Staatsgrenzen und ihre Geschichte

Von Petra Wiemann

Grenzen umschließen Staatsgebiete. Grenzen sind Verhandlungssache. Sie sorgen für Streit! Auf Landkarten können Grenzen für alle nachvollziehbar dargestellt werden. Doch selten besteht Einigkeit über ihren Verlauf, denn sie sind Vermächtnisse der Vergangenheit. Auch wenn Länder sich zu Wirtschaftszonen oder Interessengruppen zusammenschließen, haben Grenzen noch lange nicht ausgedient.

Im Bildband Atlas der Unordnung erklären Delphine Papin, Leiterin der Abteilung Infografik und Kartografie des Magazins Le Monde, und der Politikwissenschaftler Bruno Tertrais, anhand von 60 Karten, welche Grenztypen existieren und wie sie sich historisch entwickelten. Auch Besonderheiten wie die Datumsgrenze oder die kleinste geteilte Insel der Welt sind hier abgebildet.

Geopolitik kartografisch dargestellt

Jede Karte im Buch konzentriert sich auf wenige Faktoren, die Papin und Tertrais zueinander in Beziehung setzen und einordnen. Selbst wenn Grenzen einem natürlichen Verlauf wie einem Fluss oder einem Gebirge folgen, sind sie nicht klar zu definieren. Viele Grenzen entstanden am Reißbrett. Je konfliktreicher ihre Entstehung, desto unsicherer ihr Status. Eine Weltkarte bildet alle gegenwärtigen Grenzstreitigkeiten ab – es sind erschreckend viele Brandherde. Ob Israel und Palästina, China und Taiwan oder Russland im Krieg gegen die Ukraine: erbittert wird um Territorien, Einflusszonen und Zugang zu Handelswegen oder Rohstoffen gekämpft.

Problematisch sind unsichtbare Grenzen – durch Wüsten, den Luftraum oder durch Gewässer. Wo genau verlaufen Seegrenzen? Zählt die Entfernung von der Küste oder der Verlauf des Festlandsockels? Zu wem gehören Inseln? Trotz internationaler Bestimmungen, fixiert im SRÜ (Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen), halten sich nicht alle an die Regeln und verletzen die Hoheitsgewässer anderer Nationen. Papin und Tertrais erläutern juristische und politische Hintergründe, die immer wieder für Zündstoff sorgen.

Knifflig ist auch der Verlauf der Außengrenzen Europas und der Europäischen Union. Da spielen Kultur und Religion ebenso eine Rolle wie das Erbe des Kalten Kriegs und die Unabhängigkeitsbestrebungen etlicher Länder nach den Balkankriegen. Ehemalige Kolonialgebiete und zahlreiche Enklaven und Exklaven verkomplizieren die Sache zusätzlich.

Grenzkonflikte und Migration

»Grenzen sind die Narben der Geschichte.« Dieses Zitat von Friedrich Ratzel spricht für das ewige Konfliktpotenzial von Grenzen. Denn viele Grenzverläufe stellen nur einen momentanen Kompromiss dar. Sie sind das Ergebnis von Kriegen oder Auslöser neuer Kriege. Während der Kolonialzeit wurden Grenzen ohne Rücksicht auf die Bevölkerung festgelegt, am Reißbrett und mit teils absurden Verläufen, zum Beispiel entlang von Längen- oder Breitengraden.

Zahlreiche Karten stellen das imperiale Streben von Ländern dar, die bestehende Grenzen nicht akzeptieren: zum Beispiel Chinas Ansprüche im Südchinesischen Meer und die Türkei mit ihrer Sehnsucht nach alter Größe. Auch der aktuelle Ukraine-Krieg wirft seine Schatten voraus. Die Annexion der Krim 2014 durch Russland und die Unterstützung der Separatisten von Luhansk und Donezk im Donbass waren die vorläufigen Höhepunkte russischer Expansion – auf einer Karte mit russischen Militärstützpunkten verdeutlicht. Im Februar dieses Jahres begann Russland mit dem Angriff auf das Staatsgebiet der Ukraine.

Mauern, Zäune und Grenzanlagen schützen viele Grenzen. So zeigt eine Karte im Buch alle Barrieren unserer Zeit, mit Baujahren und den Argumenten für ihre Errichtung (z.B. Schutz vor Terrorismus, Schmuggel, illegaler Einwanderung). Doch Grenzzäune können nicht verhindern, dass Menschen ihre prekäre Heimat verlassen. Wo liegen die gefährlichsten Fluchtrouten und wie viele Opfer haben sie gefordert? Was wurde aus Donald Trumps Versprechen einer Mauer gegen Migrant:innen an der Grenze zu Mexiko? Auch das wird in Karten veranschaulicht.

Aufschlussreicher Bildband über das Wesen der Grenze

Der faktenreiche Atlas der Unordnung mit 60 Welt- und Landkarten gibt einen hervorragenden Überblick zum Wesen der Grenze und vermittelt ein Verständnis für die geopolitischen Konflikte unserer Zeit.

Petra Wiemann betreibt den Sachbuch-Blog Elementares Lesen.

Delphine Papin/Bruno Tertrais: Atlas der Unordnung – 60 Karten über sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen; Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer; Kartografie: Xemartin Laborde; März 2022; 176 Seiten, div. Abbildungen; ISBN; 978-3-8062-4427-4; wbg Theiss Verlag; 28,00 €; auch als eBook erhältlich

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