielt seit der Saison 2020/2021 im Mittelfeld bei dem Verein in der australischen ersten Liga. Sein Verein hat die letzte Saison ganz gut abgeschnitten. Was sich auf den ersten Blick wie eine durchschnittliche Karriere eines jungen Fußballers liest, wendete er mit einem kurzen Statement dieser Tage zu einer Weltkarriere. 

Intensives Coming Out auf Twitter

In einem auf Twitter von seinem Verein veröffentlichten Video bekennt sich der junge Mann kurz vor seinem 22. Geburtstag dazu, schwul zu sein. Er habe mit seiner Sexualität gekämpft und freue sich darauf, das nun zu den Akten zu legen. Sollte er sich allerdings durch dieses öffentliche Bekenntnis nun Ruhe in seinem Leben erhofft haben, so ging dieser Schuss in die andere Richtung. Aber vermutlich waren sich Verein, Team und auch Herr Cavallo durchaus im Klaren darüber, dass das Wellen schlagen würde. 

Die öffentlichen Reaktionen lassen auch nicht lange auf sich warten. Queere Medien auf der ganze Welt feiern ihn als den Vorreiter, senden Glückwünsche und beteuern, wie dankbar sie ihm sind. Auch dieser Kommentator konnte sich seiner Rührung nicht ganz erwehren, aber….. ach, wie mag das Ganze weitergehen, wenn erst die ganze Euphorie abgeklungen ist? Und ja dieses weite Blickfeld und der Blick über den Tellerrand ist etwas, was man den, nun durch Cavallo auch offiziell zum Outing aufgerufenen queeren Fußballspielenden der Welt wünscht. 

„Faggot“ und „Schwuchtel“ als geflügelte Worte in den Stadien

Nicht nur im englischsprachigen Raum ist ja das Wort „faggot“ für einen nicht gelungenen Fußballauftritt gern herbeigerotzt. Auch die deutsche Entsprechung „Schwuchtel“ hört man gern, häufig und abfällig in deutschen Stadien. Ob diese ganzen öffentlichen und polierten positiven Bekundungen der offiziellen Stellen ihren direkten Weg in die Herzen und (so denn vorhanden) auch Hirne der Hardcorefans finden, daran hegt dieser Kommentator zumindest begründete Zweifel. Und auch die Angst vor dem gemeinsamen Duschen kann so manchem Stino (Stinknormalen, falls jemand diese Abkürzung nicht kennt) noch nicht mal das Erlebnis des eben nicht angetatscht werden liefern. Zu tief sitzt vielfach die Abneigung und die vielleicht dann auch etwas gekränkte Eitelkeit, dass die ach so verachtete Schwuppe dann doch gar nicht auf einen abfährt, obwohl man doch im eigenen Universum der heißeste Feger ever ist. Soviel also zu den Phantasien. 

Ist es denn nun Phantasie oder doch Wirklichkeit, dass dieses Coming out von Herrn Cavallo was auslöst? Die klare Antwort kann nur ein vorsichtiges „Mensch wird sehen…“ sein. Ein Coming out während aktiver Fußballer-Laufbahn hat Justin Fashanu im Jahr 1990, ein Jahr bevor Herr Cavallo geboren wurde, einen rapiden Karriere Knick bis hin zu einem unschönen Ende seines Lebens beschert. Mit seinem selbst gewählten Tod ging gleichzeitig ein sehr unrühmliches Beispiel von angeblicher Toleranz und Rückendeckung zu Ende. Und danach soll es keinen weiteren schwulen Fußballer gegeben haben? Jedem der das glauben möchte, dem rufe ich ein gepflegtes: „Bullshit!“ zu und wage durchaus an der Intelligenz des Betreffenden zu zweifeln. Woher ich mir da so sicher bin? Naja Herr Hitzlsperger ist da glaube ich ein ganz gutes Argument. Der hat sich aber auch erst nach seiner Karriere geoutet. Und da er nie gesagt hat, dass er während seiner Karriere nicht… na Sie wissen schon… können wir mit Fug und Recht wohl davon ausgehen, dass er schon gay war, als er noch ganz aktiv gekickt hat (bitte genau lesen).

Und schon stellt sich die Frage,…

…wie wird sich die Karriere des Herrn Cavallo wohl entwickeln? 

Das ist nun der Punkt, an dem es gilt allen Verantwortlichen der Branche ganz deutlich ins Poesiealbum zu schreiben, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, sondern dem jungen Mann nun wirklich auch alle Unterstützung zukommen zu lassen, die er jetzt braucht. Hier wirft es für den Kommentator auch gar keine Fragen auf, dass vom DFB noch keine Stellungnahme dazu erfolgte. Wobei wir das weiche Rainbowrückgrat des DFB oder der UEFA ja alle schon hinsichtlich der nicht stattfindenden Rainbowarena erleben durften. Aber damit sollte mensch sich nicht zufrieden oder gar aufgeben. Joshua Cavallo sollte nicht nur gefördert werden, auch gefordert und ermutigt. „Lebe Dein Leben als öffentlicher Fußballer weiter! Stell uns allen dann mal den Mann an Deiner Seite vor!“ Wir beten derweil für Herz und Hirn der australischen Fans, denn weit über diese Kontinentalgrenzen wird in der nächsten Zeit wohl keine Betätigung zu erwarten sein. 

Darüber hinaus schließt sich der Kommentator aber auch der Aufforderung von Herrn Cavallo an: 

Gay Fußballer der Welt: Outet Euch! Traut Euch raus! 

Setzt das Zeichen, dass es nicht mehr Anfang der 1990er-Jahre ist. Lasst Joshua Cavallo nicht allein die Last des Outings tragen. Je mehr Ihr seid, desto schneller wird sich Otto Normalfan an die queeren Umstände im Männerfußball gewöhnen und sie als genauso selbstverständlich nehmen, wie lesbische Frauen im Frauenfußball (wobei wir hier das Problem haben, dass bei allen fußballspielenden Frauen erstmal vermutet wird, sie seien lesbisch). 

Mensch darf gespannt sein, der Kommentator ist es auf jeden Fall. 

FHE

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