Lückenhaftes Lachen

2022 — was für ein Jahr. Noch gut erinnere ich mich, wie wir mit unserem Herausgeber in den Tagen bevor der russische Diktator Wladimir Putin seinen Krieg gegen die Ukraine und ihre und seine Bevölkerung begann, darüber sprachen, dass, wenn es zum Krieg kommen würde, er jetzt begänne. Am Morgen des 24. Februar bin ich eher nachts als morgens wach geworden und habe mich gegen drei Uhr an meinen, im Zuge der Corona-Pandemie, die zu dem Zeitpunkt wie auch heute noch alles andere als durchgestanden war/ist, vom Küchen- zum Schreibtisch umgewandelten, häuslichen Arbeitsplatz begeben.

© NEL/Klartext Verlag, Essen 2022

Als eine gute Stunde später die ersten Push-Mitteilungen der diversen abonnierten News-Outlets zu vermeintlichen Angriffen auf die Ukraine hereinkamen und schließlich auch der Deutschlandfunk, den ich traditionell morgens höre, in seinen Informationen am Morgen darüber berichtete, war ein absehbares Verbrechen Wirklichkeit geworden: Putin hatte einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen ein souveränes und freies Land begonnen. Dieser Krieg würde von nun an in vielerlei Hinsicht „unser“ Jahr prägen, die Auswirkungen würden weltweit spürbar werden und der Fortschritt, den die neue Ampelkoalition unter Kanzler Olaf Scholz sich in den flattrigen Koalitionsvertrag geschrieben hatte, würde vorerst in einem nicht fertiggestellten Parkhaus parkiert werden.

„Was haben Omikron und Putin gemeinsam?“

Es dürfte also kaum verwundern, wenn im Band NEL 2022 — Der Jahresrückblick, der Ende November im Klartext Verlag erschienen ist, neben Corona vor allem der Krieg gegen die Ukraine (im Buch als „Krieg in der Ukraine“ bezeichnet) im Fokus steht. Der Jahresrückblick versammelt auf 128 Seiten einige der wesentlichen Illustrationen des Karikaturisten NEL, die der freischaffende Cartoonist und Illustrator für die Thüringische Landeszeitung (TLZ), die wie der Klartext Verlag zur FUNKE Mediengruppe gehört, angefertigt hat.

1953 in der zweitgrößten Stadt Rumäniens, Cluj-Napoca, hier besser bekannt als Klausenburg, als Ioan Cozacu geboren, ist der mit dem Deutschen Karikaturenpreis ausgezeichnete NEL also kein Neuling, wenn es um bildgewordene Satire geht. Durchaus kann er auch auf eine solide Fangemeinde zurückgreifen, wie die Chefredakteurin der TLZ, Gerlinde Sommer, in ihrem Vorwort schreibt. Ebenso betont sie am Beispiel einer durchaus feinen Karikatur zum 9-Euro-Ticket, dass NEL nichts Plumpes kreieren würde. Hier möchte ich erwidern: Ja, aber… vielleicht nicht plump, aber manch eine Zeichnung fällt doch recht überdeutlich aus.

„Beide treiben es jetzt auf die Spitze!“

Aber das ist wohl bei Cartoonisten auch nicht anders als bei Kabarettist*innen oder den Macher*innen von Shows wie etwa der heute show im ZDF — nicht jede Pointe kann sitzen, nicht alles funktioniert immer so, wie es sich im Kopf der Kreativen abzeichnet und nicht jedes Bild kann das Rad neu erfinden (zumal im Übrigen auch beinahe jeder Morgenlage eine Karikatur anhängt und den Zeitungen sowieso; so viele kreative, politisch und satirisch begabte Genies kann es gar nicht geben). Das Gros der in grob thematisch sortierten sechs Abschnitten gezeigten Illustrationen weiß aber durchaus zu interessieren.

© NEL/Klartext Verlag, Essen 2022

Neben dem genannten Teil zum Krieg gegen die Ukraine, der auch den meisten Platz einnimmt, und jenem zu Corona, findet sich manch Feines zu den Querdenkern gefolgt von Klima, Wirtschaft und Energie und zum Ende gibt es noch knappe Blicke auf die deutsche Innen- und Außenpolitik. Die Kapitel werden jeweils von einem kurzen, zumeist launigen Vorwort eingeleitet, das bis auf eine Ausnahme immer vom freischaffenden Kulturjournalisten Bodo Baake stammt. Der jedoch verrennt sich mit manch einem Vergleich oder süffisantem Anwurf ein wenig. So etwa, wenn er Jens Spahns anfängliche Haltung in der Corona-Politik mit der des Präfekten aus Albert Camus’ Die Pest vergleicht. Wie wenig zutreffend das ist, dürfte spätestens seit der ausführlichen und größtenteils hervorragenden — und dennoch erstaunlich wenig beachteten — RTL+-Dokureihe Second Move Kills von Aljoscha Pause bekannt sein. Aber wer bin ich, den Menschen ihre ausgemachten Feindbilder zu nehmen!

„Durch unser Embargo ist Putin am Ende.“

Anderes dafür ist sehr treffend wie die Einteilung zur Außenpolitik mit dem Titel „Jedermann ist überall“. Hier kontrastiert Baake so talentierte Darsteller*innen wie Verena Altenberger und Lars Eidinger mit den „Kleindarsteller[n] und Knallchargen“ die wir „auf der Bühne der Weltpolitik“ finden und schlägt einen Bogen zum belächelten und unterschätzen Wolodymyr Selenskyj, erwähnt nebenher noch, dass Putin sich lieber selbst belügt, „um nicht den Falschmeldungen des Westens ausgesetzt zu sein.“ Auf dieser Doppelseite findet sich auch eine der stärksten Karikaturen des Bandes. 

© NEL/Klartext Verlag, Essen 2022

Etwas, das auffällt und NEL von manchen seiner Kolleg*innen abhebt (übrigens scheint es mir so, oder ist es in der Tat so, dass das Feld politischer Karikaturen eher von Männern bestellt wird? Und wenn ja — warum?), ist der Umstand, dass er eine klare Haltung zu vielen Dingen hat und diese auch in seinen Karikaturen zum Ausdruck bringt. Dabei muss mitnichten alles geteilt werden. So hadere ich sehr mit seiner Zeichnung zu Reparationsforderungen Polens gegenüber Deutschland oder jenen, die sich auf die Sanktionen gegen Putin beziehen und das halbtote „Wir-Sind-Selber-Zu-Betroffen“-Pferd ein Stück weiter unter die Erde reiten. 

„… noch reicher“

Im Grunde dürfte es doch zu begrüßen sein, dass auch wir alles in allem verwöhnte Deutsche einmal das Konzept von Sanktionen als durchaus zweischneidigem Schwert begreifen und vor allem einmal vermittelt bekommen, dass wir eben nicht in einer Bequemlichkeits-Blase außerhalb des restlichen globalen Geschehens existieren. Immer nur Profiteur sein geht halt nicht.

© NEL/Klartext Verlag, Essen 2022

Auf der anderen Seite hält NEL uns mit Zeichnungen wie jener namens „Kann Hamstern pandemisch werden?“ oder der, in der ein älterer Herr mit verschränkten Armen zur Verwunderung seines jüngeren Sitznachbarn (wir tippen mal Schwiegersohn) sagt: „Impfpflicht? Wehrdienst habe ich auch verweigert.“ wunderbar den Spiegel vor und bringt durch diesen kleinen Moment gleich mehrere Reizthemen auf. 

„Das Entlastungspaket Gas ist da!“

Dadurch dass sowohl der Krieg gegen die Ukraine wie auch nach wie vor Corona sich durch unseren Alltag ziehen und alles beeinflussen, überschneiden sich die Kapitel natürlich. Der „EZB-Serviervorschlag“ zur Leitzinserhöhung steht in direktem Zusammenhang mit dem weltpolitischen Geschehen und die herrliche Zeichnung „Gasumlage: Noch nicht in trockenen Tüchern“, in der Finanzminister Christian Lindner, Wirtschaftsminister Robert Habeck und Kanzler Olaf Scholz in Baumwollwindeln an der Wäscheleine baumeln und die mich hat laut auflachen lassen, wäre natürlich ohne einen Krieg nicht denkbar — es gäbe schlicht keine Gasumlage… also keine Idee zu einer Gasumlage.

© NEL/Klartext Verlag, Essen 2022

Gleiches gilt für Entlastungspakete, Nord Stream 2, Gerhard Schröder und Co. Selbst bei den Querdenkern schneidet der Krieg schon stark mit rein, wenn wir beispielsweise auf NELs „Patriotische Europäer für die Putinisierung des Abendlandes“ schauen, die auf ihren Schildern wie „Gegen den Impf-Zwang“ oder „Schluss mit der Angst-Propaganda“ mal eben „Impf“ durch „Friedens“ und „Angst“ durch „EU“ ersetzt haben und einem Gemälde von Putin samt Z und Q-Anon-Heiligenschein huldigen.

„Exakt 1m3

Etwas irritierender ist da eine Illustration namens „Offener Brief“, in der eine halb durchsichtige Gestalt in Kutte, die vermutlich den Tod darstellen soll, auf der sensenbewährten Schreibmaschine tippt und ein Blatt herauskommt, auf dem „WAFFEN — WAFFEN — WA“ steht. Nun mag mensch grundsätzlich gegen Kriege sein, aber diese Konnotation, jene, die mehr Waffen zur Selbstverteidigung für die Ukraine fordern, als Beförderer des Todes zu deklassieren, mag einer Alice Schwarzer oder bis vor kurzem dem fadenscheinigsten Philosophen Deutschlands, Richard David Precht, gefallen haben, spielt aber doch vor allem einem pro-russischen Narrativ in die Hände.

© NEL/Klartext Verlag, Essen 2022

Was NEL nicht zu unterstellen ist. Das machen viele, viele andere seiner teils deftigen Zeichnungen deutlich, wie etwa jene, in der er Putin eindeutig seinem Platz in der Weltgeschichte zuordnet oder das „Putin-Ensemble“ zeigt, hier begegnen wir wieder dem Tod. Dass er allerdings auch kein Fan von Wirtschaftssanktionen oder der NATO ist, wird ebenso deutlich. Doch wie oben erwähnt, zeigt dies eben eine klare Positionierung und macht vor allem, dankenswerterweise, eines klar: Karikaturen sind bestenfalls gezeichnete Leitartikel und wesentlicher Teil unserer Meinungsvielfalt. 

„Und dies und das…“

Mit dem Gedanken der Vielfalt im Kopf noch ein letzter kritischer Gedanke. Wie angesprochen überschneidet sich vieles, das bringt dieses Jahr eben so mit sich. Dennoch ist der Band dezent monothematisch. Dass nun keine Karikatur zur unsäglichen Fußballweltmeisterschaft in Katar Einzug halten konnte, ergibt mit Blick auf die Veröffentlichung des Bandes Sinn (es findet sich allerdings ein feines Bild zur Quote und Frauenfußball). 

Dass jedoch bei Innenpolitik oder auch Klima, Wirtschaft und Energie keine Klara Geywitz, immerhin theoretisch Bundesbauministerin, Lisa Paus, Familie und Gedöns, oder eine, wie heißt sie noch gleich, hier die eine, ach ja, Bettina Stark-Watzinger, irgendwas mit Bildung, auftauchen verwundert dann doch. Mehr aber noch die Abwesenheit der nur bedingt motivierten Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, zumal diese sich beim Thema Krieg doch schon beinahe irgendwie anböte. Anders als die anderen genannten Ministerinnen war Lambrecht jedenfalls in den Medien sehr präsent — und auf dem Instagram-Kanal ihres Sohnes.

So bleibt unterm Strich ein durchaus unterhaltsamer, intelligenter und hochpolitischer, wenn auch unvollständiger Jahresrückblick, der papiergewordenes Zeichen von Meinungsreichtum und der Möglichkeit der Verknüpfung von Ernst und Witz ist. Bleibt nur zu hoffen, dass wir ihn Ende 2023 nicht zur Hand nehmen und wehmütig seufzend sagen: „Ach, was war 2022 doch für ein entspanntes Jahr…“

AS

NEL: NEL 2022 — Der Jahresrückblick; November 2022; mit Texten von Gerlinde Sommer und Bodo Baake; 128 Seiten, durchgehend vielfarbig; Hardcover, gebunden; ISBN: 978-3-8375-2511-3; Klartext Verlag; 18,95 €

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