Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Doc, why no Kiwi?

0

Zuletzt aktualisiert am 14/09/2020

Neuseeland ist weit weg. Weiter als quasi jedes andere Land der Welt. Und doch hat sich der Münchener Arzt Mark Weinert mit seiner Familie auf den Weg gemacht und zwei Jahre dort gelebt und gearbeitet. Ähnlich groß wie die physische Distanz sind oft auch die Unterschiede im Alltag zwischen beiden Kulturen. Weinert hat auf Basis seiner Erfahrungen diese Unterschiede zu Papier gebracht. Daraus ist das im Conbook-Verlag erschienene Buch Doc Why not – Der Arzt, dem die Kiwis vertrauen geworden.

Neuseeländischer Alltag in kleinen, humorvollen Happen

Weinert beschreibt viele Aspekte des Lebens und des Alltags in Neuseeland. Man erfährt zum Beispiel, dass es eine Straftat ist, seine Kinder kurz beim Einkauf im Auto sitzen zu lassen oder dass man Touristen sofort am Bikini oder knapper Badehose erkennt. Die meisten Neuseeländer sind nämlich weit zugeknöpfter als Deutsche – was lustig ist, denn ironischerweise ist Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30 dort das Minimum und wird an vielen Stellen gratis in öffentlichen Spendern angeboten, da die UV-Strahlung weit höher ist als hierzulande.

Erdbeben wiederum müssen mindestens die Stärke 6,0 haben, um auch nur ansatzweise Relevanz für ein Gespräch beim Barbie – dem traditionellen neuseeländischen Grillen – zu besitzen. Und dass dabei lieber über die Volkssportarten Cricket und Rugby gesprochen wird, dürfte zwar nicht überraschend sein, aber zeigt, wie unterschiedlich die Kulturen zwar im Detail, aber wie ähnlich gleichzeitig die Strukturen sind. All dies und viel mehr – die Maori-Kultur wird natürlich auch in Grundzügen erläutert – erfährt man von Weinert aus erster Hand in mehr als 50 Kapiteln à zwei bis fünf Seiten.

Das bringt mit einer gewissen Kurzweil kulturelle Kleinigkeiten und Unterschiede in kleinen Happen zur Leserin oder zum Leser. Hilfreich dabei ist natürlich, dass es sich nicht um ein trockenes Buch nur mit Fakten handelt, sondern Weinert seine Geschichten auf tatsächlich erlebten Anekdoten aufbaut. Das macht er mal sehr humorvoll und ironisch, zum Beispiel als er über die Qualifikation der früheren deutschen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) für eine umfassende Gesundheitsreform schreibt („Sie ist ausgebildete Kindergärtnerin“; S. 85). Mal wirkt das aber auch gezwungen witzig, was dem Buch ein wenig den Charme nimmt, wenn der Humor nicht so zündet.

Spannende Einblicke in die beiden Gesundheitssysteme

Nicht überraschend ist, dass Weinert auch viel über seine Arbeit schreibt und dabei auf die Unterschiede im Gesundheitswesen beider Länder eingeht. Als Anästhesist hat er einige Jahre in Deutschland praktiziert und kann daher sehr gut herausarbeiten, wo sich das deutsche und das neuseeländischen Gesundheitssystem unterscheiden. In Deutschland sei beispielsweise vieles auf Effizienz und Kostenoptimierung getrimmt, während in Neuseeland weit mehr auf den Patienten geschaut wird. Umgekehrt bekommen deutsche Fachärzte wegen der hohen Arbeitsbelastung gleichzeitig sehr früh sehr viel Praxiserfahrung, was in Neuseeland erst im Lauf der Zeit geschieht. Bei einem neu ausgebildeten Arzt würde er sich somit lieber eine Narkose von einem Deutschen geben lassen, bei einem alten Hasen bevorzugt er hingegen den Neuseeländer (S. 149).

Schmerzlich vermisst! – Der Kiwi

Als Gegenbeispiel: Nach seiner Aussage ist es beispielsweise in Deutschland üblich, dass ein Anästhesist morgens den Operationssaal um 08:00 Uhr freigibt. Wenn dies im Wochenschnitt später als 08:04 Uhr geschehe, werde dies intern diskutiert – in Neuseeland unvorstellbar (S. 55). Alexander Jorde, der mit einem Auftritt in der ARD-Wahlarena vor der Bundestagswahl 2017 bekannt wurde und dessen Buch zur Pflegeproblematik ein paar Wellen schlug, kann sich in Weinerts Thesen hier vermutlich gut wiederfinden. Die Leserinnen und Leser erfahren jedenfalls sehr viel über die Besonderheiten des neuseeländischen Gesundheitssystems und woran es hierzulande oft hakt.

Die Natur kommt sehr kurz, aber Eindrücke werden deutlich

Worüber man allerdings nicht so viel erfährt, ist das Land selbst. Neuseeland ist ja ein atemberaubend schönes Land mit grandiosen Landschaften und dem berühmten Kiwi, dem Nationalvogel. Weinert nimmt auch einige Male Bezug auf die Filme der Herr der Ringe- und Hobbit-Trilogien, die in Neuseeland gedreht wurden – widmet ihnen sogar ein eigenes Kapitel (S. 201 – 203). Von den atemberaubenden Naturschönheiten, die dieses flächenmäßig etwa so große Land wie Deutschland – bei gleichzeitig nur 4,8 Millionen Einwohnern – (S. 79) zu bieten hat, erfahren wir leider nur sehr wenig. Und auch der Kiwi taucht nur an wenigen Stellen in einigen Nebensätzen auf.

Für einen Verlag, der sich nicht zuletzt auf Reiseliteratur spezialisiert hat, ist das zwar ein wenig ungewöhnlich, aber klar, die Kultur Neuseelands ist natürlich auch ein spannendes Thema, das viele Reisebegeisterte interessiert. Und das gilt noch mehr, wenn damit auch ein weiteres Thema, nämlich die unterschiedlichen Gesundheitssysteme, in einer Reihe von Facetten aufgearbeitet werden kann. Wer sich für die Natur Neuseelands interessiert, der hat selbstverständlich genügend Alternativen, sich anderswo hierüber zu informieren. Ergänzend dazu empfehlen wir den grandiosen Bildband Walks of a Lifetime, der zwei Touren aus Neuseeland beinhaltet, oder die dreiteilige Reisedokumentation Wildes Neuseeland, die immer mal wieder ausgestrahlt wird und auch auf DVD erhältlich sein dürfte.

In den letzten Kapiteln erfährt die Leserin oder der Leser, warum es Weinert und seine Familie zurück nach Deutschland gezogen hat. Das liegt unter anderem an einigen kulturellen Eigenheiten der Kiwis. Man erfährt aber auch, wie ihn seine Erfahrungen am anderen Ende der Welt prägten und was er in Deutschland daraus macht. Das ist einerseits sehr löblich und durchaus eindrucksvoll, denn damit sieht man gut, welch prägende Effekte solch ein längerer Auslandsaufenthalt haben kann. Andererseits hat das schon dezent werblichen Charakter für seine eigenen Projekte. Aber ganz Anästhesist hat Weinert hier die Dosis noch gut abgemessen.

Alles in allem ist Doc Why Not aber eine anregende Lektüre, die Reiseerfahrungen mit Informationen über die Gesundheitspolitik gut und zumeist treffsicher humoristisch verbindet. Es ist leichte Unterhaltung, die am Land oder der Thematik Interessierten auf jeden Fall als nicht allzu anspruchsvolle Lektüre sowohl an heißen Sommertagen als auch an grauen und verregneten Herbstwochenenden ans Herz gelegt sei und so das andere Ende der Welt ein Stück näher bringt.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Weinert, Mark: Doc Why not – Der Arzt dem die Kiwis vertrauen; 1. Auflage 2019; 256 Seiten; Taschenbuch; ISBN: 978-3-95889-316-0; Conbook Verlag; 9,95 €

HMS

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.