*Schauder – Zitter – Bibber*

Von Alexander Schütz

Einer meiner ersten Berührungspunkte mit Literatur erfolgte durch Comics. Unterstützt durch meine Eltern, besonders meinen Vater und seine umfangreiche Asterix-Sammlung, las ich mich durch ein kleines gallisches Dorf und später sehr gerne und intensiv durch Entenhausen in Form des Micky Maus Magazins und der Lustigen Taschenbücher.

Eine „Randform der Literatur“?

Bei Gleichaltrigen und Mitschüler*innen stieß meine Vorliebe auf wenig Verständnis oder gar Akzeptanz. Dies wurde auch nicht besser, als sich meine Affinität zur gezeichneten Geschichte auch auf Mangas ausdehnte. Sogar meine eigentlich sehr geschätzte damalige Deutschlehrerin tat Comics lapidar als „Randform der Literatur“ ab. Treu blieb ich ihnen trotzdem, auch mit zunehmendem Alter.

Das zweite Genre, das mich so richtig zu fesseln wusste, war dann, auch für mich als eigentlich ängstliches Kind überraschend: der Horror. Ab meinem ungefähr zwölften Lebensjahr gehörten meine Sommerferien zuerst R.L. Stine und später Stephen King. Auch hier stieß meine Liebe zum Genre oft auf Unverständnis, ich sah schließlich „zu nett aus um so etwas zu lesen“.

Gewichtig und umfangreich

Als ich dann irgendwann die wunderbare Vereinigung von Comic und Horror in Form der bekannten Gespenstergeschichten-Hefte entdeckte, hatte ich meine literarische Heimat gefunden. Und ja, bis heute habe ich große Freude an unheimlichen, auch blutigen und brutalen Geschichten die in, mal mehr mal weniger, bunten Bildern erzählt werden. Und jetzt kann ich sogar sagen, dass ich zuletzt lache, wenn ich hier einen ganz besonderen Ausstellungskatalog vorstellen darf: 

Alexander Brauns Horror im Comic. Erschienen im avant-verlag als Begleitband zur Ausstellung im schauraum: comic + cartoon in Dortmund (die dankenswerterweise bis zum 9. Oktober 2022 verlängert wurde).

Aus dem Kapitel „Die Warren-Jahre – Von Frazetta bis Wrightson“; Vampirella, Nr. 4, Januar 2022 (Mike Mathew, Text: John Smith) // © 2022 Alexander Braun/avant-verlag // Mike Mayhew

Mit fast 500 Seiten und beinahe 3 kg ist dies ein gewichtiges und umfangreiches Werk. Muss es aber auch sein, reicht es doch von den Anfängen des Horrorcomics in den 1940er Jahren bis heute, wo Zombies nicht nur im Comic, sondern längst auch im Mainstream angekommen sind.

Der Horror Caravaggios, Goyas und Co.

Dabei setzt Braun spannenderweise noch viel früher ein, nämlich bei den „Großen Alten“. Hier meine ich nicht die lovecraftschen Gestalten, obwohl diese später auch zu Ehren kommen, sondern Künstler*innen wie Rembrandt, Gentileschi, Caravaggio und Goya. Denn was tun diese anderes als in ihren Gemälden Geschichten voller Gewalt und Grauen zu erzählen? 

Sei es, dass Judith den Holofernes enthauptet oder Saturn seine eigenen Kinder verschlingt. Beides verstört ob seiner expliziten Darstellung der blutigen Brutalität auch heute noch. Diese Bilder hingen und hängen in Museen für jeden frei zugänglich. Anders sah dies bei den ersten explizit als „Horror“ beziehungsweise „Terror“ beworbenen Comicheften aus. 

Bücherverbrennung 2.0

EC ließ unter anderem Tales from the Crypt und Vault of Horror auf die Lesenden los. Geschmückt mit fantastischen Covern von heute hoch angesehenen Künstlern wie Johnny Craig und Jack Davis zogen diese jedoch nicht nur die Blicke der Fans auf sich, sondern besonders auch das strenge Auge der Sittenwächter. Dies führte schlussendlich zur Verabschiedung des Comic-Acts, der vorschrieb, was ab sofort gezeichnet und gezeigt werden durfte und was nicht.

Sogar die eigentlich als überwunden geglaubte Ungeheuerlichkeit des Bücherverbrennens erlebte ein Comeback, als in Chicago 1947 „schlechte“ Comichefte öffentlich verbrannt wurden. So ist für mich der erste im Buch behandelte Zeitabschnitt auch der spannendste und ereignisreichste. In jener Zeit wurde der Grundstein gelegt für alle weiteren Horrorcomics die noch erscheinen werden und Kunst und vor allem Künstler*innen beeinflussen die Comiclandschaft bis heute. 

Visuell beeindruckend

Besonders hervorheben möchte ich auch die visuelle Ausstattung im Katalog. Zu fast jeder Geschichte gibt es Bilder zu bestaunen. Seien es historische Fotografien der Schaffenden, wichtiger Ereignisse, wunderschöne Covermotive oder sogar mehrseitige Abdrucke ganzer Geschichten. Diese sind dann ein echtes Highlight und der Traum eines jeden Fans. Ein abgedrucktes Protokoll einer gerichtlichen Anhörung zum Thema, ob die betreffenden Comics junge Lesende negativ beeinflussen oder nicht, liest sich sogar selbst so spannend wie ein Krimi. Wir halten also nicht nur einen toll anzusehenden Bildband in Händen, sondern auch ein Zeitdokument. 

An diese Anfangsjahre anschließend nimmt uns der Autor mit auf eine kleine Zeitreise durch die – allen Umständen zum Trotz – weiter gedeihende Comiclandschaft. Es ist spannend zu lesen, wie kreativ Regeln und Gesetze umgangen wurden und welch großartige Künstler*innen die Szene hervorbrachte. 

Teufel, Vampir, Zombie und Bombie

Danach lassen wir die zeitliche Gliederung hinter uns, denn die folgenden Kapitel widmen sich jeweils einer spezifischen Unterkategorie des Horrors. Der Teufel höchstpersönlich tritt auf, es wird gehext und wer hätte gedacht, dass sogar Batman und Superman einmal nur ganz knapp einem mittelalterlichen Scheiterhaufen entkamen?

Vampire und Werwölfe werden analysiert, mal ganz klassisch, mal verführerisch und sexuell aufgeladen und manchmal sogar fast niedlich. Amüsant ist es zu sehen, dass im Abschnitt über Geister dann auch junge Lesende mit Micky und Donald, aber auch Fix und Foxi, ans Genre herangeführt wurden. Auch die nicht totzukriegenden Zombies schlurfen durch ein eigenes Kapitel, von Donalds Begegnung mit Bombie bis ins Heute, wenn die Toten aus The Walking Dead längst im bürgerlichen Wohnzimmer angekommen sind.

Unter dem Meer

Im nächsten Kapitel tauchen wir in die tiefe See hinab und dieses liefert für mich die schönsten und erschreckendsten Bilder des ganzen Bandes ab. Drei Seiten des von Esad Ribic gezeichneten „Sub-Mariner“ sind abgedruckt und zeugen von dem wahnsinnigen Talent des Künstlers (siehe Bilder oben). In einer Mischung aus Fotorealismus und dennoch unverkennbarem Comicstil schafft er eine unheimliche Atmosphäre und ein Wesen, das mich beim Anblick des Panels richtiggehend erschreckte und trotz sommerlicher Temperaturen eine zentimeterdicke Gänsehaut bescherte. Außerdem dürfen wir einen offensichtlich von Cthulhu inspirierten Carnage bestaunen, mit dem uns Mike Perkins das Fürchten lehrt. Meisterlich.

Vom Meeresboden geht es dann auf ins Weltall und Fans von Tim Burtons Mars Attacks kommen voll auf ihre Kosten. Die ganze Entstehungsgeschichte der garstigen Marsmännchen wird so liebevoll aufbereitet wie die Detailverliebtheit der Kaugummiillustrationen. Natürlich kommt auch Bodyhorror nicht zu kurz, der wahrhaft skurrile Blüten trieb, bis wir zum Finale schließlich einen kleinen Ausflug machen. 

Mal kurz um die Welt

Erstes Ziel ist Italien, wo man Comics und speziell der Mischung aus Sex und Gewalt wohl schon immer ein wenig liberaler gegenüberstand. In oft ganz klaren, fast schon naiven, Zeichnungen ging es in den Fumetti-Neri-Heften ordentlich zur Sache, bis mit Dylan Dog dann wahre Kunstwerke aus Bild und Text entstanden. Auch hier kann man sich dank wahnsinnig schöner Abdrucke von der hohen Qualität überzeugen.

Im Finale schließlich kommen wir in Japan an und wer sich ein wenig mit Horror aus diesen Gefilden auskennt weiß, es gibt weder Tabus noch Grenzen. So lässt uns eines der letzten (Gott sei Dank in schwarz-weiß gehaltenen) Bilder an einer ganz besonderen Foltermethode teilhaben. Danach schlägt man das Buch zu, ein bisschen schockiert, aber auch sehr glücklich und amüsiert anhand der Fülle der Impressionen, der kunstvollen Bilder und dankbar, dass es Menschen gibt, die uns mit diesen versorgen.

Ein wahrer Schatz

Ich hatte großen Spaß an diesem wilden Ritt durch die Geschichte des Genre-Comics. Meine Lust neue Titel zu entdecken wurde wieder geweckt und meine Liste ,was ich beim nächsten Besuch des Comicladens kaufen muss, wächst immer weiter. 

Aus dem Kapitel „Nippon Gore – Von Schnitten und Pusteln“; zu sehen sind Auszüge aus Hideshi Hinos Manekin no heya (dt. Schaufensterpuppe) und ein Panel aus Jigoku No Komorinta (dt. Wiegenlied aus der Hölle) // © 2022 Alexander Braun/avant-verlag // Hideshi Hino

Wer sich also nicht vor Ort im schauraum dortmund von der Qualität überzeugen konnte, für den ist dieser starke Wälzer ein wahrer Schatz. Eine große Empfehlung! *schauder, zitter, bibber*

Das eindrückliche Buchcover zeigt den Ausschnitt eines möglichen The Vault of Horror-Covers

Unser Gastautor Alexander Schütz wurde 1985 geboren und ist gelernter Buchhändler – und Horror-Enthusiast in jeder Form. Auf Instagram betreibt er die Kanäle bookhouse_boy_from_twin_peaks und lets_scare_alex_to_death

Alexander Braun: Horror im Comic; Katalog zur Ausstellung Horror im Comic im schauraum: comic + cartoon, Dortmund, 18. Februar bis 9. Oktober 2022; März 2022; 456 Seiten; vierfarbig, zahlreiche Abbildungen; Hardcover; Format: 25 x 32 cm; ISBN: 978-3-96445-067-8; avant-verlag; 49,00 €

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