Boyfriends, nicht alle zum Sterben zu belanglos

Statt der gewählten, auf den Inhalt von 100 Boyfriends zurückgreifenden, Überschrift, hätte auch folgende getaugt: „Selbstbestimmt humorvolle Verlorenheit der Lust“, denn in diesem zweiten von Brontez Purnell im Albino Verlag auf Deutsch vorliegenden Buch sind die meisten seiner zahlreichen, sicherlich wieder mit autobiografischen Erfahrungen angereicherten, Charaktere irgendwo in der Schwebe zwischen oder dem Austarieren von Selbstbestimmtheit, selbstreflexivem Humor, Unsicherheit, Geilheit, Identität, Verzweiflung, Selbstgewissheit und dem Wissen um und der Sorge vor Verlust.

Sexmonopole enteignen!

Purnell wirft, mischt und klatscht in 100 Boyfriends all dies in einer teils wahnwitzigen Kurzgeschichten-Kaskade zusammen, dass es nur so spritzt. Dabei springt er von Strichern zu frisch Getrennten und solchen, die es nicht mehr sein wollen, hin zu jenen, die Leerstellen im Leben durch ein Hochdaten oder einen Koks-Wodka-Schwall füllen wollen und solchen, die einen Kalten Krieg führen, jene, die Sexmonopole enteignen wollen, selbstbewussten Schlampen und jenem, der sich wünscht, seine HIV-Beraterin hätte ein anderes Geschlecht und würde ihn belästigen.

Nicht selten ist manch ein erster Eindruck in den zahlreichen Geschichten trügerisch, oft dreht und wendet Purnell die Erzählungen auf oft nicht mehr als sieben Seiten mehrmals; das eigentlich immer ohne dabei den Fokus seines jeweiligen Hauptakteurs aus den Augen zu verlieren. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die Geschichte „Mäandern (Erster Teil)“, in der es ums Erwachsensein geht:

„Er war schon bei verantwortungsbewussten Erwachsenen zu Hause gewesen und hatte es nie ganz gecheckt; beim Erwachsenwerden ging es offenbar um Kisten, hauptsächlich um Kisten.“

…um Trennung, um Drogen (die in nahezu jeder Story auf die eine oder andere Art eine Rolle spielen), um Veränderung innen wie außen, Gentrifizierung und, nun ja, ums Mäandern. Dies tun in der Tat einige der Charakter Purnells, Mäandern, die Geschichte jedoch nie. Bei allem Abwechslungsreichtum wirkt 100 Boyfriends nicht ziellos wandernd, wenn auch alles irgendwie immer fließt.

„Eine Lotterie, bei der man immer gewinnt“

Nicht zuletzt reichlich Körpersäfte in verschiedene(n) Regionen: Es wird viel gefickt, geküsst (weniger als gefickt), gepisst, geschwitzt – mal aus Wut, Gier oder Anspruchshaltung, Begierde oder Sucht, Suche nach Nähe, Angst vorm Verlorensein, aus Eifersucht oder Besitzstandswahrung, oder beidem und allem. Manch ein Charakter erklärt sich dabei uns, ein anderer wird uns vom Gegenüber geschildert, manches Mal gibt es die Draufsicht und Purnell ist Erzähler.

Brontez Purnell // © Drew Stevens

Es gibt Kapitel, in denen die Boyfriends als Interpretationen geschildert werden, es gibt Kapitel mit dem Titel „Stricher“, die unterschiedlicher nicht sein könnten und auf so unglaublich spitz-treffende Weise tragikomisch sind, dass man ein wenig sprach- und atemlos zurückbleibt, wenn das Kompliment ausbleibt. Brontez Purnell schreibt oft derb, aber nie gefühllos, selbst dann nicht, wenn er gefühllose Personen oder Umgebungen skizziert. Neben viel Schwanz, gibt es also auch viel Herz; von Eleganz, Präzision und ausdrucksstarker Stimmigkeit innerhalb der Stories mal ganz zu schweigen.

Dass dies auch in der deutschen Version so zutage tritt, ist der gelungenen und die Schwingungen der Sprache perfekt ins Deutsche übertragenden, keine krassen Worte vermeidenden Übersetzung von Harriet Fricke zu verdanken (die übrigens auch an der Übersetzung von Ich Elton John und Barack Obamas Memoiren beteiligt war). Durch John zumindest dürften Drogen- und Alkoholexzesse wie auch Sexkapaden bekannt sein. 

Borderline-Misanthropie

Eine weitere Ebene, die Brontez Purnell in 100 Boyfriends immer wieder gegenwärtig sein lässt, ist es, ein Schwarzer schwuler (selten auch bisexueller) Mann in einem schwierigen Amerika zu verschiedenen Zeiten zu sein:

„In einer Welt, in der definitiv nicht ich der Gewinner war, sondern ein weißer Rapper, tat ich das, was jemandem in meiner Situation in Amerika als Einziges übrig blieb – ich fickte einen Weißen, um voranzukommen.“

Nicht immer wird das so deutlich geäußert und nicht jedes Mal steht im möglichen Zusammenhang mit (sexueller) Abhängigkeit und an mancher Stelle wird dies auch mit dem Umgang mit HIV/AIDS oder allgemein sexuell übertragbaren Krankheiten aufgezeigt beziehungsweise kombiniert. Auch tauchen immer wieder Stellen auf, an denen Purnell als Autor, der nun schon einige Jahre auf der Welt ist, seine Charaktere darauf verweisen lässt, dass diese oder jene Diskussion früher sicher nicht geführt worden wäre – Stichwort: Dreadlocks.

Neben den – zumeist von außen aufgedrückten – Konflikten mit der Identität als Schwarzem schwulem Mann tauchen auch andere Motive immer wieder auf. Häufig wird Vergangenes beschrieben und damit eine gewisse Verlorenheit im Jetzt zu begründen gesucht; immer wieder begegnen wir auch Formulierungen in der Art von „Etwas, das ich erst später merken sollte“ oder Figuren, denen durch vermeintliche Nähe etwas genommen werden soll; „voreingenommen Borderline-Misanthropen“ oder „willentlich unvoreingenommenen“ Irritierten; nicht wenige seiner Personen sind Getriebene, ohne genau zu wissen, was es ist, das sie an- oder auch wegtreibt.

Die Mechanismen des Begehrens

Dabei sind sie jedoch alles andere als blind, sie wissen um ihr, nun, mäanderndes Sein, reflektieren dies größtenteils, manchmal leicht melancholisch, oft mit Witz, manches Mal mit brachialem, hier und da lakonischem. Einige wünschen sich Veränderungen, andere suchen Taubheit, wieder andere lassen sich weiter treiben. Es gibt kaum eine Handlungsoption, der wir in den 100 Boyfriends nicht begegnen.

Ein weiteres, kleines Verwirrspiel übrigens: dieser Titel. Auch der Rezensent dachte nun über 100 verschiedene Boyfriends und/oder Affären zu lesen, die Purnell mehr oder minder fiktionalisiert wiedergibt. Aber nein, nein. Es gibt eine Geschichte – „Zwei Jungs aus den Bergen“ – die, neben vielen Highlights, stilistisch zu einer der ausgeklügeltsten gehört, in welcher zwei Kerle, die sich länger kennen, immer mal vögeln, im Bett liegen („Ich liege ausgestreckt in seiner DNA […]“) und einer von ihnen erklärt dem anderen, warum das eigentlich alles so schwer sei und im Grunde ein Jeder sein Päckchen zu tragen habe (oh, fuck off!). Der Ich-Erzähler klinkt sich aus, nachdem er festgestellt hat, dass die Distanz zwischen ihnen so groß sei, wie jene zwischen den Gebirgszügen ihrer Kindheit. Er denkt nun daran, wenn dies stimme, dass wir Verflossene als Geister nie ganz hinter uns ließen, dann müssten hier in seinem Falle mindestens einhundert Geister herumschwirren: 

„Wie sehen die Mechanismen des Begehrens aus? In gefühlten drei Sekunden liefert mir mein Hirn eine Rückblende meiner früheren Leben – Männer, die ich geliebt und am Ende manchmal auch gehasst habe; sie sind alle noch da, lungern hier irgendwo herum. Ich bezeichne sie alle als <<Boyfriends>>, obwohl das nicht auf jeden zutrifft.“

Boom! Dass uns hier allerdings nicht „100 Boyfriends“ im Wortsinne erwarten, sondern der Begriff metaphorisch (und manchmal metaphysisch) zu nehmen ist, wird bereits beim Blick in das Inhaltsverzeichnis klar; dennoch ist es ein feines Spiel mit Erwartungen, eines das Purnell ohnehin zu spielen versteht, auch in seinen anderen Projekten, wie mit seinen Zines oder der Band The Young Lovers.

So sitzt der Rezensent nun hier und denkt ebenfalls zurück und ganz ähnlich wie die Figuren in Brontez Purnells 100 Boyfriends tut er dies mit einer Mischung aus heiterer Melancholie, der Frage nach Möglichkeiten und zumindest einem Halbständer. Und ist dankbar für dieses witzige, mitreißende, geile, wunderbar ärgerliche, auch lehrreiche und nicht zuletzt fein geschriebene Buch. 

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Brontez Purnell: 100 Boyfriends; 1. Auflage, September 2021; 232 Seiten; Übersetzung aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-86300-322-7; Albino Verlag; 18,00 €; auch als Ebook erhältlich (12,99 €)

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