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Ästhetische Intelligenz

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Zuletzt aktualisiert am 08/08/2020

Tel Aviv: Eine der Städte schlechthin, wenn man einmal einen richtig geilen Pride erlebt haben möchte. 250 000 Menschen feierten und tanzten dort im vergangen Juni, wie auch bereits im Juni 2018, als der 20. Geburtstag zelebriert wurde. Jerusalem: Seit 2002 findet dort der Jerusalem March for Pride and Tolerance statt, mit inzwischen durchschnittlich 20 000 Teilnehmenden. In diesem Jahr wird leider vorerst nicht wie üblich gefeiert, das Corona-Virus lässt keinen wirklichen Pride zu. 

Tel Aviv hätte seine diesjährige Parade am 12. Juni abgehalten; der Jerusalem March for Pride and Tolerance fand als Pride Demonstration am Sonntag, dem 28. Juni, im Independence Garden unter strengen Auflagen zur Einhaltung der dort geltenden Corona-Sicherheitsmaßnahmen statt.

Queere Personen in all ihrer Echtheit und Vielfältigkeit

Man kann man sich aber auch den wunderbaren im Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte Hentrich & Hentrich erschienen und von der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum geförderten Band Queer in Israel zulegen. Die Menschen und Momente, die der in Jerusalem geborene und in Tel Aviv lebende Fotograf Ilan Nachum hier vom Tel Aviv Pride im Juli 2017 und Jerusalem March for Pride and Tolerance im August desselben Jahres einzufangen vermochte und festzuhalten vermag, sind in ihrer Nähe zu den queeren Menschen, ihrer Echtheit und ihrer Vielfältigkeit ganz großes Kino zum Blättern. 

Schon das Cover verspricht ein besonderes Bild-Erlebnis ganz eigener Art und dieses Versprechen wird auf den folgenden 168 Seiten und insgesamt 84 Fotografien auch eingelöst. Gleich das erste Bild zeigt uns die Regenbogenflagge vor einem Gebäude, auf dessen Dach ein Polizeibeamter mit Kamera steht. Kein Feiern ohne ausreichenden Schutz – zu diesem Verhältnis, diesem Spannungsfeld, werden wir später noch kommen. Diesem Bild folgt ein auf einem Truck aufgenommenes Foto, welches uns bereits mitten in die Party-Parade wirft. So bildet dann auch der erste und größere Teil des Bandes die in der Sonne schillernd feiernden Teilnehmer.innen des Tel Aviv Pride ab. Eine bunte Mischung von Alter, Geschlecht, Outfits, ja Familienkonstellationen. Allen gleich ist allerdings: Ausgelassenheit und Freude. 

Queer in Israel // Jerusalem March for Pride and Tolerance // © Ilan Nachum

Auch der Bildteil zum Jerusalem Pride macht wieder mit einem Foto auf, das uns Polizeibeamte zeigt, die an einer Absperrung Besucher kontrollieren – eine absolut gebotene Notwendigkeit. Doch auch hier geht es auf den folgenden Seiten bunt und abwechslungsreich zu, wenn auch etwas weniger ausgelassen. Dass die Veranstaltung in Jerusalem allerdings auch um einiges politischer als die Pride-Parade in Tel Aviv ist, dürfte nicht nur durch den Namen Jerusalem March for Pride and Tolerance einleuchtend sein, sondern auch schon durch die, wenn auch nur etwa 70 km und eine Autostunde voneinander entfernt liegenden, sehr unterschiedlichen Lebenswelten beider Städte. Dennoch wird natürlich auch in Jerusalem bis in die späten Abendstunden gemeinsam demonstriert, gefeiert und beieinander gesessen.

Herausgeberin Dr. Nora Pester hebt in ihrem lesenswerten Vorwort dann auch direkt die auf unterschiedliche Weise bedeutende politische Komponente der beiden Pride-Veranstaltungen hervor. Zwar sei Israel das einzige Land im Nahen Osten, das derart viele Rechte für LGBT*-Personen kenne, aber das „Spannungsfeld zwischen säkularer Zivilgesellschaft und dem Selbstverständnis eines jüdischen Staates“ (S. 5) müsse dabei stets betrachtet werden. 

So geht es dann auch in jedem der folgenden, jeweils in deutscher und englischer Sprache geschriebenen, Beiträge mal mehr, mal weniger um eben dieses Spannungsfeld. Und das verleiht dem Bildband einen zusätzlichen Mehrwert und gleichsam eine gewisse Dringlichkeit. 

Säkulare Zivilgesellschaft vs. Ultra-Orthodoxie

Los geht es mit einem Essay von Sarah Pohl zur rechtlichen Situation von LGBTQ*-lern in Israel. Dieser verschafft den Leser.innen einen kompakten Überblick über die Entwicklung und verdeutlicht noch einmal, dass Israel nicht nur als einzige Demokratie im Nahen Osten äußerst fortschrittlich ist, was die Rechte queerer Menschen angeht, sondern auch im Vergleich zu vielen europäischen Staaten (auch Deutschlands, wie man am Beispiel der Blutspende sehen kann), wie auch den USA. Sehr schön ist auch, dass Pohl den Leser.innen auch das hebräische Wort für Non-Heterokonformität in Schrift wie auch in Lautschrift nahebringt.

Queer in Israel // Jerusalem March for Pride and Tolerance // © Ilan Nachum

Dem ersten schließt sich ein zweiter, ebenfalls von Sarah Pohl verfasster, Essay zum Thema „Queere Familienmodelle und Elternschaft in Israel“ an, in welchem sie ebenfalls wieder so kompakt wie eindrücklich die Entwicklung der titelgebenden Thematik beschreibt. Besonders hervorzuheben ist, wie verständlich sie die komplexe Situation des speziellen Gerichtswesens in Israel zu erklären vermag. Hier untersteht das Familienrecht der jeweiligen Religionsgemeinschaft, welche zu eher restriktiven Urteilen neigt, was oft im Gegensatz zur Rechtssprechung des Obersten Gerichts steht. Dieses Spannungsfeld ist hochinteressant. 

Um eben dieses Spannungsfeld dreht sich zu einem nicht unwesentlichen Teil auch der nachfolgende Beitrag zum Jerusalem Open House for Pride and Tolerance (kurz: JOH) – einer nicht nur im Nahen Osten, sondern in seiner Wirkkraft und Bedeutung beinahe weltweit einzigartigen Einrichtung, die auch dem Autoren dieser Zeilen nicht unbekannt ist. Im Grunde erläutert der Beitrag die Geschichte des JOH, zeigt die verschiedenen Angebote auf, benennt aber auch deutlich die Probleme, mit der sich die Einrichtung regelmäßig konfrontiert sieht. Ein ganz wesentlicher Bestandteil des JOH ist die Open Clinic. Hier können nicht nur jüdische Israelis, sondern auch Israelis anderer Religionsgemeinschaften, wie auch im Gazastreifen und anderen palästinensischen Gebieten lebende Menschen zur medizinischen Beratung vorstellig werden. Ebenso werden u. a. gratis und anonyme HIV-Tests angeboten. Die Anonymität solcher Tests ist in israelischen Krankenhäusern i. d. R. nicht gegeben, was der Open Clinic eine besondere Bedeutung verleiht. 

„Diversität wird in konservativen und streng religiösen Kreisen immer noch als inner-jüdische Bedrohung angesehen und spaltet die Gesellschaft in pluralistisch-säkulare sowie homogen-religiöse Teile.“

Aus: „Jerusalem Open House for Pride and Tolerance“; es gilt im Grunde aber für den gesamten Band.
Queer in Israel // Tel Aviv Pride // © Ilan Nachum

Ebenso organisiert das JOH den bereits erwähnten Jerusalem Pride, welcher sich großer Popularität erfreut, siehe auch hierzu die Bilder in Queer in Israel. Seit es dort 2005 zu der brutalen Messerattacke eines ultraorthodoxen Juden auf drei Paradeteilnehmer kam, dürfte der Pride hierzulande vielen Menschen eher aus tragischen Gründen etwas sagen. Der Täter erhielt anschließend eine Haftstrafe von zwölf Jahren. Nach seiner vorzeitigen Entlassung verletzte er auf der 2015 stattfindenden Parade die 16-jährige Shira Banki tödlich; erneut war seine Waffe ein Messer (vgl. S. 73/74). Das JOH rief ein Augenzeugenprogramm ins Leben.

Von diesen tragischen, nicht vorherzusehenden, Vorfällen einmal abgesehen bildete das JOH schon einen sichren Platz – Safe Space – bevor die Benutzung des Begriffes woke war. Auch die vielen, vielen, vielen anderen Projekte und Betätigungsfelder, wie auch die Finanzierung und Bedeutung der Organisation, werden in dem lesenswerten Beitrag beschrieben.

Pinkwashing vs. Pinkwatching

Nicht weniger politisch geht es in den beiden teils sehr gegensätzlichen Beiträgen der israelischen Feministin und LGBT-Aktivistin Noa Golani und des Journalisten Frederik Schindler weiter. Neben der Beobachtung Golanis, die sich als „Queer und Zionistin“ (S. 142) beschreibt, dass queere Menschen eben keine gleichberechtigten Bürger in ihrem Land Israel seien und „die israelische Realität kompliziert ist“ (ebd.), die wohl auch Schindler so annehmen dürfte, ergeben sich in einem ganz wesentlichen Punkt erhebliche Unterschiede: dem sog. Pinkwashing, welches dem Staat Israel immer wieder zum Vorwurf gemacht wird. Dieser bedeutet im Grunde, wenn es passt, schmücken der Staat und auch eine konservative Regierung sich mit allem Queeren, im Grunde aber agiere man an den Befindlichkeiten queerer Menschen vorbei. Quasi: Nicht ganz Israel ist Tel Aviv. 

Queer in Israel // Tel Aviv Pride // © Ilan Nachum

Frederik Schindler beschreibt ausführlich die Lage von LGBTQ*-lern in den palästinensischen Gebieten, anderen Ländern des Nahen Ostens, speziell auch den Maghreb- und Golf-Staaten. Da reden wir dann von Haftstrafen, Hinrichtungen, Ehrenmorden, wie auch in Gebieten in denen Homosexualität theoretisch entkriminalisiert ist, von gesellschaftlicher Ächtung sowieso; Zwangsvergewaltigungen und dem Verbot des Besuches von Universitäten für homosexuell lebende Personen. Er vergisst dabei aber auch nicht zu erwähnen, dass auch Israel kein „Schwulenparadies“ sei.

Wo Schindler also einen recht weiten Blickwinkel einnimmt, um das sog. Pinkwashing zu beurteilen, und in diesem vor allem queere anti-isralische, anti-jüdische und antisemitische Ressentiments ausmacht, schaut Golani vielmehr aus dem Inneren des Landes auf die Thematik und befindet es aus ihrer, wie sie anmerkt, eigenen Sicht als real. So kritisiert Schindler dann auch, dass „von den selbsternannten ‚Pinkwatchern‘ […] allerdings nichts über die skandalösen Zustände für LGBT-Personen in anderen Ländern des Nahen Ostens zu hören“ sei, „lediglich der einzige mehrheitlich jüdische Staat steht wieder unter Beschuss“ (S. 131). Diese Erfahrungen decken sich übrigens weitestgehend mit den von mir gemachten.

Eine rührende Geschichte von Toleranz

Der emotionalste Beitrag dieses an Gefühlen nicht armen Bandes ist sicherlich der auf Gesprächen von Nora Pester mit dem in Berlin lebenden, aus Israel stammenden, Fotokünstler Benyamin Reich basierende Text „Der sinnliche Blick kommt von innen“.

Reich spricht über seine in Bnei Brak lebende chassidische Familie; seinen Vater, der, so möchte man zuerst denken, ausgerechnet noch Rabbiner einer ultraorthodoxen Gemeinde ist; darüber wie Homosexualität natürlich kein Thema sein konnte; wie er sich als Außenseiter fühlte; wie er rebellieren wollte. 

Queer in Israel // Jerusalem March for Pride and Tolerance // © Ilan Nachum

Aber er spricht auch darüber, wie seine Eltern ihn nicht ausgrenzten als er sich für ein anderes Leben, also eines außerhalb der Gemeinde entschied und wie er und sein Vater es schafften und schaffen, über die Kunst einen Weg der Kommunikation zu finden. Das rührt durchaus.

An dieser Stelle möchte ich den Leser.innen nicht zu viel vorwegnehmen, nur so viel, dass es sehr interessant ist, wie Reich den Unterschied der (ultra-)orthodoxen Männergesellschaft anderen männlich dominierten Gemeinschaften gegenüberstellt (vgl. S. 96) und auch wie er die Bildsprache der Heiligen Schriften im Kontext des eigentlichen Widerstreits von Erotik und Religion beurteilt (vgl. S. 97).

Die israelische Armee und LGBTQ*-ler

Ein Beitrag von Arne Sharuz Shalicar, der in Berlin-Wedding nicht ganz unkompliziert aufwuchs, schließlich nach Israel auswandert, dort, mit Unterbrechungen, in der israelischen Armee bis 2016 zum Major aufstieg und seit 2017 Mitarbeiter der israelischen Regierung im Ministerium für Nachrichtendienste ist, schließt den Essay-Teil des Bandes ab.

Hier haben wir es dann auch mit dem irritierendsten Beitrag zu tun, was nicht etwa am Thema der israelischen Armee (Israel Defense Forces, kurz: IDF) liegt, sondern an der Art wie der Beitrag geschrieben ist. Auch wenn der heterosexuelle Shalicar bereits zu Anfang schreibt, dass er in seiner Kindheit und Jugend im „Wedding weder Schwule noch Lesben, Bi- oder Transsexuelle“ (S. 154) kannte, so hat man doch das Gefühl, dass er eine gewisse Distanz nie ganz abgelegt hat. So erklärt er zwar, wie toll es sei, dass alle gemeinsam dienen würden und beschreibt auch zwei, drei Beispiele unterschiedlich gleichgeschlechtlich lebender und liebender Soldat.innen. Das wirkt aber doch eher distanziert, eine Distanz die sich allerdings gern ergibt, wenn eine heterosexuelle Person im Plauderton über queere Menschen und homosexuelle Begegnungen schreibt.

Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass er seiner Freude Ausdruck verlieht, dass es bspw. mit dem Militärstaatsanwalt Sharon Afek (der sich aber auch erst 2017 outete) seit 2018 den ersten offen schwulen General im IDF gibt, wo „es in den meisten Armeen der Welt weiterhin eine Ausnahme ist, dass schwule und lesbische Soldaten und Soldatinnen, geschweige denn hochrangige Offiziere, sich outen“ (S. 160). Ja, ich schaue Dich an, Deutsche Bundeswehr! 

Queer in Israel – ein ästhetisches & wichtiges Buch

Cover Queer in Israel // Foto © Ilan Nachum

Ob nun Tel Aviv Pride oder Jerusalem March for Pride and Tolerance, die Fotografien von Ilan Nachum vermitteln einen wunderbaren und absolut authentischen Eindruck dieser beiden so unterschiedlichen Pride-Veranstaltungen. Und egal, ob ihr schon einmal auf einer der beiden gewesen seid, vielleicht gar in diesem Jahr bereits in Tel Aviv mitgefeiert haben wolltet, oder auch nicht; im Grunde auch egal, ob euch dieses ganze Pride-Parade-Tra-Tra gar nicht so sehr interessieren mag – der Bild- und Essayband Queer in Israel ist eine absolute Empfehlung. Seine Vielschichtigkeit in der Abbildung und Darstellung verschiedener queerer Lebenswirklichkeiten in einer ohnehin vielseitigen, multireligiösen Gesellschaft übertragen ein ganz besonderes Gefühl an die Betrachter.innen, bzw. Leser.innen; ein ganz wunderbar aufgemachter Beitrag zur Thematik Gesellschaftspolitik in Israel. 

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Pester, Nora Dr. (Hrsg.) & Nachum, Ilan (Fotografien): Queer in Israel; 1. Auflage 2018; 168 Seiten; 84 Abbildungen; gebunden; ISBN: 978-3-95565-282-1; Hentrich & Hentrich; 24,90€

Beitragsbild: Queer in Israel // Tel Aviv Pride // © Ilan Nachum

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