Zukunft ist sehr reale Gegenwart in „Years and Years“

Im Grunde beginnt alles – wie so oft – mit einem wohlplatzierten „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Moment. Eine Unternehmerin und eher unbekannte Lokalpolitikerin benutzt einen Kraftausdruck im Fernsehen, es gibt Ärger im TV-Studio, doch sie sieht nicht ein, warum sie das Wort „Scheiße“ (engl. „Shit“) nicht sollte sagen dürfen. Sie avanciert schnell zur Kultfigur, gründet eine Partei und macht sich auf, es dem Establishment zu zeigen und Großbritannien zu verändern. Inmitten all dieser Veränderungen steht die Familie Lyons mit ihren sehr unterschiedlichen Charakteren aus drei, beziehungsweise vier Generationen, die allerdings eines verbindet: Niemand von ihnen konnte im Jahr 2019 voraussehen, wie radikal sich ihre Leben in den nächsten zehn Jahren verändern sollten und vor welche Prüfungen sie gestellt würden.

Eine große Familie mit diversen Ansichten

Die Familie Lyons, ursprünglich aus Manchester stammend, das sind Muriel Deacon (Anne Reid), die gar nicht so großmütterliche Großmutter von Daniel (Russell Tovey), Stephen (Rory Kinnear), Rosie (Ruth Madeley) und Edith (Jessica Hynes). Die Mutter der vier und Tochter von Muriel ist bereits vor Jahren verstorben und zu ihrem Vater und dessen neuer Familie besteht kein Kontakt. Daniel, der für das Wohnungsamt in London arbeitet, lebt mit seinem Mann Ralph (Dino Fetscher) zusammen; Stephen, ein erfolgreicher Finanzberater, ist mit der Chefbuchhalterin Celeste (T’Nia Miller) verheiratet, sie leben ebenfalls in London und haben zwei Töchter: Bethany (Lydia West) und Ruby (Jade Alleyne). Die jüngste der vier, Rosie, die unter Spina bifida leidet, ist Küchenchefin in einer Grundschule und zieht allein ihre zwei Kinder von zwei Vätern groß. Die bi- oder pansexuelle Edith schließlich ist Einzelgängerin und hat nur sporadisch Kontakt zur Familie, da sie fortwährend für diverse NGOs um die Welt reist.

Vivienne Rook (Emma Thompson, M.) von der „Vier Sterne“ Partei schickt sich an, das Land zu erobern. // © ZDF/Matt Squire

Als die politisch engagierte Unternehmerin Vivienne „Viv“ Rook (Emma Thompson) im Fernsehen „Scheiße“ sagt, ahnt noch keiner von ihnen, dass das erst der Beginn einer sich dramatisch verändernden Zeit sein wird. Doch nicht für alle Verwerfungen ist die aufkeimende Welle von Populismus, Fremdenfeindlichkeit, sich verstärkenden Klassenunterschieden, der Fortschritt künstlicher Intelligenz und die überforderte Führung verschiedener Staaten verantwortlich. Auch die Familie Lyons ist nicht nur menschlich, sondern auch manches Mal schlicht menschlich blöde, oder auch unbedarft und naiv.

Hauptprogramm wäre auch schön

Die britische Mini-Serie Years and Years, die die BBC zusammen mit HBO produziert hat, setzt im Jahr 2019 ein, macht zügig einen toll inszenierten Schnelldurchlauf ins Jahr 2024 und zeigt schließlich mit jeder weiteren Folge den Verlauf eines Jahres, bis es schließlich in der sechsten und letzten Folge einen weiteren Zeitsprung ins Jahr 2034 gibt, um die Geschichte abzuschließen. Serienerfinder Russell T Davies präsentiert uns hier also eine fünfzehn Jahre umspannende Dystopie, die zumeist gekonnt Elemente eines Familiendramas, einer gar nicht so abwegigen Science-Fiction und eines politischen Thrillers verknüpft. Das ganze natürlich, wie immer bei ihm, eingeordnet in einen zeitgenössischen und gesellschaftskritischen Kontext, garniert mit einer soliden Prise (Galgen-)Humor. 

Man soll nicht alles glauben, das im Fernsehen läuft: Daniel Lyons (Russell Tovey, l.), Fran Baxter (Sharon Duncan Brewster, 2.v.l.), Stephen Lyons (Rory Kinnear, M.) und Rosie Lyons (Ruth Madeley, r.) schauen die schockierenden Nachrichten im Fernsehen. // © ZDF/Matt Squire

Es ist ein Glück, dass Years and Years gut anderthalb Jahre nach der Erstausstrahlung in Großbritannien nun auch in Deutschland zu sehen ist. Wenn auch zu beklagen ist, dass sie Mitte Januar in einer Nacht komplett auf ZDFneo ausgestrahlt wurde (was toll ist) und nun „nur“ noch in der ZDF-Mediathek zu sehen ist. Sie wird dort ihr Publikum finden, doch hätte man sich bei dem breiten Themenspektrum und den angesprochenen gesellschaftlich relevanten Problemstellungen, die die Serie behandelt, eine Ausstrahlung im ZDF-Hauptprogramm gewünscht, denn auch für Oma Erna und Onkel Heinrich wäre sie zu empfehlen.

Eine dystopische Familiengeschichte

In erster Linie wird die Geschichte als Familiengeschichte erzählt. Wir Zuschauer*innen folgen den vier Lyons-Sprösslingen und ihrer Großmutter über die sechs Folgen, mit einem sich immer mal verändernden Fokus. Wobei dieser zu Beginn eindeutig auf dem von Russell Tovey wunderbar verkörperten homosexuellen Daniel liegt, der sich bei der Wohnbetreuung für Immigranten und Flüchtlinge nicht nur immer weiter von seinem Aluhut-Attitüden entwickelnden Mann Ralph entfernt, sondern auch in den Ukrainer Viktor (Maxim Baldry) verliebt. 

So wie Ralph nach und nach beginnt Verschwörungstheorien und -mythen für bare Münze zu nehmen, haben auch die Lyons eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der sich verändernden Stimmung sowie grundsätzlich unterschiedliche politische Einstellungen, was auch gleich zu Beginn unterhaltsam dargestellt wird. Rosie zum Beispiel feiert Viv, deren Partei natürlich „Vier Sterne“ heißt (Shit, das sie im englischen Original nicht sagen darf, würde entsprechend mit **** verdeckt werden), für ihre vermeintliche Offenheit, dafür, dass sie es „denen“ mal so richtig zeigt. Großmutter Muriel behält ihre Gedanken zumeist für sich, doch sehen wir, dass auch sie eine Veränderung im Land für nötig hält, nicht wissend welche Schleusen hierdurch geöffnet werden könnten.

Daniel (Russell Tovey, r.) und sein Ehemann Ralph (Dino Fetscher, l.) sind zuletzt eher gestresst. // © ZDF/Matt Squire

Überhaupt hat die Serie anfangs noch einen sehr internationalen Einschlag, als es primär um einen Konflikt zwischen China und den USA geht, was nicht nur an die Grenze einer atomaren Auseinandersetzung führt. Im weiteren Verlauf der Serie werden auch immer die Entwicklungen anderer Länder Europas und der Welt angesprochen, so sind die Briten aus der EU ausgetreten, in Italien herrscht Bürgerkrieg, in Spanien tobt eine Revolution nun zu allem Überfluss ist auch noch Angela Merkel tot. Das rückt später in den Hintergrund und der Fokus liegt auf den rein britischen Problemen. Was kurz verwirrt, anderseits auch wieder insofern Sinn ergibt, als dass Abschottung zunimmt und es so etwas wie Staatengemeinschaften nicht mehr zu geben scheint. 

Diese nützlichen Konzentrationslager

Neben Parallelen zur heutigen Welt gibt es auch Bezüge zur Vergangenheit. Etwa als Viv, inzwischen Premierministerin, die Notwendigkeit und den Zweck, der nur durch die Nazis so sehr in den Schmutz gezogenen Konzentrationslager erläutert. Oder wenn darüber referiert wird, dass der nächste gefährliche Clown immer schon darauf wartet, aus seinem Loch zu kriechen.

Bethany Bisme-Lyons (Lydia West) spielt nicht nur gern Telefon. // © ZDF/Matt Squire

Weiter wirft Years and Years natürlich einen Blick auf die mögliche technologische Fortentwicklung. Das funktioniert an mancher Stelle besser (Buchhalter*innen werden nicht mehr gebraucht, Sprachassistenten werden Assistenten, Drohnen werden intelligenter – und tödlicher), an anderer weniger gut (Transhumanismus). Alles in allem bleibt die Serie bei ihrem Zukunftsentwurf aber auf dem Teppich und kaum etwas davon wirkt unvorstellbar. Der Handlungsstrang um Transhumanismus (verkörpert durch die Figur von Bethany) wird anfangs allerdings allzu kalauernd aufgebracht und dann später für einen doofen Schockeffekt fortgeführt, bevor er sich in den Ton der Serie einzufügen vermag. Apropos Ton: Die vibrierende Musik von Murray Gold ist fantastisch. 

Manchmal hilft nur trinken: Celeste Bisme-Lyons (T’Nia Miller, l.) und ihre Schwiegermutter Muriel Deacon (Anne Reid, r.). // © ZDF/Matt Squire

Ansonsten behandelt Davies, der alle Drehbücher schrieb, die großen Themen: Fortschrittswille und gleichsam -angst, damit verknüpft die Sorge vor einer ungewissen Zukunft. Ungleichheit und Kapitalismuskritik, sogar fast ohne die üblichen Klischees zu bedienen. Internalisierter, sowie angefeuerter Rassismus. Flüchtlinge. Homosexualität und Homophobie, auch durch institutionalisierte Religion befördert. Das Zusammenwirken von ebenjener, paramilitärischen Einheiten und machthungrigen Staatenlenkern (Hallo, Russland!). Die gefährliche Macht von gutklingenden Worthülsen, die sich schnell zu Autoritarismus ausbilden. Da sind sie dann wieder: Die verhängnisvollen Clowns.

Und schon sind wir bei Emma Thompson, die als populistische, etwas ahnungslose, gewinnorientierte und letztlich heillos überforderte Polit-Darstellerin Vivienne Rook glänzt. In ihr ist im Grunde alles von Donald Trump, Boris Johnson oder auch Petro Poroschenko (was die Unbedarftheit angeht) und Marine Le Pen und anderen vereint. Auch wenn der erstarkende Rassismus bei Years and Years eher aus einer wirtschaftlichen Abschottungspolitik resultiert, als aus grundsätzlichem Hass. Das Ergebnis bleibt das Gleiche. 

Wenn Clowns Chaos stiften, hilft nur die Flucht: Daniel (Russell Tovey, l.) will um jeden Preis Viktor (Maxim Baldry, r.) retten. // © ZDF/Matt Squire

Das große Drama im Kleinen

Auch hier reagieren die Lyons wieder sehr unterschiedlich, zumal Stephen in erster Linie mit seiner eigenen Unzufriedenheit und einer Reihe konstanter persönlicher Fehlentscheidungen befasst ist und da er unmöglich selber Schuld sein kann, seine Wut lieber auf andere projiziert. Edith hingegen, inzwischen zur Familie zurückgekehrt, gibt vor, ein normales Leben zu leben, aber ein wenig Revolution schadet nie, zumal sie selber zu Beginn die entsetzliche Macht der „Vier Sterne“ unterschätzt hat. Die Tragik der einzelnen Figuren in Years and Years ist aufgrund ihrer Echtheit auf der einen Seite beinahe erschreckend, auf der anderen wiederum gerade deswegen so ergreifend. 

Probleme hat die Serie allerdings, wenn es um die Inkonsequenz mancher Handlungsstränge geht. Hier und da wird mal die Handlungsangel ausgeworfen, scheint dann aber im Wasser vergessen zu werden. Andere eher unnütze Themen werden dafür weiterverfolgt, obwohl sie längst am Ende wären. Es ist schön, mit welcher Verve Russell T Davies in seinem Drehbuch vorgeht und das ganz große Ding drehen will, doch das führt eben auch dazu, dass er sich hier und da verheddert. Besonders ärgerlich ist es zum Beispiel, dass die Figur von Ralph nicht weiter ausgebaut wird, gerade da er mitverantwortlich für eine der wesentlichen Wendungen ist. Auch Celeste, die von T’Nia Miller famos gespielt ist, rückt immer mal in den Hintergrund, als wisse man nicht, was mit ihr zu machen wäre. Das ist schade, auch wenn es am Ende ein wenig ausgeglichen wird. 

Edith Lyons (Jessica Hynes) wird von ihrer Vergangenheit als Aktivistin eingeholt. // © ZDF/Matt Squire

Trotz dieser Kritikpunkte ist Years and Years eine unbedingt sehenswerte, sehr politische, sehr menschliche und teils sehr witzige Familiengeschichte, gleichsam eine äußerst authentisch wirkende Dystopie und ein im Großen und Ganzen toll geschriebenes und inszeniertes Stück hintergründiger Unterhaltung.

Die Miniserie ist noch bis zum 13.3.2021 in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Years and Years; Großbritannien 2019; Regie: Simon Cellan Jones (Folgen 1 – 4), Lisa Mulcahy (Folgen 5 + 6); Drehbuch: Russell T Davies; Kamera: Jakob Beurle; Musik: Murray Gold; Darsteller: Russell Tovey, Rory Kinnear, T’Nia Miller, Ruth Madeley, Anne Reid, Jessica Hynes, Emma Thompson, Maxim Baldry, Lydia West, Dino Fetscher, Jade Alleyne, Sharon Duncan-Brewster; 6 Folgen jeweils ca. 55-60 Minuten; FSK: 16

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