Schneckensterben im Zeitraffer

Wenn wir derzeit nach draußen blicken, sehen wir viel Grau in Grau, Monotonie und alles sieht trist und eintönig aus. Mag das im Dezember primär am Wetter liegen und für die Jahreszeit in unseren Breiten völlig normal sein, ist es dennoch wenig erbaulich. Vielfalt ist etwas Schönes, das uns nicht nur in Bezug auf unsere Umwelt, sondern unserer gesamten Gesellschaft guttut.

Artenvielfalt und Biodiversität

Gerade auf die Artenvielfalt sind wir aber gerade dabei, einen großen Schatz unserer Natur lautlos zu verlieren. Auch wenn die Artenschutzkonferenz CITES erst im November eine Reihe von Tieren wie verschiedene Haie oder Rochen unter zusätzlichen Schutz gestellt hat, stehen wir hier vor einem gigantischen Problem. Unter anderem damit befasst sich auch die Weltbiodiversitätskonferenz 2022, die von 7. bis 19. Dezember im kanadischen Montreal stattfindet.

Auch wenn Biodiversität und Artenvielfalt einiges miteinander zu tun haben und vielfach identisch verwendet werden, sind es doch zwei verschiedene Dinge. Was genau der Unterschied ist, ist einer der Sachverhalte, die wir gleich zu Beginn von Jasmin Schreibers Biodiversität. 100 Seiten lernen, das in der Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags erschienen ist.

Wissenschaft leicht erklärt

Der Titel ist auf diesen 100 Seiten Programm: Schreiber – Biologin, Schriftstellerin und Weichtierfreundin – gibt uns eine kurze und kompakte Einführung in die Thematik. In insgesamt neun Kapiteln von sehr unterschiedlicher Länge informiert sie uns über unterschiedliche Aspekte des Themas. Was Genetik und Vererbung mit ihr zu tun haben. Oder wie große räumliche Distanzen für die Vielfalt von Pflanzen und Tieren in einer Region bedeutsam sind. Und überhaupt, welche Bedeutung die Biodiversität für das Leben auf der Erde besitzt und welche Folgen ihre gravierende Minderung für uns alle hätte.

Im Prinzip ist das Buch dabei zweigeteilt. In der ersten Hälfte legt sie sehr einfach verständlich die biologischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen, die mensch im Hinterkopf haben sollte, wenn sie oder er über Biodiversität nachdenkt, dar. Auf den zweiten ca. 50 Seiten wiederum erläutert sie, was zum gegenwärtig beobachtbaren Verlust der Biodiversität beiträgt, wie rapide er vonstattengeht und wie vor allem der Mensch diesen beeinflusst. Und natürlich, welchen Schaden wir dem Planeten hiermit zufügen (ein Gruß an dieser Stelle an die AfD).

Insgesamt gibt es also auf diesen 100 Seiten – und es sind exakt 100 Seiten Textteil, keine Schummelei seitens des Verlags (nur einige Grafiken, die jedoch in den ansonsten vor allem für Bleiwüsten bekannten Reclam-Büchlein eine willkommene Auflockerung darstellen) – eine Reihe an wohldosierten Informationen zur Thematik. Punkte wie Plastikmüll, Klimawandel oder welche Folgen die menschengemachte Zerschneidung von Lebensräumen (Stichwort: Autobahn durch den Dannenröder Forst) haben, würden vielen von uns vielleicht erst einmal gar nicht in den Sinn kommen, wenn wir über Biodiversität sprechen. Genauso mit der Mendelschen Vererbungslehre (wir erinnern uns, Biologieunterricht, 7. Klasse, das mit den Erbsen).

Jasmin Schreiber bereitet diese Informationen schön kompakt auf und setzt sie in einen wohlgewählten Kontext. Sie lässt aber auch immer wieder die eine oder andere persönliche Anekdote einfließen, beispielsweise zu insektenbeschmierten Autoscheiben, einer zerstörten Distel oder ihrer Vorliebe für Weichtiere, vor allem Schnecken. Diese lockern den hohen Informationsgehalt sehr gut auf und illustrieren uns vielfach, wie divers unsere Umwelt vielleicht ist oder wo sie es eben nicht (mehr) ist.

Abschied von Wildblumenmischungen

Sie gibt dabei konkrete Tipps und zeigt Möglichkeiten wie Brut- und Nistkästen, Insektentränken oder Bepflanzungen von Gärten, Balkonen oder Grundstücken auf, wie jede und jeder einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität in unserem Alltag leisten kann. Und sie räumt gleichzeitig auch mit so manchem Irrglauben auf, dem einige von uns bereits anheimgefallen sein dürften. Das massenhafte Bienenzüchten in betuchteren Berliner oder Hamburger Gegenden ist beispielsweise ebenso schädlich (Honigbienen verdrängen Wildbienen) wie die Aussaat von hübschen, bunten Pflanzenmischungen (bieten oft keine Nahrung für Insekten und haben außer einer hübschen Optik nicht viel zu bieten).

Ob die persönliche Ansprache Schreibers – sie wendet sich regelmäßig direkt an die Leserinnen und Leser (allerdings mit dem formellen Sie, nicht mit dem in ihrer Generation eher üblichen influencergeprägten Du) – den Geschmack derer trifft, die sich mit dem Büchlein im Gesäßtaschenformat auseinandersetzen, muss jede und jeder für sich selbst entscheiden. Auf jeden Fall schafft sie es dadurch, dass sich alle direkt angesprochen fühlen und es untermalt die Dringlichkeit dieses so wichtigen Anliegens.

Alles in allem handelt es sich bei Jasmin Schreibers Biodiversität. 100 Seiten also um eine sehr willkommene und aufschlussreiche Lektüre für daheim oder unterwegs. Sie stellt die wichtigsten Hintergrundinformationen zum Thema Biodiversität gut und leicht verständlich zusammen, reichert diese um manch eine persönliche Anekdote an und schafft es sehr eindrücklich, an die Leserinnen und Leser zu appellieren, ihren kleinen Beitrag für den Erhalt der Biodiversität auf unserem Planeten zu leisten.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier

Jasmin Schreiber: Biodiversität. 100 Seiten; September 2022; 100 Seiten, 18 Abbildungen und Infografiken; Broschiert; ISBN 978-3-15-020673-7; Reclam Verlag; 10,00 €

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