„Diesmal gab’s was zurück… Neue Juden.“

Er gehörte zu den zehn meist gesehenen Filmen in der ARD-Mediathek im Jahre 2020: Masel Tov Cocktail, der knackige Kurzfilm vom Regie-Duo Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch um den 16-jährigen Dmitrij „Dima“ Liebermann, der seinem Mitschüler Tobi Püttner eines Tages auf der Schultoilette mal ordentlich in die Fresse haut und ihm dabei die Nase bricht. Tobi hatte zuvor einen Witz über das Sterben der Juden in den Gaskammern während der Nazidiktatur gemacht. Da Dima sich einer Entschuldigung verweigert, wird er kurzerhand für eine Woche von der Schule suspendiert.

Die Entschuldigung soll aber folgen, sonst war es das mit der Abifahrt und das wäre auch Mist. Auf Feiern, Saufen und den Dingen, die eben dazugehören, freut er sich doch und seine Freundin Michelle allein zu schicken wär eben auch doof. Also macht Dima, der Sohn russischer Einwanderer, sich auf, um Tobi zu finden und sich entschuldigen. Dabei begegnet er allerlei Personen und Gelegenheiten, mit Vorurteilen und manch einer Wissenslücke aufzuräumen. 

Dimitrijs Eltern kennen kein Pardon: Er muss sich für den Faustschlag bei seinem Mitschüler Tobi entschuldigen. Wenn nicht, fällt die Abifahrt für Dima in Wasser. // © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

Der dreißigminütige Masel Tov Cocktail war nicht nur bei den Zuschauer*innen beliebt, sondern auch bei Kritiker*innen und diversen Jurys, räumte er im vergangenen Jahr doch eine Menge Preise ab. Etwas, das Co-Regisseur Khaet ein wenig skeptisch sein lässt, wenn alle sagen: „Ja, das ist ganz toll!“, wie er der Jüdischen Allgemeinen in einem Gespräch verriet

Wieso nicht mal Gefilte Fisch statt Holocaust?

Natürlich freue er sich, dass der Film gemocht wird und ebenso, dass viele jüngere Leute sagen, sie hätten durch ihn mehr gelernt als in der Schule – Protagonist Dima durchbricht die vierte Wand, redet mit uns und erläutert beispielsweise, was Kontingentflüchtlinge sind (Autor Dmitrij Kapitelman kam übrigens auch als solcher nach Deutschland), wie schwierig es ist, immer in die Opferrolle gesteckt zu werden („Wieso eigentlich immer Holocaust? Warum nicht mal Gefilte Fisch?“) und mahnt mit Blick auf die AfD: „Gucken Sie nach vorne und bewältigen Sie die Gegenwart.“ – sieht aber auch die Gefahr der „Philosemitismusfalle“. Dieser wolle er sich entziehen, indem er Identifikationsfiguren schaffe, die dieses nicht bedienten. Bei Masel Tov Cocktail ist ihm das gelungen und das mag eben zugleich einer der Gründe des Erfolgs sein.

Es sind ja oft nicht nur die zu wenig Dargestellten, die sich ein Bild abseits des Klischees wünschen, sondern eben auch die potenziell Zuschauenden. Ein Thema, das derzeit auf verschiedene Gruppen bezogen diskutiert wird, inklusive der wachsenden Erkenntnis, dass manche Gruppen sich gar überschneiden. Queere Juden, die sich nicht jeden Morgen erst einmal über die Shoah und anschließend ihre Sexualität definieren bevor sie dann zum Gebet gehen – es soll sie geben. 

Arkadij Khaet (re.) und Mickey Paatzsch (li.) bei den Dreharbeiten. // © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

Anyway: Masel Tov Cocktail – Der Film ist noch bis zum 14. Februar um 5:30 Uhr morgens in der ARD-Mediathek zu sehen und ist hiermit noch (einmal) empfohlen. Als Dima ist Alexander Wertmann, der hier sein Spielfilmdebüt gibt und an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch (HfS) studiert, ganz wunderbar und authentisch in der Rolle des frustrierten, unzufriedenen und aufklärenden Schülers. So sagte er auch in einem Gespräch, dass er sich mit der Rolle identifizieren könne: „Da ist jetzt endlich mal eine Perspektive gezeigt, die erklärt, wie ich mich fühle als Jude in Deutschland.“

Masel Tov Cocktail, Deutschland 2020; Regie: Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch; Buch: Arkadij Khaet und Merle Teresa Kirchhoff; Kamera: Nikolaus Schreiber; Musik: Andreas Skandy; Darsteller*innen: Alexander Wertmann, Mateo Wansing Lorrio, Gwentsche Kollewijn, Liudmyla Vasylieva, Vladislav Grakovskiy, Moisej Bazijan, Steffen C. Jürgens, Petra Nadolny; Eine Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg GmbH in Kooperation mit SWR und arte

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