Thanksgiving: Geschichte, Genuss und logistische Herausforderung

Früher konnte mensch feststellen, dass Thanksgiving vor der Tür steht, weil unter anderem Comedy-, Drama– und Arztserien nicht selten eine Folge veröffentlicht haben, die thematisch in diese Richtung geht (eine der besten noch immer: Boston Legal, Staffel 5, Folge 10, Thanksgiving). Das war zu den Hochzeiten des linearen Fernsehens. Heute dient wohl eher die Black Friday Week eines großen Onlinehändlers zur Orientierung.

Genuss vs. Massaker

So oder so: In diesem Jahr fällt Thanksgiving, dem deutschen Erntedankfest, das in diesem Jahr am 2. Oktober stattfand, entsprechend, auf den 24. November 2022 – also diesen Donnerstag. Bei allen historischen Streitereien (sorry, noch eine Serie: South Park, Staffel 15, Episode 13, A History Channel Thanksgiving/Erntedank und Doku-Drama) und Massaker-Problematiken übt dieser Festtag auch weit über die USA hinaus eine Faszination auf viele Menschen aus.

Die Journalistin Gabriele Frankemölle beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit den USA, so genannten typischen Rezepten und einigem darüber hinaus. Doch nicht nur das, auch die Geschichte hinter den Speisen wie überhaupt jene Amerikas ist für die Betreiberin von USA kulinarisch ein wichtiges Thema. So auch in ihrem im vergangenen Jahr erschienen Kochbuch American Christmas (das wir kurz hier vorstellten – samt Weihnachtsgurke).

Kleiner, vegan und mit Freund*innen – alles machbar

Darin geht ihre Co-Autorin Petrina Engelke (USA 151), ihrerseits eine versierte Kennerin der USA, in ihrem kurzem Essay auch auf die wahre und sehr schwierige Ursprungsgeschichte von Thanksgiving ein, die mit Frieden und der Mayflower so viel erst einmal nicht zu tun hat. Diese im Kopf zu haben, muss noch lange nicht bedeuten, sich dem Fest zu verweigern. Es darf durchaus bewusst und kritisch genossen werden. 

Wie ein traditionelles Thanksgiving-Dinner aussieht, was bei kleinen Öfen hilft, warum auch Vegetarier*innen und Veganer*innen sich zu diesem fleischhaltigen Fest nicht sorgen müssen oder was Menschen, die lieber nicht das klassische Thanksgiving sondern ein abgewandeltes Konzept begehen möchten, tun können, erläutert Gabi Frankemölle im folgenden Interview, das es heute einmal statt einer weiteren Edition unserer 5 Fragen an…-Reihe gibt.  

In den USA ist turkey – Truthahnbraten – als Festtagsessen zu Thanksgiving nicht wegzudenken. Diesen Feiertag gibt es in Deutschland nicht, aber zu Weihnachten kommt vielerorts auch Geflügel auf den Tisch: die Weihnachtsgans. Was macht den Truthahn als Variante reizvoll?

Gabi Frankemölle: Zum einen auf jeden Fall, dass es ihn in einer breiteren Größenvielfalt gibt. Ob man nur zwei oder 20 Leute mit dem Braten glücklich machen möchte – mit turkey geht das, auch wenn man nach Bio- oder Freilaufvögeln schon etwas suchen muss. Zum anderen ist Pute – auf Deutsch sagt man ja eher Pute als Truthahn – viel magerer und hat keinen so starken Eigengeschmack wie Gans. Das macht sie in meinen Augen wandlungs- und zugleich mehrheitsfähiger. Gans mag noch lange nicht jeder, Pute schon!

Welche Beilagen gehören zu einem Festmahl mit Truthahn, wenn es original amerikanisch zugehen soll?

Green Bean Casserole // Foto: © Gabriele Frankemölle

Gabi Frankemölle: Sehr viele! Zum Beispiel Kartoffel- oder Süßkartoffelpüree, herbstliche Gemüse wie Kürbis, Karotten, Rosenkohl, oder die berühmte „Green Bean Casserole“, ein rahmig-köstlicher Auflauf aus Bohnen und Pilzen. Dazu kommen die Saucen, vor allem sahnige Bratensauce und Cranberry-Sauce, die man in Deutschland gut durch Preiselbeer-Sauce ersetzen kann, und stuffing, die würzige Füllung des Truthahns, oft aus einer Mischung aus Brot oder Maisbrot, Gemüse und Speck oder scharfer Wurst zubereitet. Ach ja: Nachtisch fehlt natürlich auch nicht. Besonders beliebt sind Pies, ob nun Pumpkin Pie mit einer zimtig-cremigen Kürbisfülle in knuspriger Teighülle, Apple Pie oder nussiger Pecan Pie.

Ach deshalb sprechen die Amerikaner von „Truthahnkoma“ zu Thanksgiving … das ist ja jede Menge Essen. Was passiert denn mit den Resten?

Gabi Frankemölle: Rund um „Thanksgiving Leftovers“ hat sich in den USA eine regelrechte Rezeptkultur entwickelt! Es beginnt damit, dass man die „schönen“ Bratenscheiben auf Sandwiches legt. Die unregelmäßigen kleineren Stücke landen zum Beispiel im Nudelauflauf, die ganz kleinen vom Knochen gepulten Brösel werden mit Mayo, Gemüsen und Gewürzen zu Brotaufstrich verarbeitet. Und zuguterletzt kocht man dann noch die Karkasse für eine wärmende Turkey Noodle Soup aus.

Wann haben Sie Ihren ersten Truthahnbraten zu Hause in Deutschland gemacht?

Perfect Roast Turkey (wie auch im Beitragsbild im Ganzen) // Foto: © Gabriele Frankemölle

Gabi Frankemölle: Als mein Mann vor fast 20 Jahren berichtete, dass im Nachbarkreis ein Landwirt freilaufende Puten hält. „Echte Monstervögel!“, sagte er. Da erschien vor meinem inneren Auge ein Bild des berühmten amerikanischen Malers Norman Rockwell: Die Familie versammelt sich um den üppig gedeckten Tisch, die stolze Hausfrau stellt die Platte mit dem XXL-Turkey dazu. Das wollte ich auch, vor allem, weil wir zu der Zeit einen Austauschschüler aus den USA hatten. Frei nach dem uramerikanischen Motto „The bigger, the better“ orderten wir dann einen Vogel von 16 Kilo. Wenn ich gewusst hätte, was das für logistische Herausforderungen mit sich bringt! Das Tier ließ die Kühlschrank-Inneneinrichtung zusammenbrechen, passte ohne Beinamputation nicht in den Backofen-Innenraum, und ich musste quasi eine Nachtschicht einlegen, um ihn zum Mittagessen fertig zu bekommen. Aber er schmeckte grandios! Und war natürlich auch ein grandioser Hingucker.

Oh je, das klingt aber kompliziert, und es hat hat ja nicht jeder einen Riesenofen. Geht es beim festlichen Truthahn-Essen auch eine Nummer kleiner?

Turkey Breast with Cider Glaze // Foto: © Gabriele Frankemölle

Gabi Frankemölle: Natürlich geht das, zum Beispiel, indem man nur eine Truthahnbrust zubereitet. Wenn man dabei ein Bratenthermometer benutzt und die Kerntemperatur misst, wird das magere Teilstück auch nicht trocken. Oder man brät Truthahnburger, die eine Thanksgiving-typische Garnitur aus Cranberry-Sauce, Zwiebeln und Kürbis bekommen. Um den Aufwand zu verringern, ist in den USA auch der sogenannte potluck beliebt: Da bringen die Gäste statt Blumen bereits gegarte Beilagen, Salat, Getränke oder Desserts mit. Die Gastgeberinnen und Gastgeber kümmern sich dann „nur“ um den Festbraten und den gedeckten Tisch.

Und was essen vegane oder vegetarische Amerikaner zu Thanksgiving oder zu Weihnachten?

Gabi Frankemölle: Die reichhaltigen Beilagen, Suppe und Dessert sorgen sicherlich schon dafür, dass niemand hungrig vom Tisch aufstehen muss, auch wenn  er oder sie den Truthahnbraten nicht möchte. Netter finde ich es aber, wenn Gastgeber*innen auch für Nicht-Fleischesser*innen eine Hauptspeise anbieten – zum Beispiel Gemüselasagne, mit stuffing gefüllter Kürbis, Bratlinge aus Hülsenfrüchten, eine gefüllte Blätterteigpastete oder eine vegetarische Shepherds Pie-Variante mit Gemüseragout unter der Kartoffelpüree-Kruste.

Interview: Christian Verlag; Einleitung und Aufbereitung: the little queer review

PS: Noch mehr USA gibt es übrigens im Band Bake America Great Againunsere Besprechung findet ihr hier. Außerdem wurde Joe Biden gestern 80 Jahre frisch.

Gabriele Frankemölle, Petrina Engelke: American Christmas. Die schönsten Rezepte & Traditionen für eine echt amerikanische Weihnachtszeit. Von Thanksgiving bis New Year’s Day.; 224 Seiten, ca. 100 Abbildungen; Hardcover, gebunden; Format 19,3 x 26,1 cm; ISBN: 978-3-959-61595-2; Christian Verlag; 29,99 €

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