Stille Sehnsucht

Beitragsbild: Das Buchcover auf einer Fotografie von St Andrews, im Bild zu sehen ist außerdem Ebbe // Foto: Hans Siglbauer/the little queer review

Erst letzte Woche entschied das oberste Gericht in London, dass ein neues Unabhängigkeitsreferendum Schottlands ohne Zustimmung der Regierung in Westminster illegitim wäre. 2014 wurde ein solches abgehalten. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes hatten es sich in einem jahrhundertelangen Kampf erstritten.

Ein abstruses Land

Zum Zeitpunkt jener Abstimmung lebte ich gerade einmal drei Wochen in Schottland und es war klar, dass ich das Land bereits vor jeder möglichen Unabhängigkeit wieder verlassen haben würde. Und dennoch war ich stimmberechtigt – auch EU-Bürgerinnen und -Bürgern war für diese Abstimmung das Wahlrecht zugestanden worden. Etwas merkwürdig, wie ich persönlich finde, aber eine demokratisch herbeigeführte Entscheidung dieses Ausmaßes wird nicht ohne Abwägung zustande gekommen sein. Natürlich machte ich also von meinem Wahlrecht Gebrauch (auch wenn das hieß, dass ich mich noch auf dem Weg zu meiner dortigen Wohnung bei der Wahlbehörde melden musste, da just in der Nacht meiner Ankunft die Meldefrist ablief). Alles in der Tat ein wenig abstrus…

Nun sind die Schottinnen und Schotten aber tatsächlich für so manche Abstrusität bekannt: Männer tragen Röcke, strotzen vor Ehr‘ und Geiz und blasen in laute Säcke, um dröhnende Musik auszustoßen. Auf den Tisch kommt gefüllter Schafsmagen und am besten alles Frittierte, was mensch sich vorstellen kann. Vom Whisky lassen sich die Menschen berauschen, werfen in ulkigen Wettbewerben Baumstämme durch die Gegend und jagen irgendwelchen sagenumwobenen Monstern in ihren Seen hinterher, die sie „Lochs“ nennen. Um es frei nach einem gallischen Philosophen zu sagen, der als Kind in den Zaubertrank gefallen ist: „Die spinnen, die Schotten!“

Klischees bleiben bitte südlich des Hadrianswalls

All das und noch viel mehr macht die so liebenswerte Identität aus – oder zumindest das Klischee, das wir von ihr haben. Und all das findet sich im Wesentlichen nicht in dem Bildband mit dem schlichten Namen Schottland des Belarusen Dmitirj Leltschuk und des Italieners Sirio Magnabosco, der bereits 2015 im mareverlag erschienen ist. Herausgegeben wurde der Band von Nikolaus Gelpke und enthält zudem einen einleitenden Text der mareCheflektorin Katja Scholtz.

Diese macht in ihrem einleitenden Text ebenfalls mit dem Referendum von 2014 auf. Sie spannt den Bogen über Menschen, Traditionen und Literatur dieses mit diesen Dingen so reich gesegneten Landes (gut, Menschen noch am wenigsten). Von Robert zu Robert – Robert Burns zu Robert Louis Stevenson – hat das Land große Literaten hervorgebracht, ist in sich selbst eine große Erzählung, die mit jedem Tag um ein Kapitel länger wird.

Foto: © Sirio Magnabosco/mareverlag

Diese Kapitel haben sich Leltschuk und Magnabosco aufgemacht zu porträtieren. Jeder der beiden hatte dabei seinen eigenen Fokus. Während Leltschuk in den oft nicht nur ob des Wetters tristen Alltag der Menschen eintauchte, erfasste Manabosco für diesen Band vor allem die Weiten des Landes, die Perspektiven und die raue Schönheit von Highlands und Islands.

Ihre Kapitel wechseln sich immer wieder ab, wodurch im linksverkehrgeprägten Reißverschlussverfahren mit Ausweichbuchten ein wohliges Portrait dieses Landes entsteht, das aber in der Regel eben nicht die genannten Klischees bedient. Kein Dudelsack, dafür ein Mann, der Akkordeons sammelt. Kein Bild von Loch Ness, dafür jedoch das (deutlich imposantere) Castle Stalker im Loch Laich. Im Gegenteil, wir sehen in dem Band ganz andere Bilder und Perspektiven als die, die wir von Schottland direkt im Kopf haben.

Das einfache Leben

Leltschuk beispielsweise macht es sich zur Aufgabe, die Menschen in ihrem Alltag zu fotografieren und diesen nicht zu beschönigen. Das Wetter ist eben vielfach trist, das Leben zumeist einfach. Da gibt es Fischer und Seeleute, das betagte Tee zubereitende Betreiberehepaar einer Färberei, das bis auf die Haare aber noch lange nicht grau und fahl aussieht.

Foto: © Dmitrij Leltschuk/mareverlag

Es gibt zahlreiche Arbeitsmigranten, deren Umgang wir in Katar dieser Tage zurecht schelten und die während der Brexit-Kampagne als Prügelknaben herhalten mussten, das Land jedoch mit am Laufen halten – oder vielmehr hielten. Das Leben in Schottland ist nicht immer einfach, aber die Menschen machen das Beste daraus, wie Leltschuk so eindrucksvoll zeigt.

„Festland“ oder Insel, Loch oder Meer?

Dazwischen finden wir immer wieder die Kapitel mit Magnaboscos Landschaftsaufnahmen. Gleich zu Beginn beispielsweise sehen wir Schneelandschaften in den Highlands, zugefrorene Flussläufe und unwirtliche, kahle Gegenden. Es folgen grobkörnige Heidelandschaften, Perspektiven auf Küste, Meer und Inseln, sodass die Betrachterinnen und Betrachter teils nicht wissen, was hier „Festland“ (soweit mensch dies bei einer Insel wie Großbritannien sagen kann), Insel, Loch und Meer ist. Genau wie dies beispielsweise bei dem fantastischen Blick von der bekannten (und selbstverständlich in diesem Band nicht abgebildeten) Felsformation The Old Man of Storr auf der Isle of Skye der Fall ist.

Auf Skye hat Magnabosco selbstverständlich dennoch Bilder geschossen und beigefügt. Im Hafen von Portree beispielsweise gibt es wunderbare Fish and Chips in einem der Häuser, die der Fotograf hier ablichtet. In Stonehaven soll die bekannte und vielfach verachtete Kalorienbombe Deep Fried Mars Bar erfunden worden sein. Die Tay River Bridge ragt imposant über den gleichnamigen Firth of Tay und lässt sich heute bestimmt immer noch so schlecht befahren wie vor acht Jahren (zwischen zwei und drei Kilometern Betonplatte taten mir nur bedingt gut). Und während Queen Elizabeth II. in diesem September ihr Lebensende auf ihrem schottischen Landsitz in Balmoral Castle gefunden hat, dürfen wir uns eher mit Dunnottar Castle oder (dem doch wieder sehr bekannten) Eilean Donan Castle oder auch manch mystisch anmutenden Ruinen begnügen.

Im Nebel

Es gäbe so viel mehr zu sehen und zu schreiben über dieses Land und die beiden Fotografen konnten selbstverständlich nur eine Auswahl der Bilder und Stationen treffen, die sie besuchten. Es gäbe so vieles zu erwähnen, das sie nicht abbilden, dass wir hier gar nicht anfangen wollen. Denn das würde ihre Arbeit ein Stück weit abwerten, was auf keinen Fall passieren darf. Die Auswahl an Bildern und schlaglichtartigen Geschichten, die wir hier geboten bekommen, ist grandios und lässt die Sehnsucht nach Schottland einmal mehr aufkeimen.

Heute ist St Andrew’s Day, der Tag des Schutzheiligen der Schottinnen und Schotten, und in meiner kurzzeitigen Heimat – dem malerischen Geburtsort des Golfsports St Andrews, wo sich auch Kronprinz William und seine Frau Kate kennenlernten – wird dieser Tag vermutlich gebührend begangen, genau wie im Rest des Landes auch. Ist Schottland für viele von uns immer noch und immer wieder ein Sehnsuchtsland, dann bietet der gleichnamige Band mit den Fotografien Dmitrij Leltschuks und Sirio Magnaboscos doch eine Möglichkeit, diese Sehnsucht ein wenig zu stillen.

HMS

Dmitrij Leltschuk, Sirio Magnabosco: Schottland; herausgegebenen im Oktober 2015 von Nikolaus Gelpke; mit Texten von Katja Scholtz; fadengeheftet, Leinenband mit Schutzumschlag; 144 Seiten; ISBN: 978-3-86648-240-1; mare Verlag; 58,00 €

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