Allein, Allein und doch mittendrin

Das Superdupermegawahljahr 2021 neigt sich dem Ende zu (um von einem Semi-Superdupermegawahljahr 2022 abgelöst zu werden), die neue Regierung ist vereidigt, erstes Lob für und erste Kritik am Kabinett wird geäußert, die Staatssekretär:innen sind benannt, die Ausschüsse besetzt, die politischen Jahresrückblicke ausgestrahlt und die Unionsfraktion übt sich in der Oppositionsrolle – für viele ihrer Abgeordneten ist das parlamentarisches Neuland. So geht es nun also auch für die, teils sehr jungen, Parlamentsneulinge in die Winterpause. Zeit, sich über die vergangenen drei Monate Gedanken zu machen, Ziele zu setzen, sicherlich manchen Ärger zu verdauen. 

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Außerdem ein guter Zeitpunkt, sich dem für jede Bundestagsabgeordnete und jeden Bundestagsabgeordneten zu empfehlenden Band „Alleiner kannst du gar nicht sein“ – Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst der renommierten Journalisten und Kenner des Betriebs Peter Dausend und Horand Knaup zu widmen, der bereits im Herbst 2020 im dtv-Verlag erschienen ist und mittlerweile in zweiter Auflage vorliegt. Im Grunde sollte das Buch als Standardwerk gelten, ist es doch lehrreicher und zugänglicher als so einiges, das während des Studiums der Politikwissenschaften oder sonstigen Studiengänge, die viele der späteren Abgeordneten so belegen, gelesen und gelernt werden muss.

Oder es wird den neu gewählten Volksvertreter:innen einfach mit ihrer Willkommensmappe überreicht. So manch eine und einer wird sich’s dann im Zweifel auch nochmals überlegen, jedenfalls steht das zu vermuten. Allein schon die das Buch einleitenden Statements von durchaus an Erfahrung reichen Personen wie der neuen Kulturstaatsministerin und Grünen-Politikerin Claudia Roth, dem FDP-Finanzexperten Otto Fricke, dem Westenträger der Linken Jan Korte oder des (Noch-)CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus, machen deutlich, wie vielschichtig in jedweder Hinsicht das politische Leben ist. Wie fordernd, wie übergriffig, wie belohnend, wie die Eitelkeiten streichelnd und die Unzulänglichkeiten betonend.

Einmal das „Politik für alle“-Gesamtpaket bitte

Für ihr beinahe fünfhundertseitiges, sehr gut lesbares Buch (wenn wir mal von manchem Aufreger absehen, nach dem erst einmal durchzuatmen ist) haben Dausend und Knaup mit rund 50 Abgeordneten gesprochen. „Aktive wie ehemalige, direkt gewählte wie über die Landeslisten eingezogene […], Frauen wie Männer, quer durch alle Fraktionen und quer durch alle Altersgruppen.“ Das ist in der Tat so. Auch haben sie mit Marco Bülow gesprochen, dem „gefallenen Sozialdemokraten“, der bis vor kurzem fraktionslos im Bundestag unterwegs gewesen ist. 

Einige ihrer Gesprächspartner:innen tauchen mit Namen auf, wie die bereits erwähnten, aber auch reichlich mehr. Andere zogen es vor anonym zu bleiben – bei dem High-End-Klatsch der sich teilweise in den siebzehn Kapiteln findet, ist das kein Wunder. Dabei geht es um das tägliche aber auch längerfristige Auf und Ab des Lebens als Politiker:in im Hauptberuf, die Struktur und Arbeitsweise von Fraktionen, Ausschüssen, der vermeintlichen Wichtigkeit (und für viele Wähler:innen im Grunde Nichtigkeit) von Regionalproporz, die Sorgen und Nöte im Wahlkreis, Hass und Hetze, die Möglichkeit von Freundschaften in der Politik, die Notwendigkeit in den Medien aufzutauchen, Erfolge und Niederlagen, Neubeginn und Abschied, Ängste und Süchte.

Drogen und Fraktionsstress

In diesem Zusammenhang sprach der SPD-Politiker Michael Hartmann mit Dausend und Knaup – offenbar nicht anonym – über seinen Drogenkonsum, auch die Edathy-Affäre bleibt nicht unerwähnt. Nach, oder eigentlich schon während, der Lektüre von „Alleiner kannst du gar nicht sein“, mag man dem guten Mann seinen Drogenkonsum nicht verübeln. Nicht nur, weil’s halt Berlin ist, sondern weil zum einen der Druck nachvollziehbar ist, den er verspürt haben muss und zum anderen die SPD-Fraktion objektiv schlicht ziemlich beschissen zu sein scheint. Oder schien, Stand des Buches.

Da lässt sich sehen, dass ein aufoktroyiertes „Du“ noch lange keinen nahbaren oder respektvollen Umgang macht. Wenn alle wegschauen, wie eine gewisse Petra Hinz brüllt und mit Bürountensilien um sich wirft, nur um später zu sagen „Hoppala“ ist das schon bitter. Oder anders: „Ich dachte für mich, ein Teil der Linken in dieser Partei ist nicht politisch links, sonder charakterlich link“, so Sascha Raabe, nunmehr Ex-SPD-Bundestagsabgeordneter. Andererseits wundert es wenig, bei einer Partei, die in regelmäßigen Abständen in aller Öffentlichkeit die Nacht der langen Messer  – Bartholomäusnacht-Edition – nachstellt und sich dann schulterzuckend abwendet. Dass allerdings ließe sich wohl auch, manches Mal minus Öffentlichkeit, bezogen auf den Umgang mancher Fraktionen mit ihren Fraktionsvorsitzenden sagen. Deren Funktion als einhegendes Bindeglied, das jedoch nie blind nach Kommando agieren sollte, schon gar nicht bei einer an einer Regierung beteiligten Fraktion (Hallo, Volker Kauder!), wird so eindrücklich wie schauerlich dargestellt. 

„Machtschattengewächse“ und „kleine Könige“

Thematisch ist „Alleiner kannst du gar nicht sein“ ebenso breit aufgestellt wie in der Abbildung sehr unterschiedlicher Typen von Politiker:innen. Erstaunlich, über welche Personen hier Dinge zu erfahren sind, die sie womöglich doch anders dastehen lassen als zuvor. Außer Kubicki, der ist wie er ist und das wissen alle und er hält für eine der feinsten Anekdoten des Buches her. Und natürlich der viel zu früh verstorbene Peter Hintze, den in der Tat alle geschätzt zu haben scheinen und an dessen Integrität auch dieses Buch keinerlei Zweifel aufkommen lässt.

Formidabel arbeiten die Autoren im Kapitel „Und dann wird dir erzählt, wie scheiße du bist…“ heraus, nicht nur welche Bedeutung der Haushaltsausschuss hat, sondern auch welche Marotten der „Club der kleinen Könige“ sich leistet. Den Anspruch „Korrektiv der Regierung zu sein“ lässt mensch dort auch gern mal für den eigenen Wahlkreis (Hallo, Johannes Kahrs!), eine alte oder frische Fehde und das Ego sein. Nach Lektüre dieses Teils dürften sich einige die Frage stellen, inwieweit auch die Zickereien der Haushälter:innen für so manchen Stillstand in der Politik verantwortlich sind. Das sollte mal überdacht werden. Ernsthaft.

Überdacht werden sollte nicht nur nach Meinung von Parlamentarierinnen der Umgang mit Frauen und vor allem Müttern im Deutschen Bundestag – von Barrierefreiheit könne da keine Rede sein, so klingt es öfter durch. Und der Sexismus der jungen Bundesrepublik und letzten Bonner Jahre ist natürlich ebenso nach Berlin mitgekommen, wie Friedrich Merz zurückgekommen ist. Von Beleidigungen und Hass von außen gar nicht mal zu reden.

„Das war ein super Gefühl“

Aber nicht alles ist schlecht. Natürlich finden auch Hochgefühle nach gewonnen Wahlen, Freude nach Durchsetzung eines Anliegens (wie beispielsweise jenes der Ehe für alle am 30. Juni 2017) und die wundersamen Möglichkeiten eines Kompromisses Einzug in das auch die Betriebsamkeit des Parlaments kongenial erläuternden Buches. Auch die Schwierigkeiten und gleichsam zuweilen emotionalen Belohnungen der Freiheit einer Gewissensentscheidung werden erörtert. Hier sagt übrigens der konservative CDU-Abgeordnete Michael Hennrich, der damals gegen die Ehe für alle stimmte, heute würde er sich anders entscheiden.

Wie frei die Gewissensentscheidung am Ende ist, ist jedoch auch fraglich. Denn selbst wenn die Abgeordneten nicht der Fraktion zu folgen haben, haben sie doch nicht selten in ihrem Wahlkreis Rede und Antwort zu stehen. Die auch dort für zumindest jene, die es ernst nehmen, herausfordernde Arbeit wird im Buch unter anderem sehr gut am Beispiel des SPD-Politikers Helge Lindh beschreiben.

Warme Orte und schwere Abschiede

Dass der Job hart ist und manchmal dem Hamsterrad-Prinzip folgt, unterschlägt das Buch also nicht, jedoch auch nicht die Privilegien, die er so mit sich bringt. Zumal jüngere Politiker:innen stärker nach einer Balance zu suchen scheinen, sich nicht mehr unbedingt bis zum Burn-Out oder schon darüber hinaus verausgaben. Oder wie FDP-Hoffnung Johannes Vogel es formuliert: „Politik darf einem nicht diesen warmen inneren Ort nehmen.“ Was nicht heißt, dass sie Ehrgeiz vermissen ließen.

Der gehöre schließlich schon des Gestaltungswillens wegen dazu, wie der CDU-Wieder-Nicht-Vorsitzende Norbert Röttgen betont. Wenn Ehrgeiz und Ego jedoch so groß werden, dass nicht mehr gesehen wird, wann es Zeit ist zu gehen, wird’s auch schwierig. Natürlich gibt es auch dazu Abschnitte in diesem weitreichenden aber nie sinnentleert ausschweifenden Buch, das allen empfohlen sei, die mehr als einmal im Jahr und ohne ironischen Unterton auf „die da oben“ schimpfen (und lesen können). 

Im Gegensatz zu manch einer oder einem vom Politbetrieb Verzehrter oder Verzehrten – und womöglich Versehrter oder Versehrten – finden Peter Dausend und Horand Knaup mit dem Kapitel „Störstellen“ einen runden und richtig gesetzten Abschluss für „Alleiner kannst du gar nicht sein“. Dabei stellen sie noch manche Fragen, machen Vorschläge und argumentieren wider dem Maximalvorwurf und für eine Differenzierung. Es ist ein Buch, das unsere freie Demokratie atmet und dabei auch manches Mal hustet. Ein wichtiges und richtiges, unbedingt zu lesendes Werk.

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Peter Dausend, Horand Knaup: „Alleiner kannst du gar nicht sein“ – Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst; September 2020; 464 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen; ISBN: 978-3-423-28249-9; dtv Verlagsgesellschaft; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

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