Die DBP21-Shortlist: Erstaunen und Verwunderung

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Huihuihui – sind wirklich schon beinahe vier Wochen vergangen, seit die Longlist zum 17. Deutschen Buchpreis am 24. August bekanntgegeben wurde? Ja, in der Tat. So heißt es nun also: Shortlist-Time. Und ganz ähnlich der Longlist fällt auch die Shortlist mit einer Mischung aus erwartbaren und überraschenden, erfreulichen und mindestens verwunderlichen Titeln aus. Im Kreise unserer #buchpreisbloggen-Bagage wird auch schon engagiert reagiert (mehr zu dem Konzept hier).

Die sechs Titel der Shortlist:

(alphabetisch)

  • Norbert Gstrein: Der zweite Jakob
  • Monika Helfer: Vati
  • Christian Kracht: Eurotrash
  • Thomas Kunst: Zandschower Klinken
  • Mithu Sanyal: Identitti
  • Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Zunächst einmal freuen wir uns, dass die Liste insofern überraschen konnte, als dass wir beispielsweise (völlig wertfrei) nicht gedacht hätten auf dieser Norbert Gstreins Der zweite Jakob (bei Hanser) zu finden (Buchpreis-Pate @diek_aiserin hat’s abgebrochen). Ebenso freut es uns sehr, dass Vati (ebenfalls Hanser) von Monika Helfer auf der Liste ist (auch Tobi Börner, der es zugelost bekommen hat, ist recht angetan).

Christian Kracht und Eurotrash (Kiepenheuer & Witsch) hatten wir sicher auf der Shortlist verortet: Wir schrieben bereits, wenn er veröffentlicht, gibt es Nominierungen und bei dem Buch schien sie erst recht sicher. Dass Binea, die Patin des Buches ist, wider Erwarten ebenfalls überzeugt von dem Buch ist, hat diese Vermutung nur verstärkt. Übrigens hat Kracht seinen Titel soeben von der Nominierungsliste des Schweizer Buchpreises genommen, um die Chancen der anderen Autor*innen zu erhöhen. Weniger sicher schien die Blaue Frau (S. Fischer) von Antje Rávik Strubel, ein Buch das vielschichtig und inhaltlich sehr herausfordernd zu sein scheint (unsere Besprechung folgt, wir kennen nur Auszüge, sind aber angefixt).

Lücken fallen mehr auf als das, was da ist

Zandschower Klinken (Suhrkamp) von Thomas Kunst, keine Ahnung. Es klingt nach einem Buch derer es schon unzählige gibt, aber wir kennen es nicht. Nach allem, was wir darüber gehört haben (auch von Buchpreis-Patin @lesestress) und wie wir die Leseproben zu den Nominierten für den Deutschen Buchpreis fanden, wird es auch dabei bleiben, auch wenn es im Buchhandel offenbar gefragter zu sein scheint als wir uns das vorstellen wollten. In diese Kategorie fällt übrigens auch Heinz Strunks Es ist immer so schön mit dir (Rowohlt), das wir aber lesen mussten, ist es doch unser Patenbuch. Die Besprechung gibt es in der kommenden Woche.

Zu guter Letzt also Identitti (nochmal Hanser) von Mithu Sanyal, das bereits einige Debatten angestoßen hat und wohl auch deshalb auf der Shortlist zu finden ist (Buchpreis-Patin @literraturreich drückte auch die Daumen). Viele bemängeln die literarischen Mängel des Buches, einige sind baff, dass nicht stattdessen die Drei Kameradinnen von Shida Bazyar (KiWi) auf der Liste ist (auch @nordseiten hätte sich das Buch auch auf der Liste gewünscht).

Wir sind vor allem erstaunt, dass nicht ein Indie-Verlag zu finden ist, was in der Tat bedauerlich ist. Vater und ich von Dilek Güngör aus dem Berliner Verbrecher Verlag haben nicht wenige als einen ihrer Favoriten beschrieben. Dass Peter Karoshis Zu den Elefanten (Leykam Verlag) oder auch Georges-Arthur Goldschmidts Der versperrte Weg – Roman des Bruders (Wallstein) weniger Beachtung als verdient geschenkt wurde, irritiert ebenso, war aber leider auch ein wenig zu erwarten (auch wenn Patin @buchkati von den Elefanten nicht vollends angetan zu sein scheint).

Die sichere Nummer

Zu der Liste sagt der Jurysprecher Knut Cordsen, Kulturredakteur beim Bayerischen Rundfunk: „Diese sechs Finalist*innen zeigen den stilistischen, formalen und thematischen Reichtum der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und zeugen von der immensen Lust und hohen Könnerschaft, Geschichten zu erzählen.“ Ebenso loteten sie die Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Schreibens aus und seien künstlerisch herausragende Romane.

In Zusammenhang mit dieser Wertung wundert es, dass nicht auch das sprachlich in der Tat grenzgängerische Buch Mein Lieblingstier heißt Winter (S. Fischer) von Ferdinand Schmalz auf der Shortlist zu finden ist. Was der da abliefert ist eine große Nummer, in die mensch zwar reinkommen muss, ist das aber geschafft, gleichen Handlung und Sprache einem kunstvoll-absurden Fest (unsere ausführliche Besprechung folgt). Auch Die nicht sterben von Dana Grigorcea (Penguin Verlag) begibt sich sprachlich auf ganz faszinierende Höhen (für das #buchpreisbloggen betreut von nordbreze; unsere ausführliche Besprechung findet ihr hier). Und eine ganz andere sprachliche Vielfalt in der Einfachheit wäre auch in Yulia Marfutovas Der Himmel vor hundert Jahren (Rowohlt) vertreten gewesen (ihr ahnt es: Besprechung folgt).

Seda, die mit ihrem Instagram-Account echo_books in diesem Jahr ebenfalls Teil von #buchpreisbloggen ist, fasst das wohl ganz gut zusammen, wenn sie sagt: „Die Shortlist liest sich wieder wie: wir gehen auf Nummer sicher…“

Nehmen wir diesen Satz einmal und gehen weg von einzelnen Titeln (Identitti und Blaue Frau sind nicht die „sichersten“), sondern beziehen ihn auf die Ausgestaltung der Liste, dann lässt sich das nur unterschreiben. Vermeintlich repräsentiert sie irgendwie alles, setzt sich aber kaum einem Risiko aus, zumal, wir antizipieren hier mal, es am Ende vermutlich Kunst oder Kracht heißen wird. Was nicht heißt, dass ein Christian Kracht nicht tolle Literatur schreibt, nur ist es eben „Gewohnheit“ (allerdings richten sich Teile der #bookstagram-Bubble hier und da ebenfalls gern in selbiger ein).

Wie geht es nun nach Bekanntgabe der Shortlist beim Buchpreis weiter? Die Preisträgerin oder der Preisträger wird am 18. Oktober um 18:55 Uhr verkündet werden. Wir werden uns noch mit einigen der Bücher etwas intensiver auseinandersetzen und euch darüber auf dem Laufenden halten.

Eure queer-reviewer

PS: Wir wollen nicht unterschlagen, dass wir recht erstaunt sind, dass Im Menschen muss alles herrlich sein (Suhrkamp) von Sasha Marianna Salzmann nicht auf der Liste ist. Dazu folgen in den kommenden Wochen noch ausführlichere Gedanken. 

PPS: Hier findet ihr weitere Beiträge zum Deutschen Buchpreis und auch die Frankfurter Buchmesse werden wir ein wenig begleiten (ganz unabhängig vom #buchpreisbloggen-Konzept). Da freuen wir uns, dass Kanada Ehrengast ist und wir ein paar wunderbare Besprechungen für euch in petto haben.

PPPS: Am kommenden Sonntag sind u. a. Bundestagswahlen – geht wählen!

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