Putin frisst Chips

Was war – und ist – das für ein Gewürge und Gehänge in den letzten Tagen und Wochen? Und welche Ironie? Deutschland leidet unter Hitze in mehreren Wellen und fürchtet sich davor, in ein paar Monaten zu frieren. Nord Stream 2 ist seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine vom Tisch und Nord Stream 1 musste „gewartet“ werden. Immer wieder fehlen angeblich Teile.

Zwischen Gut und Böse ist nicht viel

Dazu kommen Meldungen von unseren europäischen Partnern, die sich ihrer Solidarität mit Deutschland und der EU nicht mehr so sicher sind. Österreich will einen Speicher auf seinem Territorium selbst nutzen, der bisher primär von Bayern angezapft wurde. Portugal kann algerisches Gas kaum in die Mitte Europas transportieren, will aber auch kein Flüssiggas umlenken. Und Polen, der größte Nettoempfänger von EU-Mitteln, will mit dem Nachfolger des Nazi-Staats sowieso nichts teilen.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, wenn in Deutschland diskutiert wird, wie wir unsere Gasversorgung sicherstellen wollen, wenn Russland wirklich den Hahn nicht mehr aufdreht. Und ja, in der Debatte muss tatsächlich mehr die Frage gestellt werden, ob wir nicht manche Raumtemperatur senken könnten, um mehr Gas für „die böse Industrie“ zur Verfügung zu haben. Immerhin ist es diese „böse Industrie“, die vielen Menschen hierzulande Arbeit gibt. Und ohne Arbeit gibt es kein Gehalt und ohne Gehalt kann sich niemand überhaupt eine Wohnung leisten, die er oder sie beheizen kann.

Putin lässt uns bibbern

Aber dennoch: Was ist das für ein Trauerspiel, das wir gerade abliefern. Putin lässt uns mitten in der größten Sommerhitze bibbern. Er macht uns Angst und terrorisiert uns mit seinen ständigen Turbinen-oder-sonstwas-Drohungen. Und wir sind so blöd und fallen drauf rein. Putin muss doch in seinem Palast in Moskau, Sotschi oder wo auch immer sitzen und Chips oder Popcorn fressen, wenn er sieht, wie wir uns hier zum Affen machen. Kartoffeln, Fett und Mais dafür holt er sich aus der Ukraine.

Was wir brauchen, ist eine ehrliche Debatte. Ja, das Gas wird knapp. Ja, wir müssen auf andere Energieträger umsteigen – und zwar schnell. Ja, wir müssen die Ukraine mit Waffen beliefern, besser heute als morgen. Und ja, wir werden auch Einschränkungen hinnehmen müssen, hoffen, dass der Winter nicht so hart wird und Putin aus Nord Stream für uns kein zweites Stalingrad macht. Für unsere Freiheit und den Frieden in Europa müssen wir auch bereit sein, etwas zu geben, selbst wenn es nur ein paar Grad weniger in unseren Wohnzimmern sind.

Lasst uns stattdessen über etwas anderes reden: Putins Außenminister Sergei Lawrow hat kundgetan, dass Russlands Ziel nach dem Donbass nun der Sturz des Kiewer „Regimes“ sei. Einer demokratisch gewählten Regierung wohlgemerkt. Noch mehr als ohnehin schon ist damit klar, was Russland in der Ukraine bezweckt.

Hals- und Völkerrechtsbruch

Russland begeht damit den nächsten Völkerrechtsbruch. Im Rahmen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) – eine wichtige, aber vielfach dennoch unbeachtete Organisation – hat sich auch Russland dazu verpflichtet, Grenzen nicht gewaltsam zu verändern und demokratisch gewählte Regierungen in Europa nicht zu stürzen. Der angestrebte „Regimewechsel“ ist damit also der zweite eindeutig erklärte Völkerrechtsbruch, den Moskau nun offiziell verfolgt.

Daher erneut: Statt uns jetzt über die möglicherweise kalt bleibenden deutschen Wohnungen im Winter zu echauffieren, sollten wir unsere Energie lieber darauf verwenden, Russland nicht nur im übertragenen Sinne seine Grenzen aufzuzeigen und die Ukraine mit schweren Waffen auszurüsten. Denn während wir uns fürchten frieren zu müssen, fürchten die Menschen in der Ukraine um ihr Leben und verteidigen auch unsere Freiheit.

HMS

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