Schildkröte am Nordkap

Alter Wein in neuen Schläuchen? So mögen manche denken, wenn sie von Neuübersetzungen älterer literarischer Werke hören. Tania Blixen beispielsweise ist eine Klassikerin, ihr Buch Jenseits von Afrika dürfte eines der bekanntesten der Weltliteratur sein. Und doch gilt es gut und gerne, auch ältere Werke immer einmal wieder neu zu betrachten, vielleicht sogar eine Neuübersetzung zu wagen.

Das hat sich auch Ulrich Sonnenberg gedacht und Blixens Erzählung Babettes Gastmahl neu – oder vielmehr in der Ende Februar im Manesse Verlag erschienenen Version sogar erstmalig – aus dem Dänischen ins Deutsche übertragen. Ergänzt wird das Ganze durch ein ausführliches Nachwort des dänischen Schriftstellers und – wie könnte es bei einer Erzählung, die von einem Festmahl handelt passender sein – früheren Restaurantkritikers Erik Fosnes Hansen, das Sonnenberg ebenfalls ins Deutsche übersetzte.

Zuflucht am „Arsch der Welt“

Zum Inhalt der Geschichte: In Berlevaag, ganz am nördlichen Ende des norwegischen Festlands (dahinter komme laut Sonnenberg und Hansen „nur noch der Nordpol“ – was nicht ganz stimmt, denn der Archipel Spitzbergen liegt noch dazwischen; Fosnes Hansen bezeichnete es dennoch als „Arsch der Welt“) nehmen die beiden Pfarrerstöchter Martine und Philippa die Französin Babette in ihr bescheidenes Heim auf, die auf Empfehlung eines früheren Verehrers Philippas bei ihnen Zuflucht findet.

Bescheidenheit wird hier groß geschrieben, ganz anders als im immer wieder erwähnten pompösen „Café Anglais“ aus Babettes alter Heimat Paris. Babette dient den beiden Damen, die sich für die Gesellschaft von Berlevaag aufopferungsvoll einsetzen. Als Babette nach vierzehn Jahren eine große Summe Geld gewinnt, spricht sie die Bitte aus, ein opulentes Fest- oder vielmehr Gastmahl anlässlich des Geburtstags des Vaters der beiden Damen auszurichten. Martine und Philippa zögern zuerst, können sich der einzigen Bitte ihrer Haushaltgehilfin aber nicht verwehren. Das Mahl selbst bietet schließlich die Kulisse für den Höhepunkt der kurzen Erzählung.

Keine Analyse der Analyse

Normalerweise würde an dieser Stelle nun eine Analyse der Geschichte folgen. Das sparen wir uns dieses Mal, denn das hat Erik Fosnes Hansen in seinem Nachwort bereits exquisit erledigt. Wir könnten ihm höchstens „vorwerfen“, dass er darin manche Punkte in Blixens Geschichte etwas arg kritisch betrachtet, etwa, ob die Kalkulation der finanziellen Mittel akkurat ist, ob die Waren wirklich aus Paris geliefert werden müssten (direkt hinter dem nahe gelegenen Kirkenes beginnt bereits Russland) oder ob Berlevaag in Wahrheit ganz anders aussieht.

Andererseits machen gerade solche kritischen Einordnungen eine gründliche inhaltliche Analyse aus. Von daher in aller Kürze: Das Buch und die Erzählung sind gut, das Nachwort ordnet im Wesentlichen gut ein, große Empfehlung für Babettes Gastmahl.

Warum neu übersetzt?

Spannender an dieser Stelle ist die bereits eingangs aufgeworfene Frage nach der Neuübersetzung und ihrer Notwendigkeit. Wie Fosnes Hansen in seinem Nachwort schreibt und gemeinsam mit seinem Übersetzer Sonnenberg am 9. Mai 2022 bei einer Buchvorstellung in der Königlich Dänischen Botschaft in Berlin noch einmal erläuterte, trägt die Entwicklung der Erzählung Babettes Gastmahl eine eigene, spannende Geschichte.

Ulrich Sonnenberg und Erik Fosnes Hansen im Gespräch // © the little queer review/HMS

1950 erstmalig und unmittelbar auf Englisch für ein US-amerikanisches Kochjournal verfasst, hat Blixen ihre Geschichte 1958 selbst ins Dänische übertragen und dort deutliche Anpassungen und Verfeinerungen vorgenommen. Sonnenberg zitierte sehr herrlich aus der vom Englischen ins Deutschen übertragene Ursprungsversion und verglich die entsprechenden Passagen daraufhin mit den nun (von ihm selbst) neu übersetzten Stellen. Wer nicht den Kaviar von den Blinis Demidoff gekratzt und sich in die Ohren gestopft hatte, konnte deutlich erkennen, welche Evolution der Text in diesen acht Jahren und durch die Neuübersetzung erfahren hatte.

Literatur entwickelt sich

Denn, so wie sich Literatur selbst entwickelt, entwickelt sich eben auch Sprache weiter. Und genau dafür ist Babettes Gastmahl von Tania Blixen ein wunderbares Beispiel. Neben einer kurzen, aber eingängigen und doch anschaulich verfassten Geschichte gibt es im Nachwort von Erik Fosnes Hansen eine wunderbare Einordnung der Evolution dieser Geschichte, die auch so manch autobiografischen Zug der Autorin tragen mag.

Obwohl Blixen tendenziell eher von älteren Personen gelesen werden dürfte – im Jugendjargon würde mensch bei der Buchvorstellung am 9. Mai vermutlich eher von einer „Gammelfleischparty“ sprechen (anders als das Gastmahl, das wie gesagt aus exquisiten Zutaten und Gästen bestand) –, gerade auch junge Leute sollten sich gerne mit den Büchern Blixens und dem in Leinen und wunderbar aufgemachten Band mit Lesebändchen auseinandersetzen. Wie interessant nicht nur diese Erzählung, sondern generell ihr Leben war, wirft übrigens auch Tom Buk-Swienty in seiner opulenten Biografie der Schriftstellerin auf – mehr hierzu folgt demnächst. So schmeckt dann auch der eigentlich gar nicht so alte Wein vorzüglich.

HMS

Tania Blixen: Babettes Gastmahl; kommentierte Neuübersetzung mit einem Nachwort von Erik Fosnes Hansen; Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg; Februar 2022; 120 Seiten; Gebundenes Buch, Leinen; Format: 12,5 x 20,0 cm; ISBN 978-3-7175-6001-2; 20,00 €

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