Tod in Uruguay – Knast in der Türkei

Beitragsbild: Das Buchcover auf einem Foto der Küste, Insel und des Ortes Büyükada, der größten der Prinzeninseln vor Istanbul. Fun Fact: Seit seiner Kindheit verbringt der Schriftsteller Orhan Pamuk hier seine Sommer. // artwork: © the little queer review

Krisenzeiten sind Zeiten der Diplomatie. Im Krieg um die Ukraine hören wir immer wieder Forderungen nach „diplomatischen Lösungen“ und sie sind berechtigt. Bislang scheint die Diplomatie aber noch keine vorzeigbaren Erfolge in Putins Angriffskrieg gebracht zu haben. Es gehört eben auch immer der Willen zur Einigung dazu und der scheint bei Putin und seinen Schergen noch nicht erreicht zu sein.

Das heißt nicht, dass Diplomatie nicht funktioniere oder unwichtig wäre, im Gegenteil. Sie kann viel bewirken, aber eben auch spektakulär scheitern. Während die ARD seit einigen Jahren die „Fälle“ der Diplomatin ausgerechnet mit Natalia Wörner – der Freundin des zwischenzeitlich amtierenden und sehr erfolgsbeschränkten Außenministers Heiko Maas – verfilmt, hat sich die Schriftstellerin Lucy Fricke ein inhaltlich ähnliches, aber in Buchform gegossenes Motiv gewählt.

Blitzkarriere

In ihrem bei Claassen erschienenen Roman Die Diplomatin erzählt Fricke die Geschichte von Friederike „Fred“ Andermann, einer deutschen Karrierediplomatin, die mit relativ jungen Mitte 40 deutsche Botschafterin in Montevideo wird, dort schnell und spektakulär an einem unglücklichen Fall scheitert, kurz in die Berliner Zentrale zurückbeordert und anschließend als Konsulin nach Istanbul versetzt wird. Dort steht sie geläutert von ihren Vorerfahrungen und ist mit einigen problematischen Fällen konfrontiert, die sie vor große Herausforderungen im Amt, aber auch persönlich stellen.

Nachdem sie in Uruguay die Lage der vermissten Verlegerinnentochter Tamara falsch eingeschätzt hat, agiert sie nämlich in Istanbul weitaus offensiver. Die Fälle des Journalisten David Fabian, der in Untersuchungshaft ihren „Prozess“ erwartenden Meral sowie ihres Sohnes Bariș, der seine Mutter aus Deutschland unterstützen kommt und wegen „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ nun mit einer Ausreisesperre belegt wurde, beschäftigen Fred und treiben sie zu Maßnahmen, die sie in Lateinamerika oder an anderen Orten wohl nicht ergriffen hätte. Erst auf den letzten Seiten finden wir Fred in ihrer Heimat Hamburg wieder.

Pflicht und Kür

Lucy Frickes Protagonistin ist erst einmal eine erfolgreiche Diplomatin: Sie vertritt Deutschland und seine Interessen im Ausland. Dazu gehört es, sich um alljährliche Empfänge zum Tag der deutschen Einheit zu kümmern (etwas banal, aber seichtes Pflichtprogramm) oder eben entführte Influencerinnen oder mutwillig festgehaltene Aktivistinnen und Aktivisten zu retten (die unangenehme, aber alles andere als banale Kür). Das Themenspektrum im Diplomatischen Dienst wird so sehr gut illustriert, auch wenn es natürlich noch viel breiter ist. Außenpolitik ist eben ein kompliziertes Geschäft, das in Die Diplomatin nun einmal anhand eines Auszugs sehr plastisch dargestellt wird.

Wir Leserinnen und Leser sehen auch eine gute Charakterentwicklung Freds. Während sie in Uruguay wohl etwas unbedarft handelte, sehen wir sie in der Türkei weit aktiver und mutiger. Wir erfahren mehr und mehr über sie, ihre Beweggründe, lernen auch so manchen Frust kennen, den sie als deutsche Beamtin in sich trägt. Sowohl Ethos als auch das übliche Spektrum von Diplomatinnen und Diplomaten werden uns in Lucy Frickes Geschichte sehr gut illustriert. Gerade in Zeiten, in denen sich beispielsweise der rückwärtsgewandte Oppositionsführer der Unionsfraktion, Friedrich Merz, auf unsägliche Weise über die nicht mehr nur von Außenministern Annalena Baerbock ausgerufene „feministische Außenpolitik“ echauffiert, zeigt uns Fricke das unmittelbare außenpolitische Handeln einer Frau und damit eben auch, dass wir diesen Ansatz in Deutschland und Europa unbedingt weiter verfolgen müssen.

Verkürzte Realität

Die Fälle, mit denen sie sich konfrontiert sieht, sind dabei halbwegs realistisch. Die Entführung der Tochter einer Medienmogulin, die Fred daraufhin das Leben (vermeintlich) schwermacht dürfte an realen Fällen angelehnt sein, ebenso die in der Türkei spielenden Herausforderungen. Besonders in diesem Teil fühlt mensch sich in eine Story, die die Fälle des Journalisten Deniz Yücel und der Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten Mesale Tolu und Peter Steudtner verknüpft, hineinversetzt.

An manchen Stellen wirkt dies doch arg verkürzend und wird den realen Fällen – so sie überhaupt als Vorbilder dienten – wohl nur in Teilen gerecht. Gleichsam spinnt Fricke ihre Story so, dass am Ende die Fäden aller Fälle doch sehr nachvollziehbar zusammenlaufen. Komplexe, aber für uns alle notwendige Themen wie Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit oder Flucht und Migration spricht die Autorin dabei gut an, vor allem um auch Menschen zu erreichen, die sich hiermit vielleicht nicht jeden Tag auseinandersetzen. Ob diese allerdings im ersten Schritt zu einem Buch mit dem Titel Die Diplomatin greifen, ist auch eine Frage, die an dieser Stelle gestellt werden darf und soll.

Alles in allem bietet Lucy Frickes Buch aber sehr anschauliche und kurzweilige Unterhaltung und ist durch eine hohe Lesbarkeit gekennzeichnet. Es liest sich wie ein seichter Politthriller und eignet sich damit eigentlich perfekt für die Sommerlektüre am Strand, am See oder in der Hängematte – nicht zuletzt, um den sich Erholenden klarzumachen, welche Äußerungen sie in ihrem Urlaubsdomizil vielleicht unterlassen sollten, um nicht selbst zum nächsten Amtsgeschäft manch deutscher Diplomatinnen oder Diplomaten zu werden.

HMS

Lucy Fricke: Die Diplomatin; März 2022; 256 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-546-10005-2; Claassen; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

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