Spiele mit kritischer Tiefe

Mehr Utopie wagen, das forderte der Schauspieler Jonathan Berlin im Rahmen seines Interviews zur #ActOut-Kampagne. Überhaupt ist gern von Utopien die Rede, wenn es um gesellschaftlichen Wandel geht und darum, diesen nicht reaktionären Kräften zu überlassen; nicht jenen also, bei denen Wandel mit dem Zurückdrehen der Zeit gleichbedeutend ist. Einer utopistischen Ausgangslage begegnen wir im Film The Schoolmaster Games der Schwedin Ylva Forner, der auf dem 2015 erschienen Buch Magisterlekarna: En sodomitisk melodram von Kristofer Folkhammar basiert.

Nirgendland und Safe Space

Das neue Schulhalbjahr an der St.-Sebastian-Akademie, an der alle Schüler schwul sind, beginnt nach außen fröhlich, freundschaftlich und flott. Paul (Johan Charles) und Noak (Nino Forss) einigen sich heiter turtelnd darauf, auch in dieser Zeit wieder „offen zu sein“ und Tim (Simon Kling) und Fred (Joel Valois) können kaum voneinander lassen. Auf den Fluren wird Rollerskate gefahren, verschiedenste Outfits, Make-Up-Optionen und Persönlichkeiten werden nicht nur toleriert, sondern akzeptiert und bestätigt; geknutscht, gefummelt aber – Teenager bleibt Teenager – gegrummelt wird an allen Ecken der Akademie. 

Noak (Nino Forss), Paul (Johan Charles) und und Fred (Joel Valois) // Bild: © Salzgeber

Die Lehrer dieser Schule, inklusive des teil-titelgebenden Schulmeisters (Johan Ehn), haben dieses prächtige Nirgendland als einen Safe Space geschaffen, frei von Übergriffen und Diskriminierung. Dass jedoch auch hier nicht alles hunky-dory ist, wird schnell klar. Nicht nur, dass der Leiter sich in BDSM-Spielchen mit Charles (Christian Arnold), einem seiner Studenten ergeht, auch die Schüler untereinander agieren nicht ganz so diskriminierungsfrei, wie es wünschenswert wäre; wenn manches hier wohl auch als Kurzintervention während Referaten durchgehen könnte. Außerdem rückt das traditionelle Weihnachtskonzert samt feierlichem Einmarsch näher – was eine angespannte Konkurrenzsituation zwischen Paul und Tim aufbrechen lässt, in der Tim auch nicht vor heiklen Manipulationsversuchen zurückschreckt…

Ein schwedisches Gossip Élite?

Haben wir es hier also statt Gossip Girl mit Gossip Gay zu tun? Nur mit mehr und expliziteren Sexszenen? Der Gedanke liegt nahe, denn die Vermarktung von The Schoolmaster Games zielt ganz eindeutig darauf ab, hier eine verruchte und kontroverse Geschichte um eine Schule voller Geheimnisse, Lügen und Sexspielchen zu Markte zu tragen. Dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, den USA inklusive. Das jedoch wird weder dem Film gerecht, noch ist es unbedingt nachvollziehbar.

Traum oder Wirklichkeit? Der Schulmeister (Johan Ehn) mit einigen seiner Eleven // Bild: © Salzgeber

Sicherlich ist The Schoolmaster Games eine etwas eigene, zuweilen sperrige Mixtur verschiedener filmischer, ideeller, sexueller, künstlerischer und philosophischer Ingredienzen, die sich nur schwer in eine kurze Tagline packen lässt. Ein schwules Gossip Girl oder noch gay-isheres Élite im schwedischen Herbst und Winter ist diese Story allerdings mitnichten. 

Sich der Willkür eines anderen aussetzen

Manch eine*r mag auch mit der Ausgangslage zu kämpfen haben, dass hier eine ältere Figur aus einer Machtposition heraus eine Affäre mit einem Schützling beginnt, auch wenn es nicht so scheint, als sei diese aus einer Grooming-Situation entstanden (was soll ich sagen – ich hätte gern mit einem der Lehrer meiner alten Schule geschlafen, erst recht, nachdem ich ihm noch während meiner Schulzeit auf einem CSD im TankTop sah). Davon abgesehen, gehören derlei Liebe- und Sexeleien mittlerweile ja ohnehin irgendwie zum Standardrepertoire diverser Formate. Bei Schoolmaster Games dient es zudem noch für eine sehr besondere Eröffnungssequenz.

Tim (Simon Kling) will nicht nur im Sport der Beste sein // Bild: © Salzgeber

Etwas, das diesen Film – neben dem hervorragenden Look (Produktionsdesign: Lene Willumsen) und der hervorragenden Looks (Kostümdesign: Emma Gauffin) – prägt, sind die Vielfältigkeit der abgebildeten Charaktere und der angesprochenen Themen. So ist die Klasse, auf die wir uns hier fokussieren, immer wieder am Debattieren: Gay-/Queershame sowie Bottomshaming, HIV/AIDS werden ebenso thematisiert wie eine generationelle Verschiebung von Queerness, trans*historischer Revisionismus, Einsatz für Anerkennung und die zu führenden Kämpfe – alles irgendwie im Grundkonzept der Kritischen Theorie aka Frankfurter Schule verankert. Dass hierbei auch manch streitbare, möglicherweise ignorante oder verbitterte Haltung zum Tragen kommt, zeichnet The Schoolmaster Games aus.

Den Film nicht an der Vermarktung messen.

All dies lädt dazu ein, sich gegebenenfalls in das eine oder andere Thema zu vergraben; insofern ist dem Film von Ylva Forner auch gar nicht vorzuwerfen, dass diese Debattenpunkte eher angerissen werden. Wobei sie sich natürlich durch den Film ziehen – letztlich sind sie der Grund für diese Schule, für diese in ein Waldstück gebaute Utopie, die bereits seit geraumer Zeit zu tragen scheint. 

Das langersehnte Winterfest der St.-Sebastian-Akademie // Bild: © Salzgeber

Dass solche Zukunftsvisionen nicht unbedingt von außen heraus zerstört werden müssen, sondern ihre größten Gegner*innen in sich tragen können, auch das macht The Schoolmaster Games klar. Umso tragischer ist dies, wenn sich die Personen dessen kaum gewahr sind. Der Film ist ein Experiment, das nicht an der untauglichen internationalen Vermarktungsstrategie gemessen werden sollte, sondern besser an den teils mutigen Momenten, den tiefgreifenden Gedanken und einer Umsetzung, die zumeist erfolgreich zwischen zauberhaft, berührend, erotisierend und verstörend changiert.

JW

PS: Wieso sich niemand darum bemüht, das Buch von Kristofer Folkhammar in den englisch- oder deutschsprachigen Raum zu bringen, ist mir ein Rätsel. Zumal der Film hierzulande im Verleih von Salzgeber ist, zu denen bekanntlich auch diverse renommierte Verlage gehören. Sollte mensch sich drum bemüht haben, ist es arg bedauerlich, dass daraus nichts wurde. 

The Schoolmaster Games läuft im Oktober in der Queerfilmnachtalle Termine findet ihr hier

The Schoolmaster Games; Schweden 2021; Buch und Regie: Ylva Forner, basierend auf dem Roman von Kristofer Folkhammar; Kamera: Adam Nilsson; Musik: Mathias Blomdahl; Darsteller*innen: Johan Ehn, Johan Charles, Nino Forss, Christian Arnold, Arvin Kananian, Simon Kling, Joel Valois, Jani Blom, Elis Monteverde Burrau; Laufzeit ca. 90 Minuten; schwedische Originalfassung mit deutschen Untertiteln; Eine Produktion von Northern Fable in Zusammenarbeit mit SVT und dem Swedish Film Institute within Moving Sweden im Verleih von Salzgeber

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Hier gibt es noch den (sehr viel vorwegnehmenden) Trailer zu The Schoolmaster Games

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