Der Weg zum Alpha-Kevin

Die Jugend ist die Zukunft, wie es so schön heißt – auch nicht ganz unberechtigt. SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben vorgemacht, wie Verjüngung in der Politik funktionieren kann und gerade bei der SPD sticht dabei ein Name heraus: Kevin Kühnert. Zu Zeiten, als Deutschlands Hoffnungen noch in heutzutage verpönten Balkonbildern und Jamaika-Sondierungen lagen, war der sozialdemokratische Jungstar kaum jemandem bekannt, aber spätestens mit dem Eintritt der SPD in die letzte Große Koalition änderte sich dies merklich.

Ein gutes Gespür hierfür hatten die NDR-Journalisten Katharina Schiele und Lucas Stratmann, die Kühnert von 2018 bis zur jetzigen Bundestagswahl begleiteten. Hieraus entstand die sechsteilige NDR-Dokumentation Kevin Kühnert und die SPD, die in der ARD-Mediathek verfügbar ist und ein ambivalentes Bild des heutigen frisch gewählten Bundestagsabgeordneten zeichnet.

Das Leben eines Politikers

Einerseits nämlich zeigt sie sehr anschaulich das unspektakuläre und anstrengende Leben eines Politikers. Wer das Buch Alleiner kannst du gar nicht sein von Peter Dausend und Horand Knaup gelesen hat, wird vieles davon kennen: Auftritte am Marktplatz, Haustürwahlkampf, Sitzungen von Ortsvereinen mit Kartoffelsalat und Würstchen. Dazwischen Zeit in der Bahn, im Auto oder sonst wo. Erst mal nicht sehr spektakulär, denn nicht jede oder jeder von „denen dort oben“ fühlt sich gleich als etwas Besseres oder macht sich einen kleinen Reibach.

Kevin Kühnert und Kompagnon // © NDR/Lucas Stratmann

Ganz normal und prototypisch ist die Karriere des Kevin Kühnert aber dennoch nicht. Die wenigsten Jungpolitikerinnen und -politiker dürften ein Büro, einen kleinen Mitarbeiterstab und Zugang zur Parteispitze haben, so wie Kühnert das durch seine Position als Vorsitzender der SPD-Nachwuchsorganisation, der Jungsozialisten (Jusos) hat. In dieser Funktion sieht man ihn auch immer wieder telefonieren, Strippen ziehen, nächste Schritte vorbereiten – am markantesten vermutlich beim Sturz der früheren Parteivorsitzenden Andrea Nahles und der Installation ihres Nachfolgeduos Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans (von Kühnerts Gnaden, wie man den Eindruck nicht erst hier gewinnen mag).

Wackeldackel

Denn, dieser Eindruck erhärtet sich zunehmend (und es wurde in den letzten Monaten auch so klar), der Einfluss Kühnerts in und auf seine Partei ist groß, sehr groß. Szenen wie ein Coaching mit Esken und Walter-Borjans – einer Abgeordneten, die seit 2013 im Bundestag sitzt, sowie einem früheren Landesminister mit der doppelten Lebenserfahrung – können beeindrucken, aber auch den Kopf schütteln lassen. Zwei erwachsene und vermeintlich erfahrene Menschen lassen sich über politische Basics von einem jungen Mann coachen, der noch nie ein Mandat oder Amt jenseits des Juso-Vorsitzes innehatte? Hier, diese Sache mit dem Hund, seinem Schwanz und dem Wackeln kommt einem in den Sinn…

Umso erstaunlicher, dass Esken und Walter-Borjans den am Ende erfolgreichen Kanzlerkandidaten offenbar ohne Beteiligung Kühnerts durchsetzen konnten – wahrscheinlich gerade deshalb. Kühnerts Reaktion im Parteivorstand und in der nachgelagerten Juso-Schalte lässt jedenfalls Bände sprechen, selten sieht man ihn so aufgebracht, wenn er etwa grimmig meint: „Ja, war jetzt auch erstmal genug gefeiert.“ Ob die SPD übrigens ein so „gutes“ Bundestagswahlergebnis auch mit einem Kanzlerkandidaten von Kühnerts Gnaden geholt hätte, darf getrost bezweifelt werden.

Der wahre Kevin

Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass sich in solchen Situationen der wahre Kevin Kühnert zeigt. Natürlich hatte er die Hoheit darüber, bei welchen Terminen und Gelegenheiten er sich filmen ließ und welche Bilder dem NDR am Ende überhaupt zur Verfügung stehen. Generalsekretär Lars Klingbeil, mit dem er ein sehr vertrauensvolles Verhältnis pflegt, teilt er an einer Stelle beispielsweise mit, dass er „verkabelt“ sei. Klingbeils Antwort: „Dann alles Weitere nachher.“ Nachvollziehbar, aber schade. Gerade solche Momente im von Kühnert bei jeder Gelegenheit verdammten „Hinterzimmer“ wären doch aufschlussreich, um herauszufinden, wie der Politiker und der Mensch Kühnert ticken. Hinter diese Fassade lässt Kühnert aber nicht blicken.

Ganz leicht mag sich also daher der Eindruck einstellen, dass der hektische Kettenraucher Kühnert mit dieser Dokumentation gezielt an seinem Image arbeitet, fast schon eine Ikonografie über sich hat erstellen lassen. Ikonenhaft ist er nämlich schon in vielen Bereichen seiner Partei, als Hoffnungsträger wird er gesehen. Das erstaunt allerdings ein wenig, denn an manchen Stellen drängt sich wirklich fast der Eindruck auf, dass Kühnert so gar keine Lust auf seine Partei oder ihre Wählerinnen und Wähler hat.

Null-Bock-Kevin

Ich, Kevin Kühnert // © NDR/Lucas Stratmann

Beim Europakongress der SPD vor der Europawahl 2019 beispielsweise trifft Parteikollegin Sawsan Chebli. Seine Frage: „Tust du dir das auch an?“ Aha, so viel also zu aufrichtiger Parteiarbeit. Auch manch andere Stelle erweckt den Eindruck, dass Kühnert von seiner Partei und der Arbeit genervt ist und eigentlich so gar keine Lust auf Menschen hat. Die aber sollte man in der Politik haben, das schreibt beispielsweise Kühnerts (von seiner eigenen Partei aus dem Amt des Wehrbeauftragten geekelter) Parteifreund Hans-Peter Bartels in seinem Buch Unsere Demokratie.

Fast noch schlimmer aber ist die scheinbar fehlende Fähigkeit zur Reflexion oder vielmehr die Konsequenzen des eigenen Handelns einordnen und abwägenzu können. Als es um die von ihm angestoßene Debatte um die Enteignung von Großkonzernen kurz vor der Europawahl geht beispielsweise. Oder das daraufhin verheerend ausfallende Ergebnis jener Wahl. Oder den wutentbrannten Rücktritt der (ebenfalls von der Partei aus dem Amt geekelten) Partei- und Fraktionsvorsitzenden Andrea Nahles als Konsequenz.

All dies sind Dinge, die Kühnert befeuert hat, bei denen er und seine Äußerungen einen maßgeblichen Anteil haben (wenn auch vermutlich nicht alleinverantwortlich). Kühnert hingegen will davon nichts wissen. Das waren wohl „die anderen“. Dass Handeln aber Konsequenzen hat, dürfte und sollte jedem klar sein, auch und vor allem, wenn man in verantwortungsvolle Positionen kommt, die Kanzlerin macht es vor. Zumindest ein klein wenig Einordnung des Gezeigten und der Konsequenzen durch einen Kommentar aus dem Off hätte übrigens auch dem NDR und den Macherinnen und Machern der Dokureihe gut zu Gesicht gestanden. Das Einblenden von Schlagzeilen aus Printmedien kann das nicht ansatzweise wettmachen.

Ein Aufstieg in Berlin

Was bleibt also abschließend zu der sechsteiligen Dokureihe Kevin Kühnert und die SPD zu sagen? Auf jeden Fall gibt sie einen guten und wertvollen Einblick in die Ereignisse rund um Kühnert und seine Partei in den letzten Jahren. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lernen viel über Politik, die Blase Berlin, ein bisschen darüber hinaus, aber eben auch über einen jungen Menschen, der sich seine Karriere aufbaut und dabei präzise an seinem eigenen Image arbeitet. Achtung: Das Produkt kann (nur) Spuren von Persönlichem enthalten.

Meist geht das für ihn gut, aber Gegenbeispiele gibt es in der Doku bei genauem Blick doch einige. Dass beispielsweise schnippische Freude über neue Maskenskandale von Unionsabgeordneten die spontane Reaktion ist, nicht Entsetzen oder Betroffenheit über vermeintliche Korruption in der gemeinsam getragenen Regierung, macht aus Wahlkampfsicht vielleicht Sinn, menschlich aber tragen sie nicht zur Sympathiebildung bei. Dennoch dürften die Anhängerinnen und Anhänger Kühnerts sich in ihrem Bild über ihr Idol bestätigt sehen, ebenso aber auch jene, die von dem Jungpolitiker nicht überzeugt sind.

HMS

Kevin Kühnert am Boden // © NDR/Lucas Stratmann

Die sechs Folgen Kevin Kühnert und die SPD sind in der ARD-Mediathek verfügbar.

Kevin Kühnert und die SPD; Deutschland 2021; Regie: Katharina Schiele, Lucas Stratmann; Musik: Ben Lukas Boysen, Lambert; Redaktion: Timo Großpietsch, Christoph Mestmacher; sechs Folge je ca. 35 Minuten; eine Produktion des NDR

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