Wichtig, aber nicht alles richtig

Ginge es nach Tupoka Ogette, dann gäbe es diese Rezension zu ihrem Buch Und jetzt Du. – Rassismuskritisch leben nicht – oder zumindest große Teile davon. Gerade der Untertitel dieses Buchs, dem Nachfolger ihres in Und jetzt Du. fast schon zu häufig erwähnten Bestsellers exit RACISM, erläutert bereits zu großen Teilen Inhalt und Ziel von Ogettes neuer Handreichung, die im Penguin Verlag erschien und auf der Longlist des NDRSachbuchpreises steht. Auf die Shortlist hat es der Titel allerdings nicht geschafft.

Rassismus ist Alltag

Und jetzt Du. ist eine kleine Handreichung für den Umgang mit täglichem Rassismus. Tupoka Ogette deckt auf, wo wir – und vor allem sie – im Alltag Rassismus begegnen. Das geschieht erstaunlich häufig und ist vielen weißen Personen nicht bewusst. Schwarze Menschen – oder allgemeiner mit dem mittlerweile gängigeren Sammelbegriff Black, Indigenous and People of Color (BIPoC) – werden allzu häufig benachteiligt, weil sie „anders“ aussehen und damit bestimmt auch „anders“ sein müssen.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass und welche scheinbar unbedenklichen – oder vielmehr unbedachten – Äußerungen verletzend für BIPoC sein können. Oft geht es dabei nicht nur um Bemerkungen zum optischen Erscheinungsbild, sondern auch um bevormundendes Verhalten, das eigentlich „gut gemeint“ war. Aber, wie sagt eine Volksweisheit so schön: Gut gemeint ist das Gegenteil von Gut gemacht. Wer zum Beispiel als Weiße oder Weißer eine Schwarze Person in einer Gruppe gegen Rassismus verteidigt, unterstützt diese entweder in ihrer Abwehr oder aber – und das ist eine kritische und häufig nicht einfache Unterscheidung – entmündigt sie. Häufig können sich Schwarze Menschen nämlich ganz gut selbst verteidigen.

Rassismus ist die Fortsetzung des Kolonialismus

Ogette geht solchen Vorurteilen, Rassismen und Verhaltensweisen auf den Grund und deckt sie für uns Leserinnen und Leser auf. Gerade für weiße Menschen ist das sehr wertvoll, sind wir doch scheinbar „die Norm“, nach der sich alles oder zumindest vieles zu richten hat. So haben wir oft keinen Blick dafür, wo Schwarze Menschen auch in unseren eigenen Taten und Worten verletzt, bevormundet oder diskriminiert werden. Zu diesem Zweck leitet Ogette mit einer kurzen Geschichte des Rassismus und dem Kolonialismus, auf dem dieser in vielen Facetten beruht, ein.

Grundlagen über ihre Arbeit als Coach gegen Rassismus, Privilegien der „weißen Mehrheit“, derer sie sich und wir uns oft nicht bewusst sind, oder den Alltag als BIPoC in Deutschland legen die Basis für ein umfangreicheres Verständnis von Rassismus hierzulande. Und auch auf die „weiße Mehrheitsgesellschaft“ geht sie ein, welche scheinbar alltäglichen Dinge Schwarze Menschen für „uns“ unerwartet diskriminieren und vor allem, welche Phänomene einer „White Fragility“, also verletzende Verhaltensweisen oder Verlustängste „wir“ an den Tag legen, deckt sie sehr schön auf.

In der zweiten Hälfte des Buches nimmt sie sich konkreter Situationen an, die wir aus einer rassismuskritischen Perspektive betrachten (sollten): erst eine individuelle Perspektive für Rassismuskritik im privaten Alltag – Familie, Partnerschaft, Alltag – und anschließend einen Blick auf institutionelle Rassismen, denen wir im Alltag begegnen. Dazu gehören beispielsweise das übertriebene Streben nach vorgeblicher Diversität, aber auch an konkreten Orten wie Kita, Schule oder (Er)Lebensbereichen wie Film, Fernsehen, Literatur oder der Werbung. Erstaunlicherweise ist aber gerade das Thema Polizeigewalt kaum Teil ihrer Ausführungen. Dennoch, in überaus vielen Teilen unseres Alltags begegnen wir oft ungewolltem Rassismus und diesen macht Ogette für uns sichtbar.

Kein Zeigefinger, keine Sprechverbote

Das tut sie zumeist mit der gebotenen Sensibilität. Ogette geht es nicht darum, uns als Rassistinnen und Rassisten zu brandmarken. Es geht ihr mit diesem Buch um Aufklärung, darum, über unsere eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren und die Perspektive der Menschen einzunehmen, die sich durch Aussagen oder Verhaltensweisen verletzt fühlen könnten.

Dabei verzichtet sie prinzipiell auch auf Sprechverbote und nimmt damit ihren Kritikerinnen und Kritikern vielfach den Wind aus den Segeln. Statt uns darüber zu belehren, dass Person X Nachricht Y nicht mehr sagen dürfe, stellt sie eher in den Raum, wie Nachricht Y von Person X bei Person Z ankommt und warum X überhaupt Y sagen will bzw. muss. Der Lerneffekt bei Ogettes Lektüre ist also unglaublich hoch, lädt das Buch doch tatsächlich zur Reflexion über eigene Verhaltensweisen ein.

Rassismus gegen Weiße?

Allerdings – und damit sind wir zurück am Anfang – ist Tupoka Ogette in ihren Aussagen häufig mehr als absolut. Diese Zeilen schreibt ein weißer Cis-Mann aus der bayerischen Provinz, dessen einzig wesentliche gesellschaftliche Nonkonformität darin besteht, dass er homosexuell ist. Optisch jedoch gehöre ich der „weißen Mehrheit“, jedoch keiner weiteren marginalisierten Gruppe an (sieht man mal vom brillentragenden Jungen vom Land mit Dialekt in der Großstadt ab).

Allein das aber schränkt aus Ogettes Perspektive meinen Blickwinkel – und somit meine Urteilsfähigkeit – ein. Nicht weil ich ein schlechter Mensch wäre, sondern weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin und lebe, die von Rassismus eben nur so durchzogen ist. So stellt sie beispielsweise die Behauptung auf, dass es keinen Rassismus gegen Weiße gebe(n könne) und „jemand wie ich“ entsprechend keine aktive Erfahrung damit machen konnte.

Optisch in der Minderheit

Dem will ich nur halb beipflichten. Es stimmt, ich bin weiß und kann es mir nur bedingt vorstellen, wie es für Schwarze Menschen sein muss, hier zu leben. Vor etwa zehn Jahren aber verbrachte ich einige Zeit in Brasilien, in einem der Landesteile, der überwiegend von Schwarzen bevölkert ist. Ich habe dort viele nicht-weiße Freunde gewonnen und mich unter ihnen sehr wohlgefühlt. Unwohl hingegen ließ mich der alleinige Gedanke sein, zu wissen, dass ich optisch „anders“ bin, als die meisten Menschen um mich herum. Dass Weiße ausgeraubt wurden, weil sie für wohlhabend und „anders“ gehalten wurden, war dort leider Alltag – wie auch meine dunkelhäutigen dortigen Freunde immer wieder unterstrichen. (Kleine Randnotiz: Im Portugiesischen wird übrigens der Begriff „Preto“ – Schwarzer – als Schimpfwort ähnlich dem N-Wort hierzulande empfunden; der Begriff „Negro“ – Brauner – hingegen dient als Entsprechung zu dem gesellschaftlich akzeptierteren deutschen Begriff „Schwarzer“.)

Oder ein anderes Beispiel: Als weißer Tourist, so Ogette, solle ich doch Touristenpreise bezahlen, wenn ich in einem Land mit deutlichem Wohlstandsgefälle sei – ich könne es mir ja leisten. Stimmt, überwiegend kann ich es mir in der Tat leisten. Als ich vor etwa acht Jahren eine Reise durch Kuba machte, war ich auch – obwohl des Spanischen mächtig – eindeutig ein Ausländer. Diesen galt es seitens der kubanischen Bevölkerung zu schröpfen und das geschah häufig und systematisch und so, dass ich das allzu oft nicht abwehren konnte. Grund hierfür waren mein Aussehen, meine Herkunft und mein angenommener Wohlstand. Natürlich war ich wohlhabend genug, mir eine dreiwöchige Rucksacktour leisten zu können, aber zur Oberschicht gehöre ich keineswegs (Grüße gehen an dieser Stelle an Friedrich Merz).

Rassismus ist eine Form von Diskriminierung

Mir ist klar, dass diese Beispiele höchstens in Ansätzen damit zu vergleichen sind, was Schwarze Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft noch heute häufig zu erdulden haben. Rassismus ist eine Form von Diskriminierung, vermutlich die schlimmste von allen. Aber in der Absolutheit, wie Ogette dies tut, zu behaupten, dass weiße Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihres unterstellten Wohlstands (auch das sind nämlich Merkmale von rassistischer Diskriminierung) schlechter behandelt werden können, kann ich mit dieser These und manch anderen Behauptungen in Und jetzt Du. nicht mitgehen.

Auch manch anderes Vorgehen Ogettes ist nicht so mustergültig, wie sie dies selbst als Mittel gegen den alltäglichen Rassismus beschreibt. Bei einer Erläuterung und Kritik an dem Begriff „People of Color“ verfällt sie in den von ihr an anderer Stelle gescholtenen Whataboutism und die regelmäßigen Checklisten, die sie ihren Leserinnen und Lesern zur Hand gibt, entbehren häufig einer gewissen Erklärung oder Herleitung (oder sie wird einfach nicht deutlich).

Das ist schade, denn eigentlich ist Und jetzt Du. ein Buch, das den Zahn der Zeit durchaus trifft, sind Rassismus oder Diskriminierung jeglicher Art doch leider noch immer viel zu präsent in unserer Gesellschaft. Tupoka Ogettes Buch kann für viele Menschen ein regelrechter Augenöffner sein, sich selbst zu hinterfragen, die eigenen Verhaltensweisen und Äußerungen im Alltag, das System, in dem wir leben und die Prozesse, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind. Hier ist ihr Buch eine wichtige Stütze zur Aufklärung im Alltag.

Kein Absolutismus, keine Absolution

Leider ist die Absolutheit in ihren Aussagen aber manchmal doch zu viel. Rassismus ist schlimm und ja, ich als weißer Mann in halbwegs komfortabler gesellschaftlicher Position kann mir die Probleme von Schwarzen Menschen vermutlich nur in Ansätzen vorstellen. Als Mitglied der LGBTIQ-Community aber weiß auch ich, was Diskriminierung ist, als Reisender, der sich an manchen Orten auch ein soziales Umfeld aufgebaut hat, habe ich bereits Diskriminierung erlebt, die in meinem optischen „Anderssein“ begründet war.

Natürlich ist das nur in Ansätzen mit dem vergleichbar, was nicht-weiße Menschen hierzulande oft – zu oft – erdulden müssen, aber Tupoka Ogettes Absolutheitsanspruch trübt an manchen Stellen leider die wichtigen Inhalte ihres Buches, derer wir uns breit gewahr werden sollten. Ihr Buch ist also für die gesellschaftliche Debatte enorm wichtig, aber es ist nicht alles darin richtig.

HMS

Und jetzt Du. von Tupoka Ogette

Eine Leseprobe findet ihr hier

Tupoka Ogette: Und jetzt Du. – Rassismuskritisch leben; März 2022; Gebundenes Buch, Pappband; 336 Seiten; ISBN 978-3-328-60218-7; Penguin Verlag; 22,00 €

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