Ein Elend, das unseren Wohlstand ermöglicht

Der 4. Dezember ist der Gedenktag der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Während der Bergbau in Deutschland jenseits von Lüzerath nur noch eine untergeordnete wirtschaftliche oder soziale Rolle spielt – 2018 wurde mit Prosper-Haniel in Bottrop die letzte deutsche Kohlezeche geschlossen – ist das in anderen Teilen der Erde ganz anders. Australien und Kanada sind groß im Bergbaugeschäft und auch in China (Seltene Erden) oder großen Teilen Afrikas werden noch ganze Landschaften umgegraben und die Bodenschätze entnommen.

Ähnlich in Lateinamerika und in diesem Fall in Bolivien. Obwohl grundsätzlich katholisch geprägt, wacht dort nicht die Heilige Barbara über die Bergleute, sondern der „Tío“, der „Onkel“, zumindest in den Minen von Potosí. Dorthin hat sich der spanische bzw. baskische Journalist und Träger des European Press Prize 2015 Ander Izagirre aufgemacht und seine Erlebnisse vor Ort in dem Buch Der Berg, der Menschen frisst – In den Minen des bolivianischen Hochlandes festgehalten. Die deutschsprachige Übersetzung von Grit Weirauch ist im September im Rotpunktverlag erschienen.

Männer in der Grube

Gleich zu Beginn seiner aus fünf Kapiteln bestehenden ausführlichen Reportage begegnet Izagirre dem Tío, als er nämlich mit einem Kumpel in die Minen des Cerro Rico, des titelgebenden Berges absteigt – Phallussymbole, Männlichkeitsriten und höchstprozentigen Alkohol gleich zu Beginn inklusive. Der Tío soll noch einige weitere Male auftauchen, ist er doch die oberste Instanz für die überwiegend männlichen Bergarbeiter in ihrem harten Alltag.

Diesen stellt Izagirre ausführlich vor: harte Arbeiten zu Hungerlöhnen, abgetrennte Gliedmaßen und zerquetschte Bergarbeiter prägen leider den traurigen Alltag am Cerro Rico. Wer Geld verdienen möchte, muss das in den Stollen tun und das ab jüngsten Jahren, oft vom Geschlecht völlig unabhängig. Und wer viel in den Minen arbeitet, der atmet viel Staub ein. Staublunge – Silikose – ist eine der häufigsten Todesursachen in Potosí, denn solche Dinge wie Atemschutz können sich die Bergarbeiter nicht leisten.

Frauen sind alles. Am besten Blitzableiter.

Nicht nur die Bergleute jedoch werden durch die Minen geprägt. Das wahre Prekariat bilden die Frauen. Manche arbeiten als Wachen, andere verkaufen Lebensmittel in den Straßen. Von den großen Bergbaufirmen werden sie oft schamlos ausgenutzt, de facto versklavt. Von den Männern werden sie missbraucht, vergewaltigt, zwangsverheiratet, als Gebär- und Erziehungsmaschinen benutzt. Sexuelle oder geschlechtsbasierte Gewalt ist trauriger Alltag in Potosí, wie Izagirre darlegt.

Und sobald der Mann wegen Silikose arbeits- und erwerbsunfähig ist, müssen sie sich um die Pflege und den Broterwerb kümmern. Ein Entkommen aus diesem Teufelskreis scheint es nicht zu geben. Für Kinder oder Jugendliche, wie Alicia, die Izagirre an verschiedenen Stellen seines Buchs begleitet, gibt es kaum ein Herauskommen aus diesem Leben, diesem Alltag im Patriarchat.

Gefangen im System

Dieser ist, wie Izagirre sehr eindrucksvoll illustriert, in ein ganzes System der Ausbeutung und Menschenverachtung eingebettet. Ausgehend von der spanischen Kolonialherrschaft, mehreren Diktaturen und vorsichtigen Demokratieversuchen hat sich in Bolivien über Jahrhunderte ein System der Ausbeutung durchgesetzt.

Kolonialherren sowie gierige politische und wirtschaftliche Eliten (und an manchen Stellen auch die Katholische Kirche) haben ein System der Ausbeutung in Genossenschaften und schwachen (und korrupten) Gewerkschaften entstehen lassen, das unter manch einem externen Schock immer noch härter wurde. Die Leidtragenden sind am Ende die Menschen am Cerro Rico, die vielfach als rechtelose Arbeiter (und Arbeiterinnen) keine Perspektive auf ein gutes Leben haben. Von den Umweltschäden, die durch den Bergbau entstehen, wollen wir gar nicht reden.

Zinn des Alltags

Das war eine lange Zusammenfassung für ein Buch, das gerade einmal etwas mehr als 200 Seiten hat. Aber dennoch arbeitet Ander Izagirre all diese Facetten in dieser Reportage auf, beleuchtet ganzheitlich den schlimmen und vor unseren Augen zumeist verborgenen Alltag der Menschen. Obwohl Bolivien uns vielleicht primär wegen seiner reichen Lithiumvorkommen bekannt ist, die wir für Batterien und ähnliches massenhaft benötigen, ist in Potosí heute eher der Abbau von Zinn ein Thema. Das ist das Metall, das bei uns die Cola in der Dose hält oder manch ein Auto zusammenhält. (Nick Martin einbinden)

Wir sprechen dank des Lieferkettengesetzes der letzten Regierung Merkel zunehmend über die Arbeitsbedingungen in armen Ländern, aber denken dabei meist an Näherinnen in Bangladesch (auch nicht zu Unrecht). Das Leid aber, das an anderen Stellen der Welt für unseren Konsum entsteht, beachten wir kaum. Und diese Lücke – auch wenn es nur die Studie der Umstände an einem einzelnen Ort ist – schließt Izagirre mit seinem Buch ein Stück weit.

De facto-Sozialismus hat’s nicht gerichtet

Auch wenn es an manchen Stellen ein wenig redundant und sich wiederholend wirkt, diese Geschichte zu erzählen, ist mehr als bedeutend. Erstaunlich ist aber auch eine Lücke, die auf den ersten Blick kaum auffällt. Vor ein bis zwei Jahrzehnten gab es eine große „Rote Welle“ linksgerichteter Regierungen in Lateinamerika. Bekannteste Vertreter dürften Hugo Chávez in Venezuela oder der gerade in Brasilien erneut gewählte Luis Ignacio Lula da Silva sein.

Aber auch Bolivien wurde von einem linken Hoffnungsträger regiert: Evo Morales. Lange Zeit führte er das Land gut, zunehmend jedoch autokratisch, weshalb er 2019 (nicht ganz illegitim) aus dem Amt geputscht wurde. Dennoch war er fast 14 Jahre Präsident dieses ressourcenreichen Landes und wurde lange Zeit als „linker Heilsbringer“ gefeiert. Dass er in dieser langen Zeit aber dennoch die Ungleichheit im Land, das Elend in Gegenden wie Potosí, nicht beenden konnte, das behandelt Ander Izagirre in seinem Buch leider nicht wirklich. Schade.

Nichtsdestoweniger ist sein Buch Der Berg, der Menschen frisst ein aufrüttelndes Zeugnis von einem Ort und über Menschen, die in der Nahrungskette der globalen Wertschöpfung ganz unten stehen. Sich damit auseinanderzusetzen, ist unbequem, aber gerade in der Vorweihnachtszeit und während in Katar eine überaus umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft läuft, die durch den Konsum geprägt ist, absolut geboten. Dieses Buch ist also eine große Empfehlung.

HMS

PS: Zum Fest der Heiligen Barbara ist es der Brauch, Zweige von Kirsch- oder Nussbäumen abzuschneiden und einzuwässern. An Heiligabend sollen sie dann blühen. Für den einen oder die andere mag das vielleicht ein adäquater Ersatz für den Gabentisch sein – beispielsweise anstelle eines Weihnachtssterns oder eines sonstigen Wegwerfspielzeugs.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Ander Izagirre: Der Berg, der Menschen frisst – In den Minen des bolivianischen Hochlandes; Aus dem Spanischen von Grit Weirauch; September 2022; 224 Seiten; Broschur; ISBN 978-3-85869-962-6; Rotpunktverlag; 25,00 €

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