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Tod und Vergangenheitsbewältigung im Saarland (nein, es geht nicht um die deutsch-französische Freundschaft)

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Zuletzt aktualisiert am 26. April 2020

Es ist ein Kreuz – eben noch Erbe des Familienimperiums und im nächsten Moment schon tot, schön blöde. Auch ein Kreuz ist es, wenn der tote Erbe ein Arschloch gewesen ist, über das selbst dessen Frau sagt „Gab es jemanden der ihn mochte? Das ist wohl eher die Frage“, dessen älterer Bruder wegen seiner „Weichheit“ (aka Homosexualität) übergangen wurde, der spielsüchtig war und dazu noch seinen Schwanz nicht unter Kontrolle hatte. Ach, außerdem, mehr Kreuz, die nicht aufgearbeitete Vergangenheit des Familienunternehmens während der NS-Zeit, was irgendwie in Verbindung mit dem vermeintlichen Unfalltod des Vaters des Opfers steht.

Nicht nur Jesus hatte es an Ostern am Kreuz

All diese Kreuze (und noch einige mehr) müssen nun die beiden Hauptkommissare Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov), in ihrem ersten Fall Das fleißige Lieschen tragen. Die beiden Kommissare kennen sich noch aus Kinder- und Jugendtagen und teilen eine nicht unproblematische Vergangenheit – mehr Kreuze – miteinander. Eines Tages verschwand Adam, doch nun, fünfzehn Jahre später, ist er holterdiepolter wieder da und wird Leo Hölzer als neuer Partner zur Seite gestellt. Hölzer hat derweil ein internes Ermittlungsverfahren am Hals, weil er während eines Einsatzes nicht von seiner Schusswaffe Gebrauch machen wollte (Kreuz!). Dadurch hat er es bei seinen beiden Kolleginnen Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) nicht leicht, die ihn kollegenschweinig finden und sich deswegen direkt mal kolleginnensäuig verhalten, was auch ein kleines Kreuz ist, aber ein unterhaltsames, weil Adam eine ziemlich coole Sau ist.

Hauptkommissare Jung & Sexy bei der Arbeit: v.l. Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) © SR/Manuela Meyer

Da ist er also, der neue, völlig veränderte Saarbrücker Tatort (an einem Ostermontag!). Und ich gehe da völlig wertfrei und blind ran, denn ich habe keinen einzigen der vorhergehenden Tatorte von der Saar gesehen. Nach allem was ich aber inzwischen über die Vorgänger gehört habe, wundert es mich, dass sie überhaupt jemand jenseits von Püttlingen gesehen hat. Aber das ist hier nicht Thema. Thema ist ein Mord und wie dieser Mord Ausschlag für Konfrontation und Bewältigungsversuche der Vergangenheit gibt. 

Denn auch wenn es zuerst ganz stark danach aussieht, als sei der übergangene, homosexuelle Bruder des Toten Konrad Hofer (glaubhaft bang: Moritz Führmann) der Killer, er war wohl der Letzte der ihn sah, dazu ein blutiges Hemd, wackliges Alibi, all sowas. Doch, hmm, irgendwie ist da mehr. Zum Beispiel ist der Vater der beiden bei einem Unfall, oder so etwas Ähnlichem, ums Leben gekommen. Just zu der Zeit, als er verfügen wollte, dass das Familienunternehmen sich mit der ollen Zwangsarbeiter-Situation während des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzen solle (alle winken jetzt mal der „Kapitalistin“ Verena Bahlsen). Das wiederum gefiel dem Familienpatriarchen und strammen Wehrmachts-Fanclub-Vorsteher-Opa Bernhard Hofer (von furchteinflößender Kälte: Dieter Schaad) nicht sonderlich. Und was ist eigentlich mit der nahewohnenden Lida Tellmann (toll, toll, toll: Marie Anne Fliegel)? 

Entspannte Familienfeier bei den Hofers: v.l. Erik Hofer (Gabriel Raab), Rosa Hofer (Jana Klinge), Konrad Hofer (stehend Moritz Führmann) und Gisela Hofer (Marita Breuer) © SR/Manuela Meyer

Wenn die Vergangenheit die Gegenwart besucht

Da ist also zum Einen die Aufarbeitung der Vergangenheit dieser nun erneut geschrumpften Familie. Doch auch für Schürk & Hölzer gibt es einiges zu klären, nicht nur, dass Adam damals sang- und klanglos verschwand. Die beiden teilen noch ein helldunkles Geheimnis, das sie geprägt hat. Schürk sieht sich dazu noch mit seinem im Koma liegenden Vater konfrontiert, der ihn als Jugendlichen traktiert und körperlich misshandelt hat, so als Elite-Soldaten-Konzept. 

Ein sehr feiner Moment ist eine verzögerte Begrüßung zwischen Adam und Leo unter vier Augen, das strahlt Freundschaft und Vertrauen aus. So scheint auch die Chemie zwischen Daniel Sträßer und Vladimir Burlakov zu stimmen, sie vermitteln glaubhaft die alten Jugendfreunde, die sich nun in einer neuen Situation zwar aneinander reiben, aber wissen, dass aufeinander Verlass ist. Überhaupt sind es, neben aller Probleme, zwei interessante, recht ausgereifte Charaktere und es macht Spaß ihnen bei ihren unterschiedlichen Ermittlungsansätzen zuzusehen (und dass beide überhaupt sehr hübsch anzusehen sind, ist natürlich auch nicht von Nachteil). Etwas einseitig und eher als Stichwortgeberinnen fungierend sind die beiden Hauptkommissarinnen Baumann und Heinrich, da kommt hoffentlich noch mehr. Wäre sonst auch Verschwendung von Talent.

Der Fall als solcher ist durchaus spannend, mein ganz eigenes Problem zumindest die Identität der tötenden Person oft schon sehr früh zu erahnen, geschenkt. Wenn der Weg zur Aufklärung passt, ist das egal. Als Kind hat mich das jedenfalls nicht davon abgehalten der guten Jessica Fletcher bei ihrem Hobby zuzuschauen. An der Besetzung lässt sich nichts aussetzen, wie bereits erwähnt. Die zwei stärksten Momente gehören Dieter Schaad und Marie Anne Fliegel, da gibt es garantiert Gänsehaut. Und, voll krasser Scheiß, der Tatort endet mit einem Cliffhanger (kreuzhafte Charakterbildung). 

Der neue Saar-Tatort setzt sich also auf diversen Ebenen mit Vergangenheit, der Wirkung ebendieser auf die Gegenwart, Schuld, Verdrängung und Taubheit auseinander. Das klingt ziemlich getragen und düster, was es inhaltlich durchaus ist, aber dank einer aufgeweckten Erzählweise, einem Drehbuch, das uns größtenteils gut ausgearbeitete Figuren (zu diesem Tatort gab es gleich Figurenbibeln) präsentiert und häufig mit einem nahtlos sitzenden Einzeiler um die Ecke kommt, ist diese verzwickte Geschichte recht kurzweilig. Man darf durchaus lächelnd nachdenklich sein. 

Da sind sie, die Neuen: v.l. Hauptkommissar Adam Schürk (Daniel Sträßer), Hauptkommissarin Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer), Hauptkommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Hauptkommissar Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) © SR/Manuela Meyer

Was es noch zu sagen gibt:

  • „Sie gehören alle zur Familie?“ – „Kommen Sie zur Sache.“
  • „Reichtum ist wie Meerwasser. Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.“
  • „Ich hab ne Tablette genommen, Mama.“ – „Ugh, nur nichts spüren.“ – „Sagt der, der jeden Morgen Cornflakes mit Wodka frühstückt.“
  • „Cornflakes“… ist das schon Schleichwerbung?
  • Moritz Führmann ist der Ehemann von Anna Schudt, und die ist ganz toll. Außerdem Tatort-Kommissarin in Dortmund.
  • „Alles klar. Willst Du auch n’ Tipp? Halt einfach mal deine Fresse, ja?“
  • Adam Schürk – als ich das zuerst geistig einzuordnen versuchte, landete ich bei Bad Banks, Albrecht Schuch (!) spielt Adam (!) Pohl. Naja. 
  • Und jetzt alle: „Eine Busfahrt, die ist lustig, eine Busfahrt, die ist schön, ja, da kann man so viel neue interessante Dinge seh’n.“ 
  • Vladimir Burlakov sagte in einem Interview, dass er für fünf Tatorte unterschrieben habe. Wenn die so bleiben, juchhu und sehr gern.
  • „Die Strafe musste vollzogen werden.“
  • Daniel Sträßers Wangenknochen: WTF!

Der Film ist bis zum 13. Oktober 2020 in der ARD Mediathek abrufbar

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Tatort – Das fleißige Lieschen; Deutschland 2019; Regie: Christian Thede; Drehbuch: Hendrik Hölzemann;  Musik: Dominik Giesriegel; Darsteller: Daniel Sträßer, Vladimir Burlakov, Brigitte Urhausen, Ins Marie Westernströer, Anna Böttcher, Dieter Schaad, Moritz Führmann, Marie Anne Fliegel, Marita Breuer, Gabriel Raab, Jana Klinge, Marc Oliver Schulze; Laufzeit: ca. 88 Minuten; FSK 12;  Eine Produktion der PRO SAAR Medienproduktion GmbH im Auftrag der ARD Degeto und des SR. 

Beitragsbild: Das neue Team: v.l. Hauptkommissar Adam Schürk (Daniel Sträßer), Hauptkommissarin Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer), Hauptkommissarin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Hauptkommissar Leo Hölzer (Vladimir Burlakov)
© SR/Manuela Meyer

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