Russlands Mütterchen

Eine „Zeit der sehr großen persönlichen Verantwortung“ sei für die Menschheit angebrochen, so schätzte die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja am 28. März 2022 die aktuelle Weltlage ein. Und es stimmt, Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine verlangt uns allen ab, alte Gewissheiten zu überdenken und manche Dinge in die eigene Hand zu nehmen.

Ulitzkaja ist eine der prominentesten Stimmen der russischen Intelligenzia, die sich öffentlich gegen Putin, sein kleptokratisches Regime und seinen Krieg gestellt hat. An jenem Montag Ende März wurde nun im Literarischen Colloquium Berlin die Dokumentation Berühmt und unbequem – Ljudmila Ulitzkaja. Die russische Starautorin von Eva Gerberding gezeigt und anschließend standen Ulitzkaja und ihre jahrelange Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt für ein Gespräch mit Elke Schmitter zur Verfügung. Braungardt wiederum las abschließend einen Auszug aus Ulitzkajas jüngst bei Hanser erschienenen Buch Alissa kauft ihren Tod vor, um das es im Weiteren primär gehen soll.

Sammlungen in Papierform

Alissa kauft ihren Tod ist ein Sammelband aus Erzählungen. 13 kurze Geschichten sowie sechs noch kürzere Miniaturen – jede bestehend aus sieben thematisch zusammenhängenden Schlaglichtern wie „Sieben Tode“ oder „Sieben Zwillingspaare“ – machen diesen Erzählband aus. Die Kurzgeschichten wiederum sind in zwei größere Blöcke jeweils mit einer kurzen Vorwortalternative gegliedert: „Freundinnen“ sowie „Vom Körper der Seele“.

„Freundinnen“ umfasst sechs Geschichten, die sich wenig überraschend mit verschiedenen Arten von Freundschaften mit mindestens einer Frau befassen. Überhaupt spielen Frauen in verschiedenen Lebensphasen – primär im letzten Viertel – eine große Rolle in Ulitzkajas Geschichten. Während in der auf arte noch bis Mitte Juni verfügbaren Dokumentation seitens ihres Verlags übrigens hervorgehoben wird, dass es lange dauerte, bis Ulitzkaja und ihre Literatur den Stempel „Frauenliteratur“ ablegen konnte, ist es dennoch ein Fakt, dass sich die Autorin zumindest in diesen Geschichten stark mit den Schicksalen und Geschichten einzelner Frauen beschäftigt.

„Frauenliteratur“?

Da ist die titelgebende Alissa, die sich zu sterben wünscht und sich ein entsprechendes Mittel besorgt, nur um Anschluss den sie damit versorgenden Arzt zu ehelichen. Oder da ist Lidija, die sich einen Schweizer Unternehmer angelt, während dieser auf einer Messe in Moskau weilt. Frauen und ihre speziellen Perspektiven spielen eine große Rolle in Ulitzkajas Erzählungen. Das dürfte aber nicht überraschen, sagte sie doch am 28. März in Berlin, dass Russland „ein Land der Frauen“ sei, die wegen Krieg, staatlicher Willkür und Alkoholismus (alles Plagen, die die Männer dahinraffen) stets sehr hohe Lasten tragen mussten.

Sind ihre Bücher daher nur etwas für Frauen oder „Frauenliteratur“? Keineswegs! Erstens tut es Männern immer gut, auch manch ein Ereignis, eine Geschichte oder eine Haltung aus weiblicher Perspektive zu sehen. Zweitens ist Ulitzkaja in ihren Erzählungen lange nicht auf die „Frauenperspektive“ beschränkt, was wir vor allem in ihrem zweiten Block „Vom Körper der Seele“ zum Ausdruck kommt.

Zweite Hälfte…

Ja, auch hier sind wieder die Frauen überwiegend die Hauptakteure, aber noch stärker als bereits im ersten Teil geht es hier um das Zusammenspiel eben von Körper und Seele – und ganz oft den (nahenden) Tod. Nicht nur ein Karl-Friedrich Boerne dürfte sich hier heimelig fühlen, sondern auch manch anderer. Es geht häufig auch um eine Art zweites Leben: Ob es die Geschichte von Sonja und den Äpfeln ist, in dersich Sonja als Schmetterling herausstellen soll oder die Geschichte des Plüschhundes Awa, der ab dem Zweiten Weltkrieg über mehrere Generationen die Kinder einer Familie mit immer neuen Leben überraschte. Der junge Tolik wiederum hat seine eigene Geschichte, wenn er eher benachteiligt groß wird, zum Militär muss, aber später seiner Leidenschaft, der Fotografie, nachgeht.

Gerade in diesen Geschichten, aber auch in den Miniaturen und im ersten Teil kristallisieren sich immer wieder einige weitere Merkmale hervor. Neben den bereits erwähnten wiederkehrenden Motiven von Frauen und einer gewissen Lebenserfahrung ist es vor allem die Familie, die immer wieder in Ulitzkajas Geschichten eine Rolle spielt. Kaum eine Figur in ihren Erzählungen steht für sich allein, meist sind Mütter, Väter, Ehemänner, Kinder oder Großeltern irgendwie involviert. Die Familie besitzt einen hohen Stellenwert und das wird bei Ulitzkaja immer wieder deutlich.

… und „bessere Hälfte“?

Und obwohl gerade Putin das traditionelle Familienbild – also vor allem ohne LGBTIQ*-Menschen, die er erst Ende März nochmal als Feindbild und ihn zu seinem Krieg motivierend ausgemacht hat – propagiert (und Queers in der Ukraine damit zusätzlich in Lebensgefahr bringt), scheut Ulitzkaja nicht davor zurück, auch manch nicht hetero-normatives Schlaglicht in ihre Geschichten einzustreuen. Das ist mehr als erfreulich, wird doch alles, was nicht dem „klassischen Rollenbild“ entspricht, seitens Putin und seiner Schergen als widernatürlich angesehen.

Das nämlich ist abschließend festzuhalten: Ljudmila Ulitzkajas persönlicher Hintergrund als Biologin und Genetikerin und ihr dadurch unterstellbares Interesse an der Biologie und der menschlichen Natur ist immer wieder handlungstreibend. Die Natur, das menschliche Genom und die daraus erwachsenden Konsequenzen für gesellschaftliches Zusammenleben sind Motive, die in ihren Geschichten immer wieder hindurchschimmern. Und wie menschliche Manipulation dieses Zusammenleben beeinflussen kann, hat beispielsweise der Däne Kasper Colling Nielsen in seiner Utopie Mount Copenhagen illustriert.

Die Genetikerin als Ethikerin?

Ljudmila Ulitzkaja jedenfalls scheint durch ihre frühere Profession sehr geprägt zu sein und das lässt sich an ihren in Alissa kauft ihren Tod versammelten Geschichten gut nachvollziehen. Wie sehr diese Prägung in ihr wohnt, zeigt beispielsweise auch eine letzte und durchaus streitbare Aussage aus jenem Gespräch am 28. März in Berlin:

Ulitzkaja stellte in den Raum, dass die Fragen, mit denen sich die Genetik befasse, wohl die wichtigeren seien, als die der Politik oder der Soziologie. Auf lange Sicht ist diese Perspektive durchaus nachvollziehbar, aber Putins Krieg, den sie selbst so verurteilt, und dessen Konsequenzen werden durch die weitere Entschlüsselung des Genoms, Pflanzenkreuzungen oder das Verständnis und die Bekämpfung schwerer Krankheiten nicht beendet. Hierfür braucht es politisches und diplomatisches Fingerspitzengefühl – gerne im Sinne auch einer feministischen Außenpolitik – und das Verständnis sozialer Prozesse.

Diversität ist immer gut

Mehr als eine Rangfolge der Bedeutung unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen sollte es also um eine möglichst hohe Diversität und eine breite Repräsentanz verschiedener Stimmen und Ideen gehen. Und dazu braucht es ein gutes Timing, um zu erkennen, welche Perspektive aktuell die notwendigen Impulse liefern kann, um die Gesellschaft als Ganzes voranzubringen.

Und doch bleibt festzuhalten: Ljudmila Ulitzkajas neuer Erzählband Alissa kauft sich den Tod ist eine sehr eingängliche und ansprechende Zusammenstellung, die vermutlich trotz der Intention des Verlags, sie aus der Ecke „Frauenliteratur“ herauszurücken, nicht zuletzt von Frauen gelesen werden dürfte – aufgrund der Themen, die sich viel mit dem Lebensende befassen vermutlich auch eher von Frauen aus jenem Lebensabschnitt. Das heißt aber nicht, dass nur diese Gruppe Ulitzkajas Bücher lesen sollten, ganz im Gegenteil, denn sie ist eine wichtige Stimme in Putins Russland oder auch danach und eine, der auch bei uns genau zugehört werden sollte.

HMS

Ljudmila Ulitzkaja: Alissa kauft ihren Tod; Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt; Februar 2022; 304 Seiten; Hardcover; ISBN: 978-3-446-26965-1; Hanser; 25,00 €

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