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Arthur Rimbaud und Paul Verlaine gemeinsam ins Panthéon? Ein Irrsinn!

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Von Holger Doetsch

Der Autor dieses Beitrags hat vor einigen Jahren das schlichte Grab des von ihm verehrten Dichterfürsten Arthur Rimbaud (1854 – 1891) in Charleville-Mézières besucht. Es ist dies ein sehr friedlicher Ort am Ende einer langen Straße, doch ginge es nach einigen einflussreichen Persönlichkeiten in Frankreich wie etwa dem Schriftsteller Angelo Rinaldi, Ex-Kulturminister Jack Lang oder auch dem Philosophen Michel Onfray, dann soll Arthur Rimbaud exhumiert und ins Pariser Panthéon, diesem kulturellen Walhalla Frankreichs, überführt werden. Und als wäre das nicht schon ungeheuerlich genug, soll in einem Rutsch auch Rimbauds „Geliebter“, Paul Verlaine, mit ihm in diese „heilige“ Stätte umziehen. Das könnte man eigentlich als eine große Ehre betrachten, zumal Rimbaud und Verlaine die ersten Dichter seit Victor Hugo wären, die sich bei den 73 „grand hommes“ im Panthéon (hierzu gehören inzwischen übrigens auch sechs Frauen) einreihen würden. Das geradezu Skandalöse bei alledem: Die Umbettung der Leichen von Rimbaud und Verlaine ins Panthéon soll nicht wegen deren literarischer Bedeutung erfolgen (die, mit Verlaub, bei Rimbaud ungleich höher zu bewerten wäre als bei Verlaine), sondern damit soll ein Zeichen gegen Homophobie gesetzt werden. Die Initiatoren sprechen gar von einem „Vollzug der Ehe“, und spätestens da muss man sich fragen, was die, die das wollen geraucht haben. Doch dazu später mehr.

„Entregelung aller Sinne“

Arthur Rimbaud hatte früh schon mit seiner Heimatstadt Charleville in den Ardennen gebrochen, die er als „grässlich“ einordnete. Er, der ohne Vater aufgewachsen war, wollte einfach nur weg aus diesem „Kaff“ und vor allem wollte er weg von seiner strengen, katholisch-puritanischen Mutter Vitalie, die ihren Sohn, sein aufrührerisches Verhalten und (damit verbunden) sein Werk niemals verstanden hatte. 1870 stieg Rimbaud also ohne Abschied zu nehmen und ohne eine Fahrkarte in einen Zug nach Paris, wurde erwischt und nahe dem Pariser Gare du Nord in ein Gefängnis geworfen. Sein Lehrer und Förderer Georges Izambard löste ihn aus und schickte ihn wieder nach Hause, von wo der damals sechzehnjährige Arthur nur zehn Tage später erneut abhaute. In dieser Zeit begann das, was Rimbaud später in seinen „Seher-Briefen“ eine ausschweifende Askese und die „Entregelung aller Sinne“ nannte. Er schrieb: „Ich will Dichter werden, ich arbeite daran, mich sehend zu machen. Es geht darum, durch die Entregelung aller Sinne im Unbekannten anzukommen.“

Leonardo di Caprio als Rimbaud

Dieses sehnlich erwünschte Dichter-Sein dauerte zwar nur drei Jahre (vom 16. bis zu seinem 19. Lebensjahr), doch erschuf Arthur Rimbaud in dieser Zeit Weltliteratur. Jeder Franzose kennt sein Werk, das geprägt ist von einer einzigartigen Sprache, mit deren Hilfe er sehr bewusst jegliche romantische Klischees, die ihm zuwider waren, zerbröseln ließ. Es ist überliefert, dass Rimbaud bei einer Lesung eines bekannten, gleichwohl unbegabten Schriftstellers im heute noch existierenden Restaurant „Polidor“ an der Pariser Rue Monsieur le Prince 41 zum großen Erstaunen der anderen Gäste auf einen langen Tisch stieg, diesen entlanglief bis hin zum Kopfende, an dem der Vortragende gesessen hatte, dann seinen Reißverschluss öffnete und ihn von oben anpinkelte. Sinngemäß begründete Rimbaud dies dem entsetzten Besudelten so: „Damit du weißt, was ich von deinem Werk halte. Es ist Dreck, einfach nur Dreck.“ Spätestens, als Rimbaud und Paul Verlaine 1872 ein gemeinsames Werk „Le sonnet du cul“ (Das Sonett des Arschlochs) veröffentlichten, waren sie von der Pariser Gesellschaft geächtet, was Verlaine betrübte und Rimbaud freute.

© Everett Collection, Inc.

In Paris stürzt sich Rimbaud in eine bohèmehafte Künstlerexistenz, zu der auch Paul Verlaine (1844 – 1896) gehörte, mit dem er sich bereits in den ersten Stunden nach seiner neuerlichen Ankunft in Paris traf. Rimbaud hatte Verlaine zuvor Gedichte und Briefe geschrieben, und der Empfänger ließ Rimbaud wissen: „Ja, komm, du liebe große Seele. Wir erwarten und ersehnen dich.“ „Wir“, das waren Verlaine und die reiche Familie, in die er eingeheiratet hatte. Arthur Rimbaud, der ein Schlitzohr gewesen war, erkannte wohl seine Chance, dem Hunger und der Not, die er in Paris erlitt, zu entkommen. Für kurze Zeit zog er gar in ein prächtiges Anwesen an der Pariser Rue Nicolet 14, das nicht Verlaine, sondern seinem Schwiegervater gehörte. Doch lehnte Rimbaud den bürgerlichen Rahmen, in dem Verlaine lebte, ab, infolge dessen es nicht lange dauerte, bis Verlaines Familie den jungen Mann regelrecht zu hassen begann. Schließlich zogen Rimbaud und Verlaine in eine eigene, gleichwohl armselige Mansardenwohnung an der Rue de Buci, dies zeigt die grandiose Literaturverfilmung der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland aus dem Jahr 1995 („Total Eclipse – Die Affäre von Rimbaud und Verlaine“; die wir demnächst besprechen werden [Anm. d. Red.]). Rimbaud wird darin übrigens gespielt von dem noch sehr jungen Leonardo di Caprio, der damals dem wirklichen Rimbaud wie aus dem Gesicht geschnitten war. 

Verlaine und Rimbaud: Sugardaddy und Toyboy?

© Everett Collection, Inc.

In der heutigen Sprache ließe es sich so formulieren: Der zehn Jahre ältere Verlaine, der mit 22 Jahren – wie es zeitgenössische Aufnahmen zeigen – wie ein 60jähriger aussah, war Rimbauds „Sugardaddy“ gewesen (wobei Rimbaud indes nicht Verlaines Toyboy war). Sie hatten allenfalls eine Zweckgemeinschaft begründet, die es nicht rechtfertigt, die beiden aus ihren Gräbern zu holen, ins ehrwürdige Panthéon zu überführen und dann Seit‘ an Seit‘ in einen Sarkophag zu legen. Dafür gibt es keinerlei Grund, schon gar nicht das Setzen eines Zeichens gegen Homophobie. Es ist im Gegenteil eher anzunehmen, dass Arthur Rimbaud, würde er diese absurde Diskussion erleben, einen seiner Tobsuchtanfall bekäme, für die er zu Lebzeiten in der Pariser Gesellschaft berüchtigt gewesen war. Verlaine war bei den beiden wohl der wirklich Liebende gewesen. Doch als seine Familie ihm die Gelder entzogen hatte, zeigte Rimbaud sein wahres Gesicht. Vollgepumpt mit Absinth, Opium und anderen Drogen stritten sie und schlugen sich, Rimbaud zeigte Verlaine verächtlich, dass er ihn für einen elendigen Jammerlappen hielt, was einmal dazu führte, dass Rimbaud Verlaine in einer Kaschemme in Paris ein Messer mit einer derartigen Wucht in die Innenseite seiner Hand rammte, dass es im Holztisch steckenblieb. Nach einer prekären Zeit in London, wo sie in der College Street 8 hausten, zog Verlaine nach Brüssel, Rimbaud folgte ihm kurz danach und Verlaine, der tief Verletzte, schoss auf Rimbaud und kam dafür ins Gefängnis, wo er von Ärzten auf den Verdacht der „Sodomie“ hin untersucht wurde und im Ergebnis für zwei Jahre ins Gefängnis gehen musste. Für Verlaine war Rimbaud ein „Höllenbräutigam“, er bekannte: „Ich bin besoffen. Ich bin unrein. Welch ein Leben! (…) Ach, ich leide, ich schreie. Ich leide wirklich.“

Rimbaud und Verlaine in einem Sarkophag? Absurd!

Arthur Rimbaud und Paul Verlaine hatten tatsächlich kurzzeitig eine sexuelle Beziehung, genauer gesagt währte diese nur zwei Jahre lang (von 1871 bis 1873). In dieser Zeit küssten, vögelten und schlugen sie sich, und ob Arthur Rimbaud bei alledem wirklich schwul war, wissen wir nicht. Es lässt sich nicht verlässlich sagen und somit ist es übergriffig, wenn die Gay-Szene Rimbaud und Verlaine (und auch überhaupt Prominente) für sich zu vereinnahmen versuchen. Für Rimbauds großartiges Werk ist das ohnehin irrelevant. Die vielleicht bekannteste Haltung von Rimbaud war: „Ich ist ein Anderer!“ Davon war er überzeugt gewesen, und deshalb wäre es geradezu eine Schändung vor allem Rimbauds, ein unerträgliches Vorhaben gar, diesen Dichterfürsten in typisch französischer Manier nationalbesoffen zu okkupieren. Genau dies würde aber geschehen, wenn man Rimbaud 129 Jahre nach seinem Tod quasi amtlich als Mann von Paul Verlaine abstempelt, der er aber so nie gewesen war. Arthur Rimbaud und Paul Verlaine in einem gemeinsamen Grab im Panthéon in Paris? Wegen einer amour fou als Zeichen gegen Homophobie? Wer sich das ausgedacht hat, ist nicht bei Trost. Hier würde nichts zusammengeführt, weil nichts zusammen gehört in dem Sinne, das dieses geplante Vorgehen rechtfertigen könnte.  Mehr noch: Die, die diesen Unsinn planen, versuchen, den beiden ihre Identität zu rauben. Würde es dazu kommen, wäre das übrigens der eigentliche Skandal.

Vorschaubild: Eine der Hallen, bzw. Tunnel, unterhalb des Panthéons.

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