Mitten im Kulturkampf

Der Kampf ums sogenannte biologische Geschlecht ist im Grunde ein Kampf für Patriarchat und Sexismus und damit antifeministisch.

Von Nora Eckert

Ein Blick zurück ins 19. Jahrhundert: Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, der weiß, dass es beim Kulturkampf einst um Bismarcks Kampagne gegen die katholische Kirche und deren Einfluss auf den Staat ging und im Kern um eine liberalere Staatsauffassung gegen eine konservative. Nun, die Sache ging damals für den Kanzler nicht gut aus, weshalb er kurzerhand seine politische Strategie wechselte. Kulturkämpfe hat es seither viele gegeben und nicht immer ist so ganz klar, wer eigentlich gegen wen und vor allem auch warum kämpft. Denn als politische Lagerkämpfe zwischen rechts und links, zwischen konservativ und progressiv verlaufen die Fronten keineswegs so trennscharf wie uns manch verblüffende Koalitionsbildung zu verstehen gibt. Der Populismus, so viel ist heute klar, bringt zudem unerwartete politische Farbenmischungen hervor.

Kulturen verändern sich unentwegt und dabei geht es keineswegs nur um Moden, ob gepunktet oder gestreift, ob kurze oder lange Haare oder Glatze. Kultur als etwas Konstruiertes kennt keine Ewigkeitswerte, das sollten Werte-Kommissionen mit ein wenig historischem Bewusstsein längst herausgefunden haben. Selbst die Moral zeigt am Beispiel der Doppelmoral wie wenig verlässlich sie sein kann. Ob das eine Erklärung für den Aufstieg der anpassungsfähigeren Ethik ist, vermag ich nicht zu beantworten, kommt mir aber plausibel vor. Freiheitsrechte sind allemal die besseren Indikatoren für gelingende Gesellschaften, sofern sie offen und inklusiv sein wollen. Diese Erkenntnis jagt den einen Angst ein, die anderen sehen darin hingegen eine Hoffnung und die Zukunft.

Kultur ist dem Menschen gewissermaßen zur zweiten Natur geworden und nichts hat seine Wandlungsfähigkeit überzeugender gelehrt wie gerade die Fähigkeit zur Kulturanpassung. Schon ein kurzer Blick in die Ethnologie zeigt uns das überdeutlich. Wer hier nun die „ewige“ Biologie als Argument ins Spiel bringt, beweist wiederum, dass bei ihm/ihr offenbar nur eine Gehirnhälfte funktioniert. Die ganze menschliche Wahrheit ist das jedenfalls nicht. Warum das so ist, will ich gerne erklären. Ganz abgesehen davon, dass am radikalsten immer noch die Ökonomie die Kultur verändert hat. Gerade der Kapitalismus führt uns das aktuell mit seinen Lektionen in Sachen Globalisierung und Digitalisierung vor Augen.

Doch nun mittenhinein in die Kampfzone und dort wird seit einiger Zeit um die Frage gefochten, was eine Frau, was ein Mann und wie Geschlecht überhaupt zu definieren sei. Die Lebenswirklichkeit hat das in der ihr eigenen Offenheit längst pragmatisch entschieden, nämlich als Tatbestand der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt, und ist gerade dabei, sich allmählich auch als kultureller Paradigmenwechsel abzubilden. Erfreulich, wie viel entspannter die Mehrheitsgesellschaft denkt, jedenfalls nicht so verbohrt wie jene selbsternannten Kulturverteidiger*innen. Was meine ich damit? 

Wer vom sogenannten „biologischen“ Geschlecht spricht meint zum einen unsere Genitalien und zum anderen ihre Funktion für die Fortpflanzung. Zitiert wird hier ausschließlich die reproduktive Biologie. Wer bitte bestreitet jedoch anatomisch unterscheidbare Körper und die Existenz von Keimdrüsen, die jene zwei Zellen produzieren, aus denen ein Mensch entsteht? Ich kenne niemanden – mich eingeschlossen. Aber sind wir deshalb unsere Genitalien? Wenn es um die Sexualität und Geschlechtlichkeit des Menschen geht, dann ist das sogenannte biologische Geschlecht jedenfalls nur die halbe Wahrheit. Denn weder ist Sexualität nur reproduktiv noch lässt sich die geschlechtliche Lebensrealität mit stereotypen Frau- und Mann-Definitionen erklären.

Neulich hatte in der alles andere als trans*freundlich geltenden Neuen Zürcher Zeitung jemand Kluges die Frage gestellt, warum der Staat nicht ganz auf die Erhebung des Geschlechts verzichte. Warum muss die Hebamme dem Neugeborenen überhaupt zwischen die Beinchen schauen, um dort eine Antwort zu suchen, die das weitere Leben möglicherweise ganz anders entscheidet? Warum genügt es nicht, einfach als Mensch geboren zu werden?

„Dass man sich bei der Konstruktion seiner Person von den Fesseln biologischer Umstände frei machen darf“, so Thomas Ribi in dem erwähnten Beitrag für die NZZ, „ist ein Akt persönlicher Freiheit. Dass ich die Möglichkeit habe, mich als Frau zu entwerfen, wenn ich mich als Frau fühle, auch wenn ich für meine Umgebung als Mann gelte, kann man als Vollendung des Projekts Aufklärung verstehen. Als letzten Schritt aus einer nicht selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die freie Geschlechtswahl erlaubt es allen, sich zu dem Menschen zu machen, der sie sein wollen und sein können.“

Der Haken ist, dass es für Transmenschen keineswegs eine freie Wahl ist. Unsere Geschlechtsidentität entscheidet darüber, was wir sind und die ist so angeboren (aber leider unsichtbar) wie alles, was sonst an primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen aufgeboten wird. Deshalb ist die „freie Wahl“ des Geschlechts für Transmenschen keineswegs frei. Und darum ist es umso wichtiger, dass für uns die Wahl des Namens und des Personenstands frei zugänglich ist, um zu korrigieren, was die Hebamme nicht erkennen konnte. Das kann nur ein Selbstbestimmungsgesetz leisten, das mir die freie Verfügbarkeit über meinen Körper in Übereinstimmung mit meiner rechtlichen und bürgerlichen Identität verleiht.

Als Gastkommentar erschien in derselben Neuen Zürcher Zeitung jüngst ein ganz anders gepolter Text. Der Autor heißt Uwe Steinhoff, seines Zeichens Politologe, der jenem Kreis um Marie-Luise Vollbrecht und Eva Engelken angehört. Er polemisiert gegen das, was er als Rechtsfiktion versteht, vermischt mit altbekannten Borniertheiten und Unterstellungen. Das ist auch ein bevorzugter Angriffspunkt von Kathleen Stock in Material Girls, wonach das „biologische“ Geschlecht unauslöschlich sei und weshalb eine Transfrau nie eine Frau sein könne. Für sie wie für Steinhoff darf es darum kein Offenbarungsverbot geben – sie wollen nicht das Selbstbild anderer Leute entgegen der Realität bestätigen, wie es in der Polemik heißt. So unverblümt offen gibt sich hier die Infamie. Die angeborene Identität wird kurzerhand geleugnet, denn was ich nicht anfassen oder unterm Mikroskop sehen kann, gibt es nicht. Ihre Geschlechter sind buchstäblich gehirnlos. Darum sprechen sie auch immer vom „gefühlten“ Geschlecht. Wer weiß, was da Uwe Steinhoff „fühlt“.

Nun liefert eine binär-heteronormative Kultur geschlechtlich nur Frau und Mann, also wird das Recht nicht um diese Kategorien herumkommen. Das Dilemma wurde in Deutschland 1978 durch das Bundesverfassungsgericht dadurch gelöst, dass man den Rechtsgrundsatz der „Unwandelbarkeit des Geschlechts“ annullierte. Das schuf keine Rechtsfiktion, im Gegenteil, es trug der Lebenswirklichkeit von Menschen Rechnung. Doch Lebenswirklichkeit gilt Stock, Steinhoff & Co. als Fiktion. Da bleibe ich lieber bei Thomas Ribi: „Mit der freien Geschlechtswahl verleiht der Staat kein Recht, sondern schützt eines. Aber er verhindert keine Konflikte. Ob und wie die neue Geschlechterordnung im Alltag gelebt wird, ist nicht Sache des Gesetzes, sondern der Gesellschaft. Es ist eine Sache der Menschen […].“ Wie wahr!

Und natürlich stöhnt bei all dem das tief getroffene Patriarchat auf. Für die patriarchale Matrix ist die Geschlechterdifferenz lebensnotwendig, nur durch sie funktioniert die Unterdrückung der Frau, nämlich als die für den Mann frei verfügbare Frau. Der alltägliche Sexismus spricht genau diese Sprache und ist ohne Misogynie nicht denkbar, wie uns Kate Manne anschaulich in Down Girl beschrieben hat. Exakt dieses Mann-Frau-Modell samt (un)heiliger Familie, hochgehalten von den Verteidiger*innen des „biologischen“ Geschlechts, enthält das ganze Elend unserer Kultur. Wer es genau wissen will, dem sei nicht nur Kate Mannes erwähntes Buch empfohlen, sondern auch Die Wahrheit über Eva von Carel van Schaik und Kai Michel. Es enthält nicht nur die lange Geschichte eines Irrtums, sondern auch das Argument für seine überfällige Abschaffung. So gesehen, ist die Geschlechterfrage nur unzureichend mit der Biologie zu beantworten, aber umso nachhaltiger mit der Politik.

Als Theaterliebhaberin habe ich durchaus meinen Spaß am Personal der gegnerischen Partei mit einer twittersüchtigen Biologie-Oberlehrerin, einer hyperventilierenden Juristin stets kurz vorm Kollaps, einem Politologen, der im fernen Hongkong wohl verlernt hat, was liberal bedeutet und darüber zum Wadenbeißer wurde. Solche Typen finden wir für gewöhnlich auf der Besetzungsliste von Schmierenkomödien. Wirklich übel ist allerdings, dass ihre trans*Feindlichkeit immer organisierter auftritt und weil sie offenbar auch noch viel zu viel Geld in der Kriegskasse haben, schicken sie gerade Anwälte mit lauter Abmahnungen los. Wir bleiben dran.

Nora Eckert ist Publizistin und Ausführender Vorstand bei TransInterQueer e. V. und Teil der Queer Media Society

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