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Steht gut im Saft und am Herd

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Die Neuauflage von Queer Eye auf Netflix ist schnell ein Riesenerfolg geworden und mittlerweile kann die fünfte Staffel, zusätzlich der We’re in Japan!-Sonderstaffel, gestreamt werden. Und irgendwie ja, fühlt es sich jedes Mal gut an, den Fab Five zuzusehen und so wie sie zügig eine Bindung zu ihren Schützlingen aufbauen, hat man auch als Zuschauer schnell das Gefühl, dass da eine Verbindung besteht. Allein schon, weil alle recht unterschiedlich sind und damit so vieles an Gefühlen und eigenen Bezugspunkten abdecken können. Man hat also auch das Gefühl, sie zu kennen.

Wunderbar vielseitig – Antoni & das Buch

Noch besser lernt man sie über ihre Instagram-Accounts und ihre Bücher kennen. Das wunderbar offene und so herzzerreißend wie herzerwärmende Memoire von Jonathan van Ness haben wir bereits besprochen. Nun haben wir auch einen noch genaueren Blick auf das Leben und in den Kochtopf von Antoni Porowski, den Spezialisten für Wein und Essen, werfen können. In, im Christian Verlag erschienen, Antoni in the Kitchen – Das Makeover für deinen Kochtopf (mit Mindy Fox) erfahren wir nicht nur, was ihn bei der Auswahl seiner vielfältigen Rezepte beeinflusst und in welcher Art Umgebung er aufgewachsen ist, sondern auch, welche Zweifel er zu Beginn von Queer Eye hatte. Und die Rezepte, ja die Rezepte – yummy.

Geröstete Karotten mit Karottengrün-Pesto 😋 // © Christian Verlag / Paul Brissman

Sooft passiert es nämlich nicht, dass man ein Kochbuch nur kurz durchblättert und sofort Rezepte herauspickt und kommentiert: „Das sollten wir als erstes machen“, „Das können wir machen, wenn wieder Saison ist“, „Das würde doch gut zur Feier von Jana passen“, „Das können wir Maik empfehlen“, „Das klingt nice, lass uns noch mit Kurkuma probieren.“ So ging es die ganze Zeit und am Ende des ersten Blätterns waren schon mal an die 30 von etwa 100 Rezepten markiert. 

Bevor es aber an die Rezepte geht, lohnt es sich die Einleitung zu lesen und sogar einmal Danksagung und Vorwort. In der Danksagung dankt Antoni zum Beispiel auch seinem Ex-Freund und dessen Verwandten, die Antoni sieben Jahre lang eine Familie gewesen seien. Und seine Herasugeber, Ruf Martin, bezeichnet er als „Grace Coddington der kulinarischen Welt“, was beim stil- und modeaffinen Leser einen Erregungszustand verursachen dürfte. Im kurzweiligen Vorwort von Ted Allen, dem Spezialisten für Essen und Wein der ursprünglichen Serie, die von 2003 bis 2007 lief, findet der nicht nur charmante Worte für Antonis Kochkünste, sondern auch augenzwinkernde Vergleiche zu beiden Formaten. Ebenso erfahren wir, dass er nicht ganz unbeteiligt daran war, dass die Macher der neuen Queer Eye Version auf Antoni aufmerksam wurden.

Bin ich schwul genug?

In seiner Einleitung schreibt Porowski nicht nur über die Rezepte die uns erwarten, sondern berichtet kurz über seine Kindheit und Jugend, die er in Kanada und den USA verbrachte, immer mit starken Bezug zu seinen polnischen Wurzeln. In seiner Danksagung beschreibt er sich konsequenterweise auch als polnisch-kanadischer Amerikaner. Im Grunde hätte er auch polnisch-franko-kanadischer Amerikaner schreiben können, denn die Einflüsse französischer und auch mediterraner Küche und Lebensart merkt man seinen Rezepten eben so sehr an, wie ihm selber. Einflüsse sind überhaupt ein wichtiges Stichwort: Antoni nimmt viele Eindrücke verschiedener Küchen auf, die er im Laufe seines Lebens kennen und genießen gelernt hat, spielt damit und entwickelt auf diese Weise viele eigene Rezepte, während er anderen einen neuen Touch verpasst, indem er sie leicht abändert oder ergänzt.

Antoni weiß Butternut-Kürbisse zu handhaben. 🤤 // © Christian Verlag / Paul Brissman

Auch lässt er es nicht aus, uns die Frage zu vermitteln, die sich ihm stellte, als klar war, dass er einer der Fab Five werden würde: „Was, wenn ich nur ein Hochstapler bin?“ War er schwul genug für das Format? Zwar lebte er zu der Zeit mit einem Mann, doch ob das immer so sein würde? So bezeichnete er seine Sexualität dann auch in einem Interview im April 2018 als „etwas mehr fließend auf der Skala.“ Außerdem: Was wusste er schon über Essen? Er empfand das eher als private Leidenschaft. Doch, so Porowski weiter, nach der ersten Staffel Queer Eye sei ihm dann klar gewesen, dass er seinen Lebenstraum gefunden habe. Man merkt das auch, wenn man die Sendung schaut. In den späteren Folgen wirkt er weit sicherer und gelöster. Gut für ihn, gut für uns. 

Mac’n’Cheese als geschmackliches Ereignis 

Nach der Einleitung geht es auf den kommenden gut 200 Seiten weiter mit Rezepten, die in sieben Kategorien gegliedert sind: Apps (Appetizer / Vorspeisen) und Snacks; Salate, Gemüse und andere Beilagen; Suppen und Eintöpfe; Nudeln und Reis; So ein bisschen gesund; Tierisch; Gebacken und süß. Zu Beginn der jeweiligen Abschnitte findet sich eine Inhaltsangabe zu den einzelnen Rezepten. In Kombination mit dem ausführlichen Register am Ende des Buches ist das absolut übersichtlich und man findet sofort alles, was man sucht. Ob es nun eine spezielle Speise sein soll oder ein Rezept auf Grundlage einer Zutat, wie beispielsweise Karotten. Ebenso hilfreich, wie größtenteils einleuchtend, sind die „Top 10 Küchen Mantras“, mindestens acht davon sind unbedingt zu befolgen. 

Mac’n’Cheese mit frischen Kräutern und Erbsen – yummy.

Nachdem in den Texten häufig die Mac’n’Cheese mit frischen Kräutern und gefrorenen Erbsen erwähnt wurden, war dies das erste Rezept, welches wir probiert haben und tatsächlich – beste Mac’n’Cheese ever! Mit ein wenig Pfiff und einem anständigen Parmigiano Reggiano wird aus einem vermeintlichen Fertiggericht auf einmal schnelle, aber vorzügliche Küche. Wenn es wieder weniger heiß ist, gibt es die erneut und es wird der Mac’n’Cheese-Putenauflauf probiert. 

Viele leckere Kleinigkeiten & wenig Lebensmittelverschwendung

Ebenfalls sehr angetan haben es uns die Kleinigkeiten wie zum Beispiel gebackener Knoblauch, ebenfalls mit Parmigiano Reggiano, und Honig (aber Vorsicht – unbedingt auf dem Backblech machen, durch einen Rost saut ihr euch den Ofen ein), dazu Radieschen in Schnittlauchbutter (wenn auch weniger spektakulär als erwartet, aber dennoch gut) und gepfefferte Wassermelonenwürfel in Olivenöl mit Halloumi (alternativ mit Grillkäse). Die Appetithappen sind generell sehr fein, größtenteils schnell zu machen und wir werden da weiter probieren.

Schafzimmerblick in der Küche und dazu salzige Zitronenschnitten?! Uhm, ja-ha!! // © Christian Verlag / Paul Brissman

Eine Zutat die häufig auftaucht, ob nun als eine das Gericht begleitende oder als Mittelpunkt der Speise, ist die Karotte, aka Gelbe Rübe. So gibt es zum Beispiel einen Karottensalat mit Ingwer, Petersilie und Datteln (Datteln nutzt er gern und viel), der schnell gemacht, nahrhaft und lecker ist. Außerdem Geröstete Karotten mit Karottengrün-Pesto (siehe Bild oben), eine feine Idee und erst recht, da das Rezept gleich eine leckere Verwendung für das Grün aufzeigt. Denn tatsächlich kann man so viele Blätter, Strünke und Schalen verwenden, die sonst leider oft im (Bio-)Müll landen. So werden wir dann auch gern zeitnah die vermutlich herzhaft-würzigen Blumenkohlsteaks mit Kurkuma und knusprigen Mandeln probieren, um für ein anderes Rezept aus dem Buch Die ganze Pflanze (über das wir euch bald berichten werden) Strunk und Blätter verwenden zu können. 

Es bleibt noch viel zu probieren

Apropos herzhaft: Rezepte wie Bœuf Bourguignon mit Pastinake und Kognak fehlen ebenso wenig, wie ein „Bigos in zweiter Auflage“ oder „Die polnische Katersuppe“, Żurek. Letztere ist absolut lecker, auch ohne Kater. Das Bœuf Bourguignon haben wir noch nicht probiert, da wir es eher in die herbstliche Küche packen. Aber, das sei zu diesem, wie zu einigen anderen Rezepten, gesagt, wir werden euch in der Kategorie Yummy auf dem Laufenden halten, welche wir probieren und wie wir und Bekannte, die wir liebevoll als sicherlich meist freiwillige Probanden nutzen werden, diese beurteilen. 

So müssen wir auch unbedingt noch das Französische Omelette probieren, ganz dringend den gebackenen Reis mit Tomate, Basilikum und geschmolzenem Mozzarella, die Nudeln mit marokkanischer Bolognesesauce, das Champanger-Zitronen-Risotto, die kalte Rote-Bete-Suppe mit Essiggurken und Dill, genannt Chłodnik, und, sobald Saison ist, definitiv die Suppe aus geröstetem Butternuskürbis mit Ingwer und Limette. 

Chłodnik genannte Rote-Bete-Suppe, das polnische Gazpacho. // © Christian Verlag / Paul Brissman

Von den Desserts haben wir bisher nur eines probiert und das war dann auch die größte Enttäuschung. Der polnische Osterkuchen mit Karamell ist an sich wirklich lecker, eine angenehme Mischung aus süß und fruchtig. Doch ist die im Rezept angegebene Menge an Karamell viel zu viel: Zwar sieht es auch auf dem Rezeptbild nach einer dicken Schicht aus, aber die Masse härtet natürlich entsprechend aus. Ergo war der Kuchen am Ende eigentlich ein großes Bonbon mit Krümeln. Ein Drittel oder gar nur ein Viertel der im Rezept veranschlagten Menge für den Karamell sollte ausreichend sein.

Schön anzusehen & hochwertig

Da war die Enttäuschung zwar zuerst groß, aber aufgegessen, oder eher weggelutscht, wurde das Ding am Ende dann natürlich doch. Bei den anderen Rezepten waren die Angaben zu Menge und Mischverhältnis immer vollkommen tauglich und auch die Beschreibungen der einzelnen Vor- und Zubereitungsschritte sind verständlich und nachvollziehbar, damit lässt es sich sehr gut arbeiten. Ebenfalls charmant sind die Tipps zu vielen Rezepten, wie auch kleine Anekdoten vor jedem Rezept, wie Antoni darauf kam, zu welchen Gelegenheiten er es besonders gern kocht, wer es mochte, all solche kleinen Stories. Wie bereits erwähnt – wir lernen den guten noch ein wenig besser kennen. Selbst dann, wenn man das letzte Fab Five-Interview mit Andy Cohen gesehen haben sollte und daher weiß, dass er sich im Zuge der Corona-bedingten Quarantäne auch durchaus mal mehr als drei Mal am Tag einen runtergeholt und seinen neuen Freund im Fitnessstudio kennengelernt hat. Also sportlich, steht gut im Saft und am Herd, das ist doch toll, oder? 

Ach ja, toll: die Food-Fotos, angerichtet von Essensstylistin Lisa Homa und geschossen von Paul Brissmann, machen Antoni in the Kitchen auch optisch ansprechend und die Fotos, die Brissmann von Antoni in den Seiten-Straßen, auf den Märkten und in den Stores New Yorks geschossen hat, machen es zu einem Highlight. Dazu die wirklich vielfältigen und überwiegend gut zu kochenden Rezepte, die größtenteils auch für eher weniger erfahrene Köche, aber vor allem für geschulte Hobbyköche umsetzbar sind, und die netten, kleinen Stories, lassen diesen hochwertig verarbeiteten und gebundenen, mit einem schönen, flamingofarbenen Lesebändchen versehenen, Rezept-Bildband, ja, eben zu einem Highlight werden. Der Preis von knapp 25 Euro kommt einem da beinahe lächerlich gering vor.

Porowski, Antoni; Fox, Mindy: Antoni in the Kitchen – Das Makeover für deinen Kochtopf; 1. Auflage, März 2020; Hardcover, 272 Seiten, ca. 120 Abbildungen (Fotografien: Paul Brissman); Format: 19,3 x 22,1 cm; ISBN: 978-3-95961-410-8; Christian Verlag; 24,99 €

AS

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