Das Bunte im Grau

Aelrun Goette zeigt uns in ihrem neuesten Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ eine andere DDR mit viel Sympathie für die Menschen, die sie verkörperten, und kommt ohne Sentimentalität aus. Ein Stück weit ist es auch ihre Geschichte. Und lohnt es sich? Unbedingt!

Von Nora Eckert

Wer denkt schon bei den drei Buchstaben DDR zuerst an Mode? Die vielen Sibylle-Leser*innen von damals mit Sicherheit. Zur Erinnerung für die Nachgeborenen: Die Zeitschrift Sibylle war sozusagen die Vogue des Ostens und besaß absoluten Kultstatus. Aber sonst dürfte die Kombination eher Kopfschütteln auslösen. Doch die Mode und besonders, die ganz eigene kreative Welt, die sie überall hervorbringt, gab es auch im untergegangenen real existierenden Sozialismus – und für nicht wenige dürfte es ein Fluchtpunkt und Sehnsuchtsort gewesen sein und eben eine jener Nischen, in der die DDR-Gesellschaft angeblich am liebsten lebte.

Solche Nischen und besonderen Welten befanden sich natürlich im ständigen Belagerungszustand durch einen ganz anderen, in lauter Grautönen gehaltenen Alltag samt ideologischer Gängelung und Dauerbespitzelung durch die Stasi. An Konflikten hatte es also keinen Mangel, wie übrigens am Mangel selbst, denn die kamen zuverlässig für all jene, die Grenzen auszureizen versuchten. Die Kreativität hat das jedoch nicht behindert, im Gegenteil. Die Behinderungen haben die Phantasie eher beflügelt.

Sibylle-Chefredakteurin Elsa (Claudia Michelsen) und Designer Rudi (Sabin Tambrea) // © Ziegler Film/TOBIS/ Peter Hartwig

Das zeigt uns Goette jetzt nicht nur in ihrem Film, sondern wer will, kann das gerade auch in der ebenfalls unbedingt empfehlenswerten Sibylle Bergemann gewidmeten Retrospektive in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg eindrucksvoll sehen. Bergemann hatte sich immer wieder der Modefotografie gewidmet. Nachgerade ikonisch jenes Bild mit der sechsspurigen Autopiste, die wie eine Startrampe zum Himmel ins Nichts zu verschwinden scheint und einem tiefschwarz rauchenden Industrieschlot im Hintergrund, während vorne ein Model kühle Eleganz dagegensetzt. Für mich ist dieses Foto zugleich eine geniale Metapher für ein auf die Spitze getriebenes Bonjour Tristesse à la DDR. Und vielleicht auch noch dieser Hinweis: Im letzten Jahr erschien von Roger Melis, einem weiteren großen DDR-Fotografen, der in der Mode zuhause war, der Band Thea. Porträts und Momente im Leipziger Lehmstedt Verlag. Die Stimmungen hier wie dort wiederholen sich unentwegt. Das Auffällige und Verbindende: es wird nie gelacht oder auch nur gelächelt, als sei das ein Tabu und mit dem Sozialismus unvereinbar. Möglicherweise steckte in dem Ernst all dieser schönen, irgendwie illusionslosen, eigensinnig lakonischen Gesichter auch ein Moment des Subversiven.

Zurück zum Film: Zum Ende spricht Rudi (Sabin Tambrea), der schwule Paradiesvogel zwischen Modeszene und Subkultur, den Satz „Entweder du bist frei, dann bist du’s überall oder du bist es nicht. Dann nützt dir auch der Westen nichts.“ Das klingt im ersten Moment einleuchtend, hat aber einen Haken. Denn die sogenannte innere Emigration, dieses „die Gedanken sind frei“, war schon immer ein Zeichen für Unfreiheit. Weshalb Rudis Satz dann auf eine Art doch nicht stimmt. Was schon daran zu sehen ist, dass er sich eine ziemlich blutige Nase holt, als er mal wieder die Grenzen seines Frei-Seins überschritten hatte. Das Regime war da nie zimperlich.

Fotograf Coyote (David Schütter) und Suzie (Marlene Burow) // © Ziegler Film/TOBIS/ Peter Hartwig

Im Zentrum des Films steht die junge Schauspielerin Marlene Burow in der Rolle der Suzie. Ihre Lebensplanung scheint auf einem guten Weg zu sein, um festzustellen, nein, das Leben ist nicht planbar. Sie steht kurz vor dem Abitur und freut sich auf ihr Literaturstudium und darauf, Schriftstellerin zu werden. Doch George Orwells Roman 1984 vermasselt ihr alles. Der wurde ihr als ganz besondere Lektüre heimlich zugesteckt. Das Dumme, dass der in dem Land, das es nicht mehr gibt, verboten war und sie prompt damit erwischt wird. Also nichts mit Abitur und Studium und Schreiben, sondern stattdessen ab in die Produktion, um Zerspannungsfacharbeiterin zu werden.

Wie gesagt, das Leben ist nicht planbar. Dafür gibt es andererseits nichts Zuverlässigeres als den Zufall, was Aelrun Goettes Film auf fast märchenhafte Weise zeigt. Denn Suzie hat ein Gesicht, das jede Kamera magisch anzieht. Sie sitzt früh morgens in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit, schaut durchs Fenster ins Nirgendwo und schon drückt ein Fotograf ein paarmal den Auslöser seiner Kamera. Eines der Fotos landet in der nächsten Sibylle und Suzie macht sich auf den Weg in die Redaktion. So geschehen Entdeckungen, für die man wache Augen im Kopf braucht. Die hat der Fotograf mit dem ziemlich passenden Namen Coyote (David Schütter), vor allem aber hat er einen eigenen Kopf, weshalb die Scherereien zum Alltag dieses Unangepassten gehören.

Glänzender Auftritt von u. a. Jördis Triebel und Marlene Burow // © Ziegler Film/TOBIS/ Peter Hartwig

Suzie wird Model und weil es da noch das Kabelwerk als Arbeitergeber gibt, findet das Fotoshooting mit Suzie in ihrer eleganten Robe aus Goldlamé kurzentschlossen in der Produktion statt, umgeben von öligen Maschinen und ihren staunenden Kolleginnen in Montur (großartig Jördis Triebel als Gisela). Im Abendkleid an die Werkbank – so macht auch der real existierende Sozialismus Spaß. Für Suzie öffnet sich ein Leben, so bunt, wie sie es noch nie gesehen und erlebt hat. Darin fehlt so gut wie nichts: Abenteuer, Liebe, Lust, genauso aber Neid, Konkurrenz und Kampf. Ein einziger Taumel, den der Kameramann Benedict Neuenfels in hinreißenden, bewegenden Bildern transportiert. Aelrun Goette hat für ihren Film ein wunderbar stimmiges Ensemble an Schauspieler*innen gefunden. So abgegriffen die Bezeichnung authentisch mitunter klingen mag, hier hat dieser Begriff seine volle Berechtigung.

Und noch einmal zeigt der Film zum Ende, dass das Leben nicht planbar ist und schon gar nicht in einer Planwirtschaft, der die Menschen massenweise abhandenkommen. Denn wir befinden uns im Sommer 1989 und das Land DDR ist gerade dabei, sich selbst abzuschaffen. Gut, dass es jetzt endlich auch solche Filme über die olle DDR gibt – und noch besser, dass der Film nicht in Nostalgie verfällt, sondern den Menschen gerecht zu werden versucht. Mission gelungen.

Nora Eckert ist Publizistin, im Vorstand beim Bundesverbandes Trans* e.V. und bei TransInterQueer e. V. und Teil der Queer Media Society

In einem Land, das es nicht mehr gibt; Deutschland 2022; Buch und Regie: Aelrun Goette; Kamera: Benedict Neuenfels; Musik: Boris Bojadzhiev; Darsteller*innen: Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Claudia Michelsen, Jördis Triebel, Bernd Hölscher, Sven-Erik Bechtolf, Hannah Ehrlichmann, Gabriele Völsch; 101 Minuten; ab dem 6. Oktober im Kino

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