Fifty Shades of Snow

9. Dezember, O Tannenbaum in den Straßen und ich laufe schweißgebadet, mit kurzer Hose und Zuckerrohrdrink durch die Altstadt. So geschehen 2013, als ich den nördlichen Winter im teils deutschsprachigen Süden Brasiliens verbrachte. Es fühlte sich surreal an, deutsche Weihnachtslieder zu hören und nicht zu frieren, sondern in Strandnähe zu sein. Es fehlten die Kälte und der Schnee. Ganz anders hierzulande. Damals wie heute sind die Winter merklich kühler und der Regen gefriert gut und gerne zu Schnee, einer anfangs prächtig weißen Decke, die mit der Zeit zunehmend schmutziger und hässlicher wird.

Kleine Flocken ganz groß

Mit Schnee setzt sich auch die britische Schriftstellerin Nancy Campbell fabelhaft auseinander. In ihrem Buch Fünfzig Wörter für Schnee nimmt sie ihre Leserinnen und Leser mit auf eine linguistische Reise um die Welt und stellt Begriffe aus annähernd 50 Sprachen vor, die verschiedene Arten von Schnee in verschiedenen Sprachen beschreiben – oder teils auch Dinge oder Begriffe, die eine enge Verbindung zu Schnee besitzen. Traurige Ironie: Gerade zu Beginn von Campbells Recherchen erlitt ihre Partnerin Anna einen Schlaganfall und verlor ihr Sprachvermögen, das sie sich in der Zwischenzeit mit viel Mühsal wieder antrainieren musste.

Die jeweiligen Kapitel sind dabei stets nur ein paar Seiten lang – von einer bis ca. fünf Textseiten, die von Brigitte Jakobeit für den Verlag Hoffmann und Campe ganz wunderbar ins Deutsche übertragen wurden (so wie bereits Tomasz Jedrowskis Im Wasser sind wir schwerelos). Jedem Kapitel vorangestellt ist eine wunderbare Nahaufnahme einer einzelnen Flocke von Wilson Bentley, dem laut Verlag ersten bekannten Schneeflockenfotografen. In Kombination mit dem kunstvoll blau-weiß gestalteten Einband sowie den als Negativabzüge desselben gestalteten Innenumschlagseiten ist das Buch jenseits seiner Inhalte bereits ein kleines Kunstwerk für sich.

50 mal Schnee

Neben dieser hervorragenden Optik sind es aber natürlich die Inhalte, die das Buch ausmachen. Campbell hat 50 Begriffe ausgewählt, die Schnee in verschiedenen Ausprägungen beschreiben. Darunter sind so bekannte wie Englisch, Französisch und Spanisch, aber auch kleinere wie Isländisch, Lettisch oder Tibetisch sowie uns bislang kaum bekannte Sprachen wie Inupiaq (Wales-Dialekt aus Alaska), Tamazight (Nordafrika) oder Tok Pisin (Papua-Neuguinea; Anmerkung am Rande: Inupiaq und Tok Pisin kennt auch MS Word bislang nicht). Sehr schön ist vor allem, dass es viele Sprachen indigener Völker (zum Beispiel die vorgenannten oder auch Hawaiianisch oder Inuktitut aus Kanada) in Campbells Sammlung geschafft haben. Eines der Highlights außerdem: amerikanische Gebärdensprache!

Diese breite Auswahl an Sprachen hat zur Folge, dass Campbell auch sehr viele verschiedene Aspekte von „Schnee“ behandelt. Während es das eher spröde deutsche Wort „Kunstschnee“ in ihre Sammlung geschafft hat, beschreibt beispielsweise das finnische „Tyyky“ einen „dicke[n] Schnee und Frost, der sich auf Ästen und anderen Gegenständen sammelt“ oder im norwegischen Begriff „Fokksnø“, der einen „windgetragene[n] Schnee“, der sehr glatt ist, bezeichnet. Allein durch diese verschiedenen Begrifflichkeiten zeigt sich, dass Schnee eigentlich so viel mehr ist als nur eine weiße, kalte Decke in polaren oder polarnahen Regionen, sondern viele verschiedene Ausprägungen besitzen kann.

Mehr als gefrorenes Wasser

Hier verbreitert Campbell ihr Blickfeld außerdem gerne. Nicht nur der Schnee selbst, sondern auch Dinge, die mit ihm zu tun haben, nimmt sie in ihre Sammlung auf. „Barfānī chītā“ bedeutet beispielsweise auf Urdu „Schneeleopard“, „Itzlacoliuhqui“ ist das Nahuatl-Wort für den „Gott des Frostes“ oder „Pana“ ist ein Schneemesser aus der kanadisch-indigenen Sprache Inuktitut. Nicht nur der Schnee selbst, sondern das Leben der Menschen im und mit dem Schnee, das Arrangement mit dem gefrorenen weißen Nass werden so zum Objekt von Nancy Campbells Betrachtungen.

Vermutlich liegt es auch an solchen Perspektiven, dass sich erstaunlich viele Referenzen und Begriffe aus der Landwirtschaft, von Schäfern, Hirten und Bauern in ihrer Sammlung finden. Sie sind den Kräften des Schnees am meisten ausgesetzt und müssen genau beschreiben können, welche Kraft sich dahinter verbirgt, welcher Gefahr sie sich konfrontiert sehen. „Dsud“ bezeichnet zum Beispiel im Mongolischen einen „harte[n]/strenge[n] Winter“, der viele Nomaden in die Armut treiben kann. Das französische (oder auch englische) „avalanche“ wiederum steht für die Gewalt einer Lawine. Im Kontrast dazu gibt es selbstverständlich auch schöne Dinge wie den Schneelotus im tibetanischen Kapitel. Nur Pinguine fehlen leider – ein großes, aber verschmerzbares Manko.

Schnee ist Kultur

All diese Ausprägungen garniert Nancy Campbell ganz hervorragend mit einer kleinen Geschichte, einer (pop-)kulturellen Referenz, einem Gedicht aus der jeweiligen Sprache oder Kultur oder schlicht einer kleinen Umschreibung des jeweils illustrierten Begriffs. Diese so diverse Sammlung von Fünfzig Wörtern für Schnee – oder zumindest für Dinge, die mit Schnee im unmittelbaren Zusammenhang stehen – macht dieses Buch zu einer kleinen Reise um die Welt, in Regionen, bei denen mensch vielleicht gar nicht vermutet hätte, dass die jeweilige Gegend Schnee überhaupt kennt oder gar ein Wort dafür hat. Der Klimawandel trägt dazu bei, dass es solche Gegenden vermutlich zunehmend geben dürfte.

Es ist nur ein Ausschnitt aus einem ganzen Füllhorn aus noch weiteren Begriffen, aber es ist ein kleines Schmuckstück, das dazu einlädt, sich an kalten Tagen mit einer Decke und einer guten Tasse Tee vor den Kamin zu setzen. Wenn draußen die Schneeflocken fallen und drinnen das Kaminfeuer knistert, ist Fünfzig Wörter für Schnee eine mehr als passende Lektüre.

HMS

Nancy Campbell: Fünfzig Wörter für Schnee; Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit; 1. Auflage, Oktober 2021; 232 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN: 978-3-4550-1180-7; Hoffmann und Campe; 24,00 €

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