Ab- und ausgekanzlert

Willy Brandt ist so etwas wie der Übervater der SPD. Kaum jemand in der Partei dürfte den ersten SPD-Bundeskanzler nicht als sein oder ihr Vorbild bezeichnen. Heute vor 30 Jahren starb dieser denkwürdige Mann, der nach seinem Amtsverzicht nach der Guillaume-Affäre 1974 dennoch bis 1987 SPD-Vorsitzender und bis zu seinem letzten Atemzug Abgeordneter blieb. Als Ikone bis heute verehrt, ändert das nichts daran, dass seine Partei ihn als Kanzler einst vom Hof jagte.

Brandts Schicksal und heutige Rezeption steht erstaunlicherweise sinnbildlich für viele seiner Vorgänger und Nachfolger (sowie Nachfolgerin) im Kanzleramt. Erst ins Amt gehievt, dann abgesägt und rückblickend auf ein Podest gehoben, mit vielen unserer Altkanzler gehen wir so um, wenn sie nicht gerade für Putin lobbyieren. Am Ende waren jedoch die meisten erschöpft und nicht mehr wohlgelitten, wie der Journalist Peter Zudeick in seinem Buch Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt – Vom Ende deutscher Kanzlerschaften analysiert. Bereits Ende August 2021 erschien es im Westend Verlag.

Eine Geschichte der Bundesrepublik im Schnelldurchlauf

Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, durchlebte einen langen und teils quälenden Abschied von der Macht, seine Nachfolger Ludwig Erhard und Kurt-Georg Kiesinger (alle CDU) traf es verhältnismäßig schnell. Eher mit einem Knall gingen die beiden weiteren SPD-Altkanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder, wohingegen die beiden weiteren CDU-Regierungschefs Helmut Kohl und Angela Merkel eher das Adenauer-Schicksal erlebten und sich relativ lange von der Macht verabschiedeten.

Vielfach beginnt der Abschied von der Macht für Zudeick bereits mit der Wahl zum Bundeskanzler, manchmal sogar noch früher. Jedenfalls arbeitet der Autor sich im Schnelldurchlauf durch die Amtszeiten der früheren Amtsinhaber und der Amtsinhaberin und leuchtet vor allem die angeknacksten Stellen aus. Welche Affären gab es in der Amtszeit von Brandt und Kohl? Mit welchen Krisen und Schwierigkeiten mussten Merkel und Schmidt sich herumschlagen? Und wieso waren Erhard und Kiesinger reine Übergangskanzler, deren Ende quasi schon vom ersten Tag an besiegelt war?

Ein langer Abgesang…

In gewisser Weise fühlt sich die Lektüre seines Buchs also an wie eine Reihe von Abgesängen auf die Kanzlerin und ihre Amtsvorgänger. Einerseits ist das charmant, denn es ist klar, wenn du ganz oben angekommen bist, dann hast du in der Demokratie – glücklicherweise – nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung, musst für dein Volk das Beste geben und dich immer wieder in Wahlen vor den Wählerinnen und Wählern rechtfertigen und neu legitimieren.

So ist es nicht überraschend, dass Kanzler, die nicht durch einen formalen Wahlakt durch das Volk ins Amt kamen, zumeist eher Schwierigkeiten in ihrer Legitimation hatten und mit mehr und anderen Problematiken konfrontiert waren, als beispielsweise ein mehrfach wiedergewählter Konrad Adenauer oder eine Angela Merkel. Vertrauensfrage und konstruktives Misstrauensvotum bilden daher nicht nur bedeutende politische Wegmarken in der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte, sondern auch in Zudeicks Zusammenstellung – inklusive der Bewertung der Einsätze, die diese Mittel der Macht in den vergangenen Jahrzehnten erfuhren.

Freund, Feind, Parteifreund

Zugleich waren die Kanzlerin und ihre Vorgänger jedoch nicht nur dem Wahlvolk ausgesetzt, sondern auch den sie jeweils stützenden Parteien und Koalitionen. Ob es die FDP war, die Helmut Schmidt durch ihren Wechsel zur CDU/CSU zu Fall brachte, oder die eigene Partei (samt treibender kleiner Schwester), die Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik nicht mehr folgen wollte, Politik ist ein einsames und schwieriges Geschäft und kaum ist mensch an der Macht, wird bereits begonnen, am Stuhl des Chefs oder der Chefin zu sägen.

Krach innerhalb der eigenen Partei oder der Koalition – hallo, liebe Ampel – ist also eigentlich vorprogrammiert, denn Neid und Profilierungssucht sind zutiefst menschliche Bedürfnisse. Wahlen können in diesem Verständnis eigentlich nur als Stimmungsindikator gelten, die Abnutzungs- und Abschiedsprozesse beschleunigen. Bei Angela Merkel war das zu sehen, aber auch bei Helmut Kohl oder Gerhard Schröder. Und das illustriert Peter Zudeick in seinem Buch sehr schön.

Geordnete Machtübergabe (?)

Nun sind Machtwechsel in der Demokratie nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil sogar erwünscht. So richtig gut hinbekommen hat ihn aber bisher kein Bundeskanzler. Angela Merkel wurde lange Zeit nachgesagt, dass ihr genau das vorschwebe, eine geordnete Machtübergabe. Im Vergleich zu dem, was in anderen demokratischen Staaten teils abläuft – das US-Kapitol lässt grüßen – war die Stabsübergabe an Olaf Scholz aber doch halbwegs ruhig und glatt.

Natürlich dürfte sie sich das anders vorgestellt haben, aber Norbert Röttgen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet scheiterten nacheinander an sich selbst, Laschet aber auch an Markus Söder und einer öffentlichen Meinung. Die Thematik, die Peter Zudeick also behandelt, wird bei ihm zu einem lesenswerten Sammelband mit bislang acht Kapiteln. Wie die Kanzlerschaften der Bundesrepublik endeten, legt er dabei meist sehr gut dar, auch wenn wir uns gerade für die heute unbekannteren Amtsinhaber – Ludwig Erhard und Kurt-Georg Kiesinger – vielleicht sogar etwas mehr Information gewünscht hätten.

Ende? Oder doch Danach?

Die eigentlich fast noch spannendere Frage ist jedoch, wie in Hinblick auf das Leben, nicht die nach dem Ende selbst, sondern nach dem Danach. Selbstbestimmt aus dem Amt zu scheiden, das gelang, wie gesagt, nur Angela Merkel so halbwegs – verknüpft mit einer erheblichen Machterosion in den letzten anderthalb Jahren. Die Nachfolge jedoch konnte weder sie noch irgendeiner ihrer Vorgänger wirklich regeln, wie wir bereits sahen. Daher ist die spannende Frage, die auch nach der ansonsten sehr informativen Lektüre von Peter Zudeicks Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt weiterhin bleibt: Wieso ist die (Haus-)Macht der deutschen Kanzlerin sowie ihrer Vorgänger so stark erodiert, dass sie nicht mehr aktiv die Entscheidung über ihre Nachfolge treffen konnten?

Und ist dieses Unvermögen – als Schlussbemerkung – nicht eigentlich eine Stärke der republikanischen Demokratie? Anders als im Vereinigten Königreich oder einer anderen Monarchie nämlich endet die Macht eines demokratisch gewählten Kanzlers irgendwo und irgendwann. Aber während die Briten lange wussten, dass nach Elizabeth II. Charles III. kommen würde, war bei uns lange nicht klar, wer auf Angela Merkel folgen würde. Und wer als nächstes auf Olaf Scholz folgen wird, dessen Abschied ja nach Zudeicks Logik ebenfalls bereits begonnen haben dürfte. Die Wahl seines Nachfolgers obliegt dem Volk und nicht der Erbfolge. Wir wollen eben mehr Demokratie wagen…

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Peter Zudeick: Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt – Vom Ende deutscher Kanzlerschaften; August 2021; 224 Seiten; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-86489-338-4; Westend Verlag; 18,00 €

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