Queer Nations – Anspruch und Wirklichkeit am Beispiel des „Jahrbuchs Sexualitäten 2022“

Den behaupteten queeren Pluralismus suchen wir auch im neuen, heute im Wallstein Verlag erscheinenden Jahrbuch vergeblich. Zugelassen ist nur Kritik am Queer-Feminismus und am trans*Aktivismus, Identitätspolitik wird als destruktiv gebrandmarkt doch dazwischen gibt es allerdings auch einige Lichtblicke.

Von Nora Eckert

Beginnen wir mit dem Erfreulichen und das sind die beiden unverfänglichen geschichtlichen Beiträge der „Queer Lectures“ von Rüdiger Lautmann über einen Rechtsanwalt, der vor hundert Jahren als bürgerlicher Queeraktivist auftrat und von Matthias Gemählich über die Rechtspraxis nach § 175 in Frankfurt am Main zwischen 1949 und 1964. Auch Melanie Babenhauserheides Beitrag „Vom Lesen zwischen den Zeilen“ gehört dazu. Sie setzt sich mit der für Netflix produzierten Kinderbuchadaption Anne with an E kritisch auseinander, indem sie die „Fallstricke der Thematisierung von Patriarchat, Heteronormativität und Rassismus“ aufspürt.

Ein Highlight im Jahrbuch stellt das Gespräch zwischen Vera Kallenberg und dem amerikanisch-afghanischen LGBTIQ-Aktivisten Nemat Sadat dar – „Sie sind die Ersten, die hingerichtet werden, aber die Letzten, die evakuiert werden.“ „Das größte Problem in Afghanistan“, so Sadat, „ist im Moment die fehlende Lebensgrundlage der LGBT-Leute. Sie können nicht aus dem Haus gehen, weil sie nicht mehr in der Lage sind, den Berufen nachzugehen, die sie einmal hatten.“ Die Rettungslisten für LGBT seien aber längst geschlossen. Das ist ein erschreckendes und elendes Trauerspiel, für das der freiheitlichen Westen mitverantwortlich ist.

Erhellend ist ebenfalls der Beitrag von Stephan Wackwitz zu nennen, der sich in „Unsere intellektuellen Körper“ über die hochangesehene, aber keineswegs unproblematische Susan Sontag Gedanken macht und die Einsicht vermittelt, dass Intelligenz noch keine Garantie liefert, auch sein Leben im Griff zu haben.

In zwei weiteren Beiträgen der „Miniaturen“ wird auf den Bucherfolg von Beißreflexe fünf Jahre nach dem Erscheinen näher eingegangen. Jan Feddersen versucht uns zu erklären, gegen wen sich das Buch richtete und warum es Furore machte. Der Titel „Bissige Interventionen gegen Queerreligiöses“ gibt mir zu verstehen, dass Beißreflexe keine lagerspezifische Reaktion sind – zuschnappen können auch Polittunten und Wadenbeißer finden sich ohnehin in allen Gassen. Was das Religiöse angeht, lehrt uns die Menschheitsgeschichte, dass Religion meistens mit einer Gegen-Religion bekämpft wurde und wird, während Ungläubige auf dem Scheiterhaufen endeten (heute gibt es andere Methoden).

Patsy l’Amour LaLove als Herausgeber*in, Till Randolf Amelung und Vojin Saša Vukadinović als Beiträger*innen rekonstruieren, wie es zu dieser Publikation kam, und bilanzieren, mit welchem Tam-Tam das Ganze 2017 begleitet war. Im Titel wird eine Krankheit benannt, die wir als epidemisch bezeichnen dürfen: „Ich habe es nicht gelesen, aber …“ Ja, die Erfahrung kenne ich: Lesen ist purer Luxus und den können sich wohl nur wenige leisten. Das hindert weder Freund noch Feind, eine Meinung zu haben. Da ist Buchwissen nur hinderlich, vor allem wenn in Büchern etwas anderes steht, als behauptet wird.

Und dann gibt es noch einen Beitrag, der steht so nackt da, dass man mit dem ersten Satz schon den letzten kennt, nämlich Chantal Louis‘ Beitrag „Trans Wars“, der das Desaster des LesbenFrühlingsTreffens 2021 kommentiert und das Feindbild „queerer Transaktivismus“ erwartungsgemäß als Teufel an die Wand malt. Und was haben sie daraus gelernt, Frau Louis? Nö, warum lernen? Davon steht nichts in unserem „Trans Wars“-Skript.

Und nun zu den verminten Feldern im Jahrbuch. Dazu gehört Alexander Zinns Beitrag „Von Blüher zu Butler“. Dabei beginnt der Essay vielversprechend mit Gloria Gaynors „I Am What I Am“, um doch rettungslos vermurkst zu enden. Kaum sind wir beim zweiten Absatz angekommen, bereitet uns der Autor einen Parcours der Sinnverdrehungen, den er bis zum Ende durchhält. Bei Zinn sind wir die Verweigerer: „Die Verweigerung der rationalen Auseinandersetzung, der Rückzug in eine emotional grundierte Opferkultur und die Diskreditierung jeder Kritik als ‚verletzend‘ […]“, lautet sein Urteil, um aber die LSBTI-Geschichte auszublenden.

Wurde das „I Am What I Am“ nicht von Anfang an gegen und nicht für die Mehrheitsgesellschaft gesungen, die ihre Heteronormativität schon immer denen vorhielt, die sie auf keinen Fall haben wollten? Waren es nicht die „Normalos“, die uns als die Anderen ausgrenzten, verfolgten? Wer hat Menschen wie mir die Vorsilbe „trans“ verpasst? Richtig, genau jene „Normalos“, die Binarität und Heteronormativität predigten, um mir mit „trans“ zu sagen, wie sehr ich die Norm verfehle. Nun soll alles andersherum stimmen? Und weil wir zum Beispiel diejenigen, die nicht-trans sind, „cis“ nennen, betreiben wir, wie Zinn behauptet, „Othering“? Nun seien also die Cis-Heteros die Diskriminierten und Verfolgten. 

„Statt den Diskurs zu suchen, auf Kritik mit Argumenten zu antworten, besteht man auf Unterwerfungsgesten und fordert Entschuldigungen für angeblich verletzte Gefühle. Wer sich nicht beugt, muss mit Ausladung, Ausgrenzung und öffentlicher Denunziation als homo- und, inzwischen fast schlimmer, transphob rechnen.“

Alexander Zinn, Beitrag „Von Blüher zu Butler“, S. 17

Wo waren bitte die Argumente, als man Schwule, Lesben und Transmenschen als Kranke, Irre und Perverse beschimpfte? Oder sollten das schon die Argumente gewesen sein? Klar darf eine Transfrau auch Mann genannt werden, ist ja schließlich nur verkleidet. Oder darf man nicht mehr die Wahrheit sagen? Und warum soll man heute akzeptieren, „dass heterosexuelle Männer künftig durch bloßes Vorsprechen beim Standesamt […] zu lesbischen Frauen werden sollen“. Die Tonlage ist die alte wie der verleumderische Ungeist. Wie beleidigt mit einmal die cis-Menschen sind, wenn sie ihre Macht und Deutungshoheit wanken sehen, wenn auf die patriarchalen Errungenschaften mit Namen Binarität und Heterosexualität samt Sexismus und Misogynie gepfiffen wird.

Doch zur Sache bitte. Alexander Zinn, seines Zeichens Soziologe und Historiker, will uns erklären, was falsch läuft mit der sogenannten Identitätspolitik. Verpackt hat er seine gesammelten Ansichten unter dem verwegenen Titel „Von Blüher zu Butler“. Für eines meiner eigenen Bücher kam ich um die Lektüre des wirklich nur schwer genießbaren Hans Blüher nicht herum. Ich habe eine Menge sonderbarer Ideen darin gefunden, aber Blüher wäre sicher der Letzte, den ich als Vorläufer der Gender Studies reklamieren würde. Oder klingt „Führer und Volk in der Jugendbewegung“ und seine Liebe fürs Männerbündische nach Butler? Dass der Nazi Heinrich Himmler davon eine Zeitlang angezogen war, muss nicht verwundern, aber was hat das alles mit Butler zu tun?

Angeblich belehre sie die heterosexuelle Mehrheit darüber, wie sie zu leben habe. Das habe Blüher auch Anfang des vorigen Jahrhunderts getan, als er von der Homoerotik eines männerdominierten Staates schwärmte, und 1933 gab es dafür die Quittung. Den nächsten Himmler haben wir dann also den Gender Studies zu verdanken. Oder wie meint das Herr Zinn? Ich sehe da einen dringenden Fall für Nachhilfe in Geschichte.

„Die Wirkungsgeschichte Blühers und seiner Homosexualitätstheorie macht deutlich, welche Gefahren radikale politische Konzepte bergen, die emanzipatorische Traumwelten entwerfen, ohne sich um deren wissenschaftliche Evidenz zu scheren. Und hier liegt die Gemeinsamkeit Hans Blühers mit Judith Butler. Denn auch Butlers Theorien sind mehr vom politischen Wunschdenken getrieben als von faktenbasierter Analyse.“

Alexander Zinn, Beitrag „Von Blüher zu Butler“, S. 26

Apropos faktenbasierte Analyse – mit der steht Zinn nicht nur als Historiker zweifellos auf dem Kriegsfuß. Butler bestreitet keine anatomischen Fakten, wie es die Standard-Falschbehauptung zu wissen meint. Wie könnte sie das auch, aber aus diesen Fakten allein lassen sich noch keine Normen ableiten, so lautet das bei Butler. Normen kommen erst durch kulturelle Konstruktion hinzu – mit welchen Verheerungen, das führt uns der patriarchale Irrweg seit vielen tausend Jahren vor Augen. Man muss Butler lesen, um richtig urteilen zu können. Leseschwäche lässt sich jedenfalls nicht durch Meinungsstärke aufwiegen (siehe Beißreflexe). Um noch rasch mit Caroline Fourest (Generation beleidigt) zu antworten, die Alexander Zinn in sein Herz geschlossen, aber vielleicht auch nicht richtig gelesen hat: 

„Es geht nicht darum, die guten alten Zeiten zu bedauern, in denen man sich an Homosexuellen, Schwarzen und Juden auslassen durfte, noch darum, denjenigen Rückendeckung zu geben, die das Verlangen nach Gleichheit mit einer phantasierten ‚Tyrannei der Minderheiten‘ verwechseln.“

Caroline Fourest, „Generation beleidigt“

Und dann wäre da noch der uns so vertraute Bedenkenträger Till Amelung, der der Frage nachgeht „Ist Psychotherapie mit den Menschenrechten von Transpersonen vereinbar?“ Ich werde den Verdacht nicht los, dass Amelung ein massives Problem plagt. Ist das Selbsthass? Denn weder scheint er mit sich noch mit seinem trans*Sein im Reinen zu sein. Oder woher kommt diese fast schon hörig zu nennende Verbundenheit mit der cis-Welt, um sich ihr gegenüber klein zu machen als ein normverletzendes Mangelwesen. Nein, Herr Amelung, trans* ist keine psychische Krankheit. Für uns Transfrauen damals in den 1970er Jahren war die Entdeckung selbsterklärend. Nicht dass wir keine Probleme gehabt hätten, dafür haben Staat und Gesellschaft schon gesorgt. Aber in Zeiten von Rechtlosigkeit half ein starkes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl – und das ersetzte uns die psychodynamischen Ansätze, die sie in ihrem Beitrag empfehlen. Wie kann eine psychotherapeutische Exploration Erkenntnisse liefern, wenn wir trans* geboren werden? Das ist unser ureigenes Wissen.

Was Queer Nations selbst betrifft, so gibt es auch in diesem Jahrbuch wieder ein Update mit schönen Worten: „Wir wollen mehr wissen, wir wollen mehr lernen, mehr verstehen, mehr Wissen weitergeben. […] Gerade aus diesem Grund halten wir weiter an der Idee eines Pluralität ausstrahlenden, performative und politische Differenz aushaltenden, jedenfalls nicht dominant queerfeministisch dominierten Ortes fest, der eben allen Meinungen eine Arena zum fairen Wettstreit im Diskurs bieten soll und der sich in einem breiten gesellschaftlichen Kontext populär behaupten kann.“ Auf die Gefahr hin, als intolerant zu gelten: Mich interessieren nicht alle Meinungen – Wissen jedoch umso mehr. Was ich bei allem Positiven im Jahrbuch vermisse, das ist die Stimme der Kritisierten, also den behaupteten Pluralismus und der hat nichts mit queerfeministischer Dominanz zu tun.

Ein persönlicher Nachtrag: Ich hatte mir erlaubt, schon das Jahrbuch Sexualitäten 2021 kritisch zu kommentieren, woraufhin mich einer der Herausgeber zu einem klärenden Gespräch einlud. Mir, der kleinen, aufmüpfigen, nicht-akademischen Transe erklärte jener Herausgeber auf die charmanteste Art, dass es sich beim Jahrbuch um einen international anerkannten wissenschaftlichen Almanach handele. Das „wissenschaftlich“ wurde eigens betont, als bedeute es wenn nicht eine Heiligsprechung des publizierten Wortes so doch mindestens einen Freibrief für üble trans*feindliche Beiträge (ich erinnere an das Interview mit Jane Clare Jones). Nun ist meine Ehrfurcht vor der Wissenschaft spätestens seit der Lektüre von Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung mächtig geschwunden, weil mir gleich ein paar Lichter aufgegangen waren, die mir dann auch noch Hans Blumenberg und Ernst Cassirer aufsteckten, wie mythisch kontaminiert Wissenschaft sein kann und wie ideologisch deren Resultate sind. Von Jürgen Habermas berühmten Erkenntnis-Interesse mal ganz abgesehen. Geklärt hatte das Gespräch also nichts, sondern nur bestätigt, Ideologie bleibt Ideologie, auch wenn sie Wissenschaft genannt wird und dass Meinungen auch durch ein paar Fußnoten zu nichts anderem werden. Meinen Pfefferminztee hatte ich natürlich selbst bezahlt, aber deshalb will ich nicht behaupten, für Dummheit bezahle man immer selbst. Im Leben geht es zuweilen anders zu. Ich glaube, mit dem Herausgeber darf ich jetzt nicht noch mal Pfefferminztee trinken. C’est la vie!

Nora Eckert ist Publizistin und Vorstand bei TransInterQueer e. V. und Teil der Queer Media Society

Jahrbuch Sexualitäten 2022; Hg. im Auftrag der Initiative Queer Nations von Jan Feddersen, Rainer Nicolaysen und Marion Hulverscheidt; 1. Auflage, August 2022; Hardcover gebunden mit Schutzumschlag; 208 Seiten mit 8 z. T. farb. Abbildungen; ISBN: 978-3-8353-5269-8; Wallstein Verlag; 34,90 €

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