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Nicht nur eine demokratische, auch eine persönliche Zumutung

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Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete das Coronavirus im Mai als „demokratische Zumutung“. Das stimmt, aber es greift nicht weit genug. Es ist auch eine persönliche Zumutung. Vermutlich hat jeder von uns persönliche Einschränkungen erdulden müssen oder muss das immer noch. Und zwar jenseits von Maske tragen, Abstand halten und gut durchlüften (die letzten beiden müssen ohnehin nicht immer als Zumutung verstanden werden).

Unser Programm war toll…

Heute bin ich einfach nur enttäuscht, musste erneut eine persönliche Zumutung erleben. Das Virus hat mir erneut etwas geraubt, was mir in den letzten Wochen den Alltag versüßt hat. Wir wollten gemeinsam nach Bayern fahren, meine Familie nach anderthalb Jahren besuchen. Meinen Neffen sehen, den ich bislang nur durch WhatsApp-Bilder kenne. Uns von meiner Mutter mit ihrer tollen Hausmannskost bekochen lassen. Ein bisschen Natur, ein bisschen Familie, ein bisschen Freunde und Freude.

Wir hatten uns ein tolles Programm für eine knappe Woche zusammengestellt. Schloss Herrenchiemsee, die Fraueninsel und die Burg in Burghausen standen auf unserem Zettel. In München wollten wir zur Homo-Gaststätte und -Hotel Deutsche Eiche und dem NS-Dokumentationszentrum. Und am Obersalzberg in Berchtesgaden wollten wir uns weiter über die Gräueltaten der Nazis informieren. Dazu wollten wir den einen oder anderen Vergessenen Pfad im Chiemgau bewandern und uns zur Belohnung einen Windbeutel beim recht bekannten Café Windbeutelgräfin gönnen.

Zwei traurige Lohengrin-Schwäne. Die Windbeutel müssen leider bis zum nächsten Besuch warten // © the little queer review

Alles war organisiert, die Koffer gepackt, der Kühlschrank weitgehend leergefuttert und der Wecker früh gestellt. Dann allerdings rief am Vorabend meine Mutter an. Ob wir die Nachrichten gesehen hätten. Hatten wir nicht, denn wir waren damit beschäftigt, das Programm zu finalisieren. Keine Beherbergung in Bayern ohne aktuellen Negativtest. Boom.

…umso großer ist nun die Enttäuschung

Nun ist meine Mutter kein Beherbergungsbetrieb, aber mit knapp 70 Jahren und Vorerkrankung leider Risikogruppe. Genau wie der eine oder andere Freund/in und Verwandte, die wir auch zu sehen planten. Die wir einander wie gesagt seit anderthalb Jahren nicht gesehen haben. Aber da wir direkt aus dem Risikogebiet Friedrichshain-Kreuzberg kommen, der ganz eindeutig unter die von Markus Söder postulierte „Nicht-mehr-Kontrollierbarkeit“ fällt – schlicht und einfach weil in diesem quasi failed Bezirk nichts kontrolliert und geltendes Recht nicht durchgesetzt wird – wäre eine Anreise nicht klug und vertretbar. Welche Ironie: Nur wenige Blocks weiter beginnt der Bezirk Lichtenberg. Die Distanz dorthin ist so groß wie zu unseren Nachbarn in Bayern. Würden wir von dort anreisen, wäre alles kein Problem.

Den Tränen nah mussten wir somit unsere Reise absagen. Den Leuten, die sich viel Mühe gegeben hatten, damit sie uns spannende Denkmäler und nachdenklich machende Mahnstätten zeigen und wir diese hier an unsere Leserschaft weitertragen, mitteilen, dass wir alles streichen müssen. Wir fühlten uns dankbar, mit welchem Verständnis und welcher Offenheit uns von allen Seiten begegnet wurde – allerdings nur bedingt von der Deutschen Bahn.

Die Deutsche Bahn freut sich über unsere Spenden

Die hat nämlich mittlerweile eine Art Spende von insgesamt mehr als 500 Euro von mir und meiner ganzen Familie bekommen. Neben unserer ausgefallenen Fahrt wollte meine Mutter mich im Mai zum ersten Mal in Berlin besuchen. Sie, die nie weiter als 150 Kilometer von unserem Dorf entfernt war, hätte sich in ihren späten Jahren mit ihrer Schwester aufgemacht, mich nach fast fünf Jahren erstmals in Berlin zu besuchen (wofür natürlich auch das Programm schon organisiert war und storniert werden musste). Und auch meine Schwester wollte im Juni mit ihrer fünfköpfigen Familie kommen – die allerdings nach 2016 schon zum zweiten Mal. Auch diese Reise fiel ins Wasser.

Die Tickets bei der Bahn hatten wir bereits vorab gebucht. Ein Storno war nicht möglich, die damaligen Kulanzregelungen sahen nicht vor, dass Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko Geld oder zumindest Gutscheine zurückbekommen. Nur eine spätere Reisemöglichkeit, die Menschen mit Vorerkrankung aber nur bedingt nutzt. Vermutlich gilt das dieses Mal ähnlich. Das ist sehr schade und ich würde mir hier von der Deutschen Bahn etwas mehr Verständnis für ihre Kunden wünschen. Übrigens bescherte ich dem Unternehmen in den letzten beiden Jahren mehr als 7.000 Euro Umsatz.

Egal. Wir müssen nun das Beste daraus machen. Unsere Pläne wollen wir nach Möglichkeit im nächsten Jahr nachholen. Meine Mutter hatte bereits eingekauft, wollte uns einen Kuchen backen. Vermutlich schickt sie nächste Woche ein Care-Paket. Wir freuen uns auf dank der Postlaufzeit wohl nicht mehr ganz so frischen Zwetschgendatschi. Ich liebe sie. Und ich hoffe, dass ich sie nochmal sehen kann. Das ist meine persönliche Zumutung der letzten Tage.

HMS

Und dennoch: Love & Peace ❤️✌️🌈

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