Nach Katar sollte lange vor Katar sein

„Es ist vorbei, bye bye Fußballweltmeisterschaft / Es ist vorbei / Es ist vorbei, bye bye“ — einigermaßen frei nach dem Hit von Echt eröffnen wir diesen Text zur Fußball-WM der Männer erneut mit einem Song. Doch im Gegensatz zu einer weiteren Stelle in ebendiesem tut’s uns leider eben doch immer noch weh und im Kopf ist — leider? — auch nicht stumm.

Ein anti-queerer Sturm wird kommen

Ebenso ist, wie wir erst kürzlich einem Tagesspiegel-Interview mit dem ersten offen schwulen Katarer Nas Mohamed entnehmen konnten, mit einem homo- und trans*feindlichen Sturm nicht nur Katars sondern überhaupt der Emirate zu rechnen, die sich untereinander absprechen, wie der in den USA lebende Gründer der Organisation Proud Maroon angibt. Währenddessen wir uns größtenteils schon längst wieder in eine bequeme Seitenlage in womöglich überheizten Räumen begeben haben, derweil wir uns über die Doppelmoral echauffieren — immerhin kaufen wir Gas ja nun bald vom Wüstenstaat Katar ein.

Überhaupt ist die Aufregung bei vielen darüber größer gewesen, dass all diese Debatten um Politik, Anerkennung und Rechte von „Menschen“ UNSERE Mannschaft so aus dem Konzept gebracht hätten, dass sie frühzeitig ausschied. Der Gedanke, dass einige der besten Bundesligaspieler eben doch für andere Nationen auflaufen, kommt dabei niemandem. Es sind diese Spinner*innen aus Wokeistan, die unseren sicheren Sieg für ihre eigene Weltmeisterschaft im Moralismus auf dem Altar der Marginal-Ziele geopfert haben!

Besser spät als nie?

In der Tat gibt es hierbei ein Argument, das einfach wegzuwischen zu einfach wäre: Zwölf Jahre lang war bekannt, dass die WM in Katar bei extrem hohen Temperaturen ausgerichtet werden würde und hierfür große Stadien von mies behandelten Arbeitsmigrant*innen und so genannten Gastarbeiter*innen errichtet werden müssten. Teilweise ausgeführt von deutschen Firmen, die monetär überhaupt gut an den Vorbereitungen dieser unsäglichen WM partizipierten. Warum sich erst so spät und so kurz vor der WM aufregen? Und dies nicht selten aus einer Ecke des Unwissens kommend.

Ja, hier wurde manches versäumt. Aber machen wir uns nichts vor — so ist es leider häufig. Ein problematisches Thema sorgt, und das ist kein deutsches Phänomen, zu oft erst dann für Aufregung, wenn die Messe längst gelesen und der letzte Elfmeter verschossen ist. Umso wichtiger wäre es gewesen und ist es noch, dass wir eben nicht lockerlassen. Dass wir weiter hinschauen, weiter fragen.

Etwas entgegenhalten können

Doch leider ist genau dies schon zuletzt nicht mehr geschehen. Die die Spiele der Weltmeisterschaft übertragenden Sender ARD/Das Erste und ZDF tönten in einem Prozess der Reinwaschung laut, wie genau sie hinsehen wollten, über den Spielfeldrand hinaus. Davon ist so gut wie nichts geblieben. Statt in Wasser suhlte mensch sich lieber im Moder und forderte irgendwie doch immer wieder, ob direkt oder indirekt, es nun auch mal gut sein zu lassen.

Dem Rat wurde scheinbar gefolgt. Katar spielt kaum eine Rolle mehr. An Kritiker*innen der WM wird sich dafür abgearbeitet. Doppelmoral, Heuchelei und das Beschädigen deutsch-arabischer Beziehungen wird ihnen vorgeworfen. Tja, wenn wir uns, nachdem die Nationalelf raus war, lieber ausschließlich dem vorweihnachtlichen Konsumwahn statt nachhaltiger und nachhallender Auseinandersetzung widmen, kann dieser Vorwurf schwerlich effektiv entkräftet werden. 

Hinschauen statt wegschauen

Wie wäre es denn damit, würden wir einfach weiter hinschauen? In Katar, wo Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Im Iran, wo Demonstrant*innen gegen ein unmenschliches Regime hingerichtet werden. In Afghanistan, wo die Taliban brandschatzen und morden. In der Ukraine, wo Putin aus einem völkerrechtswidrigen Eroberungskrieg nach und nach einen Vernichtungskrieg macht. In den USA, wo erst kürzlich wieder die Todesstrafe vollstreckt wurde. In Sachsen, wo die Bautzener CDU im Kreistag für einen Antrag der AfD votiert hat. 

Die Fußballweltmeisterschaft der Männer ist vorbei. So sollte aber auch das Wegsehen vorbei sein. Allein rauchen, trinken und beten richten auch nichts aus. Letzten Endes ist es doch so, dass, wer fortwährend bequem wegsieht, nichts zu wollen haben sollte. Da ist die Frage: Wollt ihr das?

AS

PS: Dass übrigens der Expertenrat zur Rettung der Nationalmannschaft der Männer, den DFB-Präsident Bernd Neuendorf kürzlich vorstellte, rein männlich ist, findet Neuendorf gut — Beratungsgegenstand seien eben auch ausschließlich Männer. Wir finden es darüber hinaus famos, dass auch Karl-Heinz Rummenigge mit von der Partie sein darf, der wohl eine wesentliche Rolle in der Katar-Angelegenheit spielte. Es ist gut zu wissen, dass eine Gewissheit auch beim noch relativ neuen DFB-Präsidenten Bestand hat: Worthülse bleibt Worthülse. 

PPS: Stichwort Frauenfußball: Die Quoten dieser WM sprechen eine eindeutige Sprache, vor allem wenn wir sie mit denen der Frauen-EM im Sommer in Bezug setzen. Wer hier noch argumentiert, dass Frauen nicht dieselben Siegprämien erhalten sollten, wie die Männer, ist wohl einmal zu oft gegen den Pfosten gelaufen.

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