Betörende Widersprüche

Beitragsbild: Das Buchcover auf einer Fotografie von Jaffa und der Tel Aviver-Skyline; Symbolbild

Wenn du, nachdem du dich schon gefreut hast, dass der Schutzumschlag so schön fest und dick ist und der passend beigefarbene Leinenband dich schon ein wenig angeturnt hat, das Buch aufblätterst und das erste Bild dich direkt im besten Sinne erschlägt und prompt in die Stadt mit ihren vielen verschiedenen Facetten, ihren Widersprüchen und ihrem selbstverständlichen Mut, diese nicht zu kaschieren, wirft, kann es besser eigentlich nicht werden. Es ist definitiv der perfekte Start eines ortsbezogenen Bandes. 

Selbstständiges Erschließen

So beginnt der im mareverlag erschienene Bildband Tel Aviv von Fotograf Jan Windszus mit einer Aufnahme des Strands von Jaffa, einer selten von Touristen und, wie im Appendix steht, jüdischen Israelis besuchten Location (friedliche Koexistenz und so, wir kommen drauf zurück). Im Hintergrund sehen wir einigermaßen moderne Hochhäuser neben historischen massiven Bauten und hier und dort manch eine Palme (derer es übrigens immer weniger werden, Tel Aviv wächst und wächst und diesem Wachstum fallen natürlich auch Bäume zum Opfer, auch wenn hier und dort neue Haine angelegt werden; in zehn Tagen ist übrigens das jüdische Neujahrsfest der Bäume: Tu biSchevat). Die nächtliche Aufnahme, die wie versehentlich eine Person in der Brandung im Mittelpunkt hat, vermittelt perfekt den Eindruck von Nähe und Unbekanntheit.

Cornel Pollak in seiner altehrwürdigen Buchhandlung, die er von seinem Vater übernahm // © Jan Windszus

Es folgen ein Vorwort des Herausgebers Nikolaus Gelpke und für die Geografie-Nerds unter uns eine Karte, die schon einmal die wesentlichen Stationen des Bandes markiert. Dennoch sei es empfohlen diese erst einmal nur oberflächlich zu betrachten und sich dann direkt den stimmungsvoll ausgeleuchteten Fotografien zu widmen. Dies auch ohne vorab im erwähnten Anhang (Texte von Jan Keith) zu schauen, welche Aufnahmen wo entstanden. Raten bringt Freude, es macht vor allem bewusst, dass diese Stadt mit ihren vielen Welten nicht so einfach zu definieren ist.

Ausgezeichnete Widersprüche

Ein natürlich mittlerweile in die Jahre gekommenes Bauhaus-Gebäude (das „Ship House“) in der Dämmerung nebst einer seltsam deplatziert scheinenden Straßenlaterne wirkt wie ein Close-Up des sich anschließenden Panoramas. Überhaupt wechseln die Szenen beständig zwischen sehr dichten und sehr distanzierten Bildern. Wir sehen zwei am Strand kuschelnde Frauen, spüren die Verbundenheit und Vertrautheit, um an anderer Stelle eine Aufnahme zu finden, die ein Strandpanorama zeigt, das Hektik und Anonymität vermittelt. 

Der sehr eindrückliche Friedhof von Bnei Berak // © Jan Windszus

Bilder junger orthodoxer Juden (hier verlassen wir dann Tel Aviv und gehen nach Bnei Berak, zum Bezirk Tel Aviv gehörend) beim Talmudstudium stehen im Kontrast zu einer jungen Frau, die wie zufällig gefunden auf einem Gartenstuhl abgelichtet wurde oder dem Surflehrer, beide vor brutalistischer Kulisse. Da braucht es keine Panorama-Aufnahmen, um diesen vermeintlichen Widerspruch von Sonne und Wärme zu hartem, verwitterndem Beton zu verdeutlichen.

Queeres Leben

Auch erzählt der Band Geschichten, die wir uns natürlich zunächst einmal selber basteln und dann mit den im Anhang befindlichen Anmerkungen abgleichen können. Wie jenes Bild von Rabbi Mendel Tobias, der mit seinem Vater 1963 vor Rumäniens Securitate floh. Tel Aviver Geschichten, sind eben auch oft Geschichten von Flucht. Etwas, worauf auch Marko Martin in seinem den Band begleitenden und wirklich ausgezeichneten, auf die Queerness Tel Avivs verweisenden, wenn auch nicht von Pinkwashing getriebenen, Essay hinweist. 

Und da sind wir bei der erwähnten „friedlichen Koexistenz“, die nach wie vor Fragen aufwirft. Immerhin können wir uns hier kaum vorstellen, wie es denn gehen sollte, dass sich Juden, bzw. jüdische Israelis, und Araber, bzw. palästinensische Israelis, auf ein Mit- und oft Nebeneinander einigen. Trotz allem Dissens. Zitieren wir Marko Martin: „Und gar nicht selten passiert dann etwas, was nicht nur im übrigen Israel und in der Region, sondern inzwischen auch ‚bei uns‘ im Westen Seltenheitswert haben dürfte: ein plötzliches Innehalten der Kontrahenten, ein selbstkritisches Prüfen der eigenen Argumente und des eigenen Referenzsystems […]“

Keine Märchenstunde

So, get that, Sally Rooney…  Uhm, wo waren wir? Ach ja – Koexistenz. Dennoch spart Tel Aviv Konflikte nicht aus. Armut wird gezeigt, prekär wirkende Akademiker*innen, die unter dem „Umbau zum Boutiqueviertel“ leidenden Fischer Jaffas oder Flüchtlinge aus Afrika, die auch in Tel Aviv „von der Polizei oft argwöhnisch kontrolliert werden.“ Der Band verkauft also keine Märchen und gerade dadurch stiftet er Interesse. 

Jan Windszus // © Ali Ghandtschi

Er zeigt uns die Stadt, oder passender die Metropole, fokussiert sich dabei nicht nur auf die bauhäusliche „Weiße Stadt“, wie es natürlich verführerisch ist, sondern zeigt die Menschen, deren Leben, auch die Gentrifizierung. Er zeigt einen Programmierer, der in einem von Oskar Kaufmann, dem ungarisch-jüdischen Architekten und Erbauer der Berliner Volksbühne und des Renaissance-Theaters, gebauten Haus lebt, schafft so Bewusstsein für Geschichte. Bringt uns etwas über die Bedeutung der verschieden Religionen bei (es gibt eine ganz wunderbare Aufnahme der Sankt-Peter-Kirche nebst einem jüdisch-orthodoxen Mann mit Gebetsriemen), auch etwas über Debattenkultur und Fokussierung.

Kulissenartige Schönheit wird immer wieder vom Alltag gebrochen. Ja auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Es sind die Kontraste, die Tel Aviv auszeichnen. Sie sind es, die diesen Band ausgezeichnet machen. Es passt, dass Jan Windszus schließlich für Offenheit und Vertrauen der von ihm Portraitierten dankt, beides ist spürbar und die Essenz dieses Bandes.

AS

PS: Hier. Einfach hier. Bitteschön.

Jan Windszus (Fotografie): Tel Aviv; Herausgeber: Nikolaus Gelpke; mit einem Essay von Marko Martin; Gestaltung: Anna Boucsein; 132 Seiten; ca. 80 Abbildungen; Hardcover mit Schutzumschlag und Leinenband; Format: 30 x 26 cm; ISBN: 978-3-86648-638-6; mareverlag; 58,00 €

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