Ichbewusste Bäume und der Hedonismus

An einem Punkt in João Pedro Rodrigues’ Irrlicht stellen die wenig bis gar nicht bekleideten Feuerwehrmänner berühmte Gemälde nach und lassen den Kunstgeschichtsstudenten und Thronerben Portugals Alfredo (Mauro Costa), raten, um welche Gemälde es sich handelt. Er kommt auf kein Einziges. So wie diese manch erfundenes und manch reales Gemälde zeigt, fühlt sich der ganze Film wie der Besuch einer bunt zusammen kuratierten Ausstellung an, bei der zusätzlich zur Petersburger Hängung noch ein Tohuwabohu an Stilen, Epochen und Werkmitteln hinzukommt. Mit anderen Worten: Bei Irrlicht (im Verleih von Salzgeber) haben wir es mit einem herrlich abstrusen Fest zu tun.

„Your hands are cold“

Wir steigen im Jahr 2069 ein, als der gealterte Alfredo (hier: Joel Branco) im Sterben liegt, hinter ihm das seit langer Zeit im Familienbesitz befindliche, kolonialistische Gemälde „Die Hochzeitsmaskerade“ von José Conrado Roza, und sich via eines Liedes über die Pracht und Kraft der Bäume (im königlichen Kiefernwald) an seine frühe Jugend (2011 und hier Greta Thunbergs berühmte 2019er-Wutrede vor den Vereinten Nationen zitierend) und das junge Erwachsenenalter (um 2017) erinnert. Am Tisch mit den Eltern Eduardo (Miguel Loureiro) und Teresa (Margarida Vila-Nova) werden Nachrichten zu verheerenden Waldbränden gezeigt und Alfredo reagiert darauf, indem er verkündet, Feuerwehrmann werden zu wollen. 

Alfredo (Mauro Costa) und Alfonso (André Cabral) // © Salzgeber

Mutter taugt das gar nicht, alles viel zu republikanisch, außerdem solle er mal nicht die royale Familie mit Dokumentarfilmen verwechseln (hey, Harry und Meghan und Co.). Doch schlussendlich landet der Adels-Spross an einer Feuerwehrstation und trifft auf Alfonso (André Cabral), der ihm als Begleiter an die Seite gestellt wird und tanzend sein Geliebter werden soll, bis Alfredo natürlich doch wieder der covidbedingte Ruf des Todes und Hofes erreicht. 

„And my heart is hot“

Diese Geschichte erzählt Autor und Regisseur João Pedro Rodrigues gemeinsam mit seinen Co-Autoren João Rui Guerra da Mata und Paulo Lopes Graça in Form von Schlaglichtern und im Grunde ist das Wort „Geschichte“ denkbar unpassend, haben wir es bei Irrlicht doch viel eher mit einer antiexistenzialistischen Sketch-Show zu tun. Ob Klimakrise, Selbstfindung, staatstheoretische Ideologie, (Post-)Kolonialismus und Rassismus oder das Ausleben der Sexualität, alles findet sich in dem Film, der mit 67 Minuten inklusive Abspann etwa genauso lang läuft, wie eine Folge der meisten Netflix-Serien (oder die ähnlicher Anbieter, ja, ja…).

Inszenierung eines fiktiven Caravaggio-Gemäldes // © Salzgeber

Das Erfrischende trotz all dieser nach ausufernder Young-Royals-Erzählung klingenden Themenfülle ist, dass die portugiesisch-französische Koproduktion sich weder sonderlich ernst nimmt noch daran interessiert ist, uns schwermütig das Kino verlassen zu lassen und gekonnt wohlfeile Stereotype ins Gegenteil verkehrt. Wohlgemerkt kann mensch sich aber durch die Fülle von Andeutungen, Abhandlungen und Anbahnungen überfordert fühlen. Nicht für jeden mag die Süffisanz, mit der der weiße Prinz und sein Schwarzer Geliebter sich darüber austauschen, nur die zu sein, die sie nach eigener Existenz- und Geschichtsschreibung zu sein wollen glauben und dies im Grunde doch nur, weil die echte Welt ihnen dies dadurch vorgibt, dass es sie anders schreibt, das Richtige sein.

„Ventilate me, you pig“

Oder jene Szene, in der an echte Schwänze doubelnden Dildos gewichst wird, währenddessen mann einander eher diffamierende Begriffe an die Eichel wirft, bis es schließlich spritzt. Überhaupt: Irrlicht bietet sehr viel Penis. Ob nun direkt im Bild, in Form der Bäume als Symbol oder als dauernde Hinterkopffigur. So könnten wir den Film also auch Penis-Ballett nennen, denn auch an Tanznummern oder wunderbar choreografierten Trainingseinheiten, wie etwa jene zu Beginn, die auch dank der präzisen Kamera Rui Poças‘ nicht wenigen Zuschauer*innen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen dürfte, spart Rodrigues nicht. 

© Salzgeber

Und wenn auf der Station zu Elmos „Ctrl + C Ctrl + V“ getanzt wird, springt eine gar nicht mal mehr so ironisierte Lebensfreude auf uns über. Denn auch wenn wir Irrlicht ohne Weiteres als Farce bezeichnen könnten, macht sich der Film doch weder über seine Figuren (abgesehen von Alfredos Eltern, die wohl für ein überfordertes Land im Umbruch stehen; ein Gedanke, der mit einer Schlusspointe süffig zu Ende gebracht wird) noch deren Reifung lustig. Wenn uns der Film auch nie seinen hedonistischen Grundgedanken vergessen lässt (es mag daran liegen, dass ich aktuell erneut die amerikanische Queer as Folk Version aus den Nullerjahren schaue, aber ich musste häufiger an Brian Kinney denken).

„His dick projecting into infinity“

Am Ende schafft diese irritierende und kurzweilige Revue-Nummer es aber eben doch, uns – Interesse vorausgesetzt – ein wenig ins Grübeln über Sinn und Unsinn der Welt und die vermeintliche Logik (oder auch Unlogik) des Seins zu bringen. Nun muss es nicht gleich Wittgenstein sein, aber ein wenig Reflexion darf durchaus zugelassen werden. Eine Katastrophe reiht sich an die nächste und Menschen überlegen, ob sie noch Kinder in diese teil-überalterte und verwitternde Welt setzen sollen und wir mühen uns, um irgendwie ins Konzept zu passen. 

Let’s Dance // © Salzgeber

Oder wie es bei Irrlicht sinngemäß heißt: Opfer bringen, damit niemand am Ende zu unglücklich ist. So mag das alltägliche Kompromisse schließen ermüdend sein und doch ist es scheinbar die Art des Zusammenlebens, auf die wir uns geeinigt haben. Ein Mensch-Selbst-Sein lässt sich aber dennoch umsetzen, eine Ko-Existenz von „Ich“ und „Wir“ ist möglich, wenn Angst, Bequemlichkeit und zu wenig Eigensinn es uns nicht versagen. Auch hier mag Irrlicht von João Pedro Rodriguesals Anstoßpunkt gelten.

JW

Irrlicht läuft dem 8. Dezember 2022 in den deutschen Kinos – Termine und Orte findet ihr bei Salzgeber

Irrlicht (auch: Will-o’-the-Wisp, OT: Fogo-Fátuo); Portugal, Frankreich 2022; Drehbuch: João Pedro Rodrigues, João Rui Guerra da Mata, Paulo Lopes Graça; Regie: João Pedro Rodrigues; Kamera: Rui Poças; Darsteller*innen: Mauro Costa, André Cabral, Margarida Vila-Nova, Miguel Loureiro, Joel Branco, Oceano Cruz; Laufzeit ca. 67 Minuten; FSK: 16; eine Produktion von Terratreme Filmes, House On Fire und Filmes Fantasma im Verleih von Salzgeber; seit dem 8. Dezember 2022 im Kino  

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert