Niemand ist mit Gefühl

2017 veröffentlichte die 1984 in Lübeck geborene und seit ihrem siebten Lebensjahr in Schlagülsdorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsene Autorin Alina Herbing ihren Debütroman Niemand ist bei den Kälbern, der von Presse und Publikum bestens aufgenommen und für den sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. Gelobt wurde unter anderem und ausdrücklich die Authentizität mit der sie vom „selbstverständlichen Rassismus, dem Alkoholismus, dem Festklammern der Männer an tradierten Geschlechterrollen und der dröhnenden Perspektivlosigkeit erzählt“. Diese habe sie im Alltag erworben, spielt der Roman doch…

Keine Stallidylle

…im Hochsommer inmitten im Nirgendwo des nördlichen Mecklenburg-Vorpommern. In der gleichnamigen Verfilmung von Regisseurin Sabrina Sarabi, die seit dem 20. Januar im Kino zu sehen ist, treffen wir auf Christin (Saskia Rosendahl, Fabian), 24, die mit ihrem ein Jahr älteren Freund Jan (Rick Okon) auf dem Milchviehhof von dessen Vater lebt, der von der Partnerin seines Sohnes nicht gerade begeistert ist. Gleiches gilt für die beiden – alles, was einmal an Liebe da gewesen sein mag, ist vergangen; der Umgang ist rau, Christin desillusioniert und gelangweilt. In ihrem Auto immer eine Flasche Kirsch griffbereit, scheint sie ihrem Vater Jens (Andreas Döhler), einem schweren Alkoholiker, nachzueifern. 

Jan schaut nach dem Rechten // © FILMWELT Verleihagentur / Weydemann Bros. / Foto: Max Preiss

Als sie am Windrad auf einem der vielen, vielen Felder auf Windkraftingenieur Klaus (Godehard Giese, Die Wannseekonferenz) trifft, wirkt es, als könne sie womöglich aus der Einöde von Umgebung und Gefühl ausbrechen. 

Niemand ist bei den Kälbern flimmert und strahlt von Beginn an durch Aufnahmen (Kamera: Max Preiss), die in einer vermeintlich idyllischen Umgebung immer bedrohlich wabern. Dabei tut sich die Verfilmung des gleichnamigen Buches nicht durch großes Drama hervor, es gibt keinen chaotischen Klimax im klassischen Sinne, wenn sich natürlich auch alles ein wenig zuspitzen mag. Vielmehr ist das Bedrohliche der Alltag. Das selbstverständliche Nicht-Leben aller, in einer Umgebung, die, so scheint es, sich selbst aufgegeben oder zumindest vergessen hat. Jedenfalls vergessen hat, wohin sie und alle in ihr einmal wollten.

Ist Klaus ein Ticket nach draußen? // © FILMWELT Verleihagentur / Weydemann Bros. / Foto: Max Preiss

Keinen Ausweg

Christin jedenfalls will raus, das ist klar. Nur wohin und mit wem? Ihre Freundin Caro (Elisa Schlott) bricht aus, lässt ihren Mann Torsten (Enno Trebs) zurück. Soll Christin auch Jan zurücklassen? Und was ändert sich und wer ist sie überhaupt? Diese Fragen stellen wir uns, sie sich sicherlich auch. Saskia Rosendahl zeigt sie suchend und fragend, abwägend, testend, unsicher, frustriert und nicht selten kindlich. Es ist eine sonderbare Mischung. Dass diese Christin dazu nicht selten Dinge tut, die manches Mal nachvollziehbar, aber wenig fein, und andere Male weder nachvollziehbar noch sympathisch sind, lässt diesen Charakter umso interessanter sein. Rosendahl hat beim Rosendahl hat beim Locarno Film Festival im Wettbewerb Cineasti del presente den Leoparden als beste Schauspielerin nicht umsonst bekommen.

Vieles in Niemand ist bei den Kälbern müssen wir Zuschauer:innen uns selbst erklären, ein wenig zusammenbasteln. Wir bekommen Auszüge des Lebens auf dem Dorf und der angrenzenden Ortschaft gezeigt, kleine Einblicke, aus denen wir versuchen können, uns ein stimmiges Bild zu machen. Das klappt gut, bei aller Wortkargheit im von Sabrina Sarabi verfassten Drehbuch, lässt sie uns doch nie auflaufen. Trotz nur kurzer Momente wissen wir beispielsweise recht schnell, wer Julius Nitschkoffs Danilo ist und was es mit dem Schriftzug auf Torstens Wagen auf sich hat. 

Christin und Torsten // © FILMWELT Verleihagentur / Weydemann Bros. / Foto: Max Preiss

In manchen Momenten sticht die Stille, nur unterbrochen vom ewigen Surren der Fliegen und Muhen der Kühe, ganz ohne versöhnliche Bauer sucht Frau-Betulichkeitselemente, dann aber so bohrend, dass man geneigt ist, betreten zu Boden zu schauen. Betretenheit oder schlicht ein unangenehmes Gefühl mag ohnehin an einigen Stellen aufkommen, uns durch den Film begleiten, der eine vermeintliche Ausweglosigkeit als etwas Permanentes zeichnet.

Kein Wegschauen

Der Stil mutet dokumentarisch oder auch hyperrealistisch an, so sehr, dass es Momente gibt, in denen wir nicht umhinkommen, uns als Voyeurinnen oder Voyeure zu fühlen. Sei es während der Outfitwechsel von Christin, wenn sie auf dem Klo sitzt, Limonade stürzt oder auch nur Joghurt mit einem Suppenlöffel (!) in sich hinein schaufelt, das Gefühl, sie ohne ihr Wissen zu beobachten, drängt sich auf. Was nicht heißt, dass sie sich dem andernfalls entziehen würde, ihre Körperlichkeit ist ständig spür- und sichtbar. 

Selfietime! // © FILMWELT Verleihagentur / Weydemann Bros. / Foto: Max Preiss

Schwer ist es jedenfalls, sich dem Bann zu entziehen, in dem Niemand ist bei den Kälbern bei aller scheinbaren Nüchternheit uns hält. Sabrina Sarabi, die in Vorbereitung des Films längere Zeit auf dem Land verbrachte, nimmt uns mit der Geschichte völlig ein, gibt uns das Gefühl, dass es selbstverständlich ist, dass wir nun für zwei Stunden dieser seltsamen jungen Frau und ihrem Leben folgen werden. Dass wir anschließend Fragen haben und der Sog sich nicht prompt auflöst. Ein ziemlich großer Wurf.

AS

PS: Zur Veröffentlichung des Films hat der Arche Verlag eine Taschenbuchausgabe von Alina Herbings Roman veröffentlicht

Niemand ist bei den Kälbern; Deutschland 2021; Regie und Drehbuch: Sabrina Sarabi, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Alina Herbing; Kamera: Max Preiss; Musik: John Gürtler; Darsteller:innen: Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Andreas Döhler, Peter Moltzen, Anne Weinknecht, Elisa Schlott, Julius Nitschkoff, Nico Ehrenteit; Laufzeit ca. 116 Minuten; FSK: 16; seit 20. Januar 2022 im Kino

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